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BERLIN/ Konzerthaus: YOUNG EURO CLASSIC – National Youth Orchestra of Great Britain mit einer wild aufpeitschenden 9. Symphonie von Gustav Mahler

11.08.2015 | Konzert/Liederabende

 BERLIN Konzerthaus: Young Euro Classic – Festival der besten Jugendorchester der Welt (6.-23.8.) „Hier spielt die Zukunft“

Heftig umjubeltes Debut des National Youth Orchestra of Great Britain mit einer wild aufpeitschenden 9. Symphonie von Gustav Mahler, 10.8.2015

Ja hier spielt die Zukunft, das mag sich wohl mancher gedacht haben beim Schlussapplaus, der sich nach dem 4. Satz der Mahlerschen Apotheose wie nach einem Popkonzert über die jungen Musikerinnen und Musiker samt dem Dirigenten Sir Mark Elder ergossen hat. Schon seit Jahren lädt der Deutsche Freundeskreis europäischer Jugend Orchester zu diesem renommierten und wichtigen Festival. Umso erstaunlicher ist, dass mit dem 1948 gegründeten britischen Klangkörper eines der besten Jugendorchester Europas in diesem Jahr zum ersten Mal mit von der Partie ist. Und haben gleich einen vollen Coup gelandet. Ja liebe Briten, wir brauchen Euch in der EU! Ihr seid nicht nur clevere Banker und habt eine der besten Armeen Europas, ihr seid auch eine Musikgroßmacht mit tollen Orchestern und Opernhäusern, die wir dringend brauchen. Viele Tränen der Freude gab es im Orchester beim Applaus, wohl der Überwältigung durch die Musik Mahlers als auch dem langen und wirklich explodierend aufbrandenden Zuspruch des Publikums geschuldet.

Dabei gab es vor der Aufführung der Mahlerschen D-Dur Symphonie noch eine sehr erfreuliche deutsche Erstaufführung des für dieses Jugendorchester geschriebenen Werks „Re-greening“ der britischen Komponistin Tansy Davies zu bestaunen. Ohne Dirigenten spielte, sang und bewegte sich die Hundertschaft der Instrumentalisten (160 Mitwirkende!) durch diese 8-minütige durchaus originelle und ansprechende Klangvision der Erweckung des aufrauschenden Frühlings nach einem langen Winterschlaf. Und versprühen dabei dem schamanischen Jahres-Rad folgend eine unbändige Energie, die nicht nur Bäume lauben und Blumen sprießen lassen, sondern Tote auferwecken kann. Die Streicher punkten mit großen mächtigen Klangwellen, elektronische Elemente mischen sich geschickt in den prachtvoll auch vom Orchester simultan gesungenen vielstimmigen Chor. Dieser durch zwei alte englische Weisen inspirierte Vokalpart zieht sich wie eine sanfte Frühlingsbrise über die ausladende Ausbrüche der Natur. Fazit: Großes Interesse des Publikums und definitiv mehr als ein Achtungserfolg für die mit einer großen Sonnenblume belohnten Komponistin beim Applaus.

Das Konzert hatte auch einen Paten, und zwar den Journalisten und Autor Alexander Graf von Schönburg-Glauchau. (Bruder von Gloria von Thurn und Taxis, seit seiner Hochzeit auch Großneffe von Prinzgemahl Philipp von Großbritannien und der Queen höchstpersönlich). In einer launig (aber gut) in deutscher und englischer Sprache gehaltenen Eröffnungsrede stellte er zur nicht bloß rhetorischen Diskussion, ob denn so junge Menschen wie die Mitglieder des National Youth Orchestra of Great Britain überhaupt die Tiefe der Musik der 9. Symphonie von Mahler erfassen und klanglich ausloten könnten. Und verwies auf einen befreundeten schwer zufrieden zu stellenden Mahler-Experten, der das Orchester Tage zuvor mit diesem Werk gehört hatte. Über sein Urteil, das auch meines ist, ein klein wenig später. Schönburg-Glauchau analysierte dann vorweg, dass die Kraft zu einer aufwühlenden Interpretation den Jugendlichen dank eines hohen Maßes an Kompromisslosigkeit und Unbedingtheit durchaus zukomme.

Und in der Tat, mit welchem Elan, Ernst und Eifer die MusikerInnen ihrem Mahler-erfahrenen Dirigenten Sir Mark Elder gefolgt sind, das habe ich in meinen 40 Jahren Konzerterfahrung selten erlebt. Sir Mark Elder, der diese Symphonie 2014 schon mit seinem Hallé Orchester erfolgreich für CD eingespielt hat, sieht in Mahlers symphonischem „Matterhorn“ nicht einen morbiden Abschied vom Leben, sondern eine kraftvolle und an Gegensätzen reiche, teils heitere, teils durchaus beschwerliche Reise durch die conditio humana. Die Jungen mögen sich fragen, was Leben sein kann, dass es Skurril-Banales (siehe 2. Satz) ebenso umfasst wie Widerstreitendes, Reminiszenzen (Mahler zitiert auch aus früheren Werken) oder schlicht Unaussprechliches.

Dabei war es während des Konzerts ein Vergnügen zu sehen, wie die Musiker aufeinander achten, sich gegenseitig beflügeln und zusammenwirken, ohne auch nur einen Augenblick die Aufmerksamkeit vom Dirigenten zu wenden. Das Ergebnis war dementsprechend beeindruckend. Was an ausgefeilter Finesse und Delikatem ein wenig fehlte, machte das britische Ensemble im Gesamtgefüge der ungeheuerlichen Komposition durch vitale Intensität, leidenschaftlichsten Einsatz, vollkommen überzeugende Aussage und sinnstiftendes Musizieren wieder wett. Ein Konzert, in dem auf tiefste existenzielle Fragen ebenso viele letztgültige Antworten gegeben wurden. An jedem einzelnen Gesicht was ablesbar und zu bestaunen, wie großartige Musik das Beste aus einem herausholen kann. Dabei kann jeder sein Geheimnis bewahren, es hüten und dennoch ohne Worte für jeden verständlich mitteilen. In dieser Komplizenschaft möchte ich dem formidablen Klangkörper noch viel erfolgreiche pädagogische Arbeit und dem Publikum solch wichtige Begegnungen wünschen, wie das an dem heißen Montagabend im schönen Schinkelbau am Gendarmenmarkt in Berlin der Fall war.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

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