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BERLIN / Staatsoper: MARIA STUARDA

18.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Berlin/ Staatsoper: „MARIA STUARDA“, 17.01.2013


Maria Pia Piscitelli

 Eines vorab: Trotz der Gleichheit der Nachnamen bin ich mit Karsten Wiegand weder verwandt noch verschwägert und kenne ihn auch nicht persönlich. Daher kann ich ihn ganz unvoreingenommen für den überraschenden und gut durchdachten Regieansatz bei der Donizetti-Oper „Maria Stuarda“ loben.

Seine Inszenierung an der Deutschen Staatsoper Berlin von 2006, die ich seinerzeit nicht gesehen habe, wirkt nach wie vor frisch und ist es auch. Der inzwischen Vierzigjährige hebt dieses Belcanto-Werk in die heutige Zeit. Offensichtlich wurde bei der Wiederaufnahme für die kleinere Schillertheater-Bühne gut geprobt.

Schon bei der Ouvertüre schimmern durch den geschlossenen Vorhang Gesichter und flanierendes Volk. Als er sich öffnet, sehen wir eine nostalgisch eingerichtete Halle in warmem Braun, aus der eine Treppe auf die Balustrade und in die Zimmer führt (Bühne: Alain Rappaport).

Die junge Frau mit den blonden Zöpfen, die im Schlafanzug aus einem der Zimmer tritt, ist Königin Elisabetta von England. Später hüpft sie auch mal munter im Minirock durch die Gegend, übt aber auch Königinnenposen. Dagegen trägt Maria Stuarda, die eingekerkerte Königin von Schottland und ihre Rivalin, eine nachtschwarze Perücke zum leicht geblümten Nachthemd (Kostüme: Britta Leonhardt).

Karsten Wiegand will die beiden auf diese Weise wohl nicht als stolze Königinnen zeigen, sondern in ihrer Privatsphäre. Als zwei Schwestern, die in Hassliebe aneinander gekettet sind, ja sogar Doppelgängerinnen sein könnten. Maria sitzt übrigens im Rollstuhl und muss von den Kollegen ins Bett getragen werden. Vermutlich eine Chiffre für ihre Unterlegenheit und Hilfsbedürftigkeit.

Maria Pia Piscitelli spielt diese Behinderte so überzeugend, dass ich mich bis zuletzt frage, ob sie womöglich einen Unfall hatte und tatsächlich einen Rollstuhl benötigt.

Sehr leger, in Karohemd und Pulli, kommt Roberto, Graf von Leicester, daher. Lord Guglielmo Cecil gibt einen jungen Mann im T-Shirt. Nur Giorgio Talbot, Graf von Shrewsbury und zuletzt Marias (jugendlicher) Beichtvater, trägt einen eleganten weißen Mantel. Auffallenderweise ist jedoch Anna Kennedy, Marias Vertraute, traditionell gekleidet. Ebenso das Volk, dessen Damen edle Roben tragen, dargestellt vom Chor unter Eberhard Friedrich.

Karsten Wiegand dreht also die Standesunterschiede um, denn Elisabeth contra Maria – solche Konflikte sind zeitlos. Sie beherrschen auch Menschen wie du und ich, zumal wenn es um denselben Mann geht, den beide begehren.

Gar kein Pardon bekommen fast sämtliche Herren. Bereits beim eigentlichen Autor, Friedrich Schiller, kommt Graf Leicester bekanntlich nicht gut weg. Hier noch weniger. Wiegand zeigt ihn als Mann ohne Einfühlvermögen, der die (laut Libretto) hässliche Elisabeth dermaßen dümmlich zum Gnadenerweis für Maria drängt, dass sie schon aus Eifersucht nein sagt.

Als Sprücheklopfer wird er ebenso entlarvt. Für die Befreiung der Geliebten würde er sein Leben opfern, hatte er anfangs getönt. Doch bei der Nachricht, dass Elisabeth ihr Todesurteil unterschrieben hat, sitzt er bei Englands Herrscherin gerade bei Tisch und schaufelt ohne nachhaltiges Erschrecken weiter seine Mahlzeit in sich hinein. Der Graf als Prolet, dem kein Bissen im Halse stecken bleibt.

Umso schöner sind jedoch die Töne, die Eric Cutler (Graf von Leicester) aus der Kehle quellen. Kraftvoll und reich an Nuancen klingt sein Tenor von Anfang bis Ende. Überdies sind seine Duette mit der fabelhaften Maria Pia Piscitelli als schottischer Königin beiderseits eine Lektion in bestem Belcanto, zumal ihr warm leuchtender Sopran alles ausdrücken kann: Liebe, Verzweiflung, Aufbegehren, Buße und Todesmut. An Zwischenbeifall mangelt es daher nicht.

Großartig auch die ebenfalls applaudierten Duette der beiden königlichen Schwestern. Im Zusammenklang und Widerstreit überzeugt der Mezzo von Maite Beaumont sogar mehr als im Alleingang. Dass Elisabeth die Maria im Kerker aufsucht, ist eine Erfindung Schillers. In Wirklichkeit sind sich die beiden nie begegnet.

Eine andere Zutat des Dichters, die heikle Darreichung der hl. Kommunion an Maria – schon von Goethe an Schillers Drama kritisiert und jahrzehntelang höchst umstritten oder verboten (wie die gesamte Oper) – hat Wiegand glücklicherweise gestrichen. Stattdessen nimmt Talbot (Simón Orfila) die Behinderte tröstend auf den Schoß und verheißt der Büßerin ewiges Heil. Sein Bassbariton, anfangs recht belegt, findet im Verlauf ebenfalls sein Heil.

In den beiden kleineren Rollen gefallen Arttu Kataja als lässiger Lord Guglielmo Cecil, der Elisabeth zur Unterzeichnung des Todesurteils drängt, und Katharina Kammerloher als getreue Anna.

Wie der kräftige Schlussbeifall beweist, findet das Publikum auch und zu Recht Gefallen an der Leistung der Staatskapelle Berlin unter dem Österreicher Friedrich Haider. Weitere Termine: 20., 25.und 28. Januar.

Ursula Wiegand

 

 

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