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BERLIN/ Konzerthaus: WIENER PHILHARMONIKER UNTER NIKOLAUS HARNONCOURT

Berlin/ Konzerthaus: Wiener Philharmoniker unter Nikolaus Harnoncourt, 10.11.14

Nikolaus Harnoncourt, Wiener Philharmoniker, Foto Werner Kmetitsch, II
Nikolaus Harnoncourt animiert die Wiener Philharmoniker, Foto Werner Kmetitsch

 Was er wohl am Montag danach tun solle, fragte Nikolaus Harnoncourt, als er im Oktober 2014 den ECHO Klassik für sein Lebenswerk erhielt. Vermutlich empfand er diese Ehrung als voreilig und beschert am Montag, dem 10. November, den Zuhörern im prall gefüllten großen Konzerthaus-Saal eine Sternstunde.

Es wird ein denkwürdiger Abend im Rahmen der Hommage des Hauses vom 07. bis zum 16. November für diesen außergewöhnlichen Künstler und Musikwissenschaftler, der am 6. Dezember 2014 seinen 85. Geburtstag feiert. Neben Orchesterkonzerten wurden und werden aus diesem Anlass Kammermusik, Filme, eine Ausstellung und eine Festschrift geboten.

Als Komponisten für diesen 10. November hat Harnoncourt Franz Schubert gewählt, als Partner die Wiener Philharmoniker. Warum? „Schubert ist einer der drei Komponisten, die im Wiener Dialekt komponieren – sowohl im Sinfonischen als auch in den Opern. Ich möchte dieses Programm mit den Wiener Philharmonikern machen, weil das Orchester noch immer einen sechsten Sinn für Schubert hat, weil die Musiker den Wiener Dialekt können,“ so Harnoncourts (geboren 1929 in Berlin) Begründung.

Zunächst bringt er Schuberts Bühnenmusik zum Schauspiel „Rosamunde, Fürstin von Zypern“ D 797, uraufgeführt im Dezember 1823 im Theater an der Wien. Der Schauspieltext ging verloren, doch mit Hilfe einer Überarbeitung des Dramas, die 1995 auftauchte, und „dank der detaillierten Wiener Rezensionen von 1823 kann man den Sinn der Schubert’schen Einlagen einigermaßen erhellen“, erläutert er im Programmheft.  

Nikolaus Harnoncourt, Wiener Philharmoniker, Foto Werner Kmetitsch
Nikolaus Harnoncourt, Wiener Philharmoniker, Foto Werner Kmetitsch

Harnoncourt bleibt jedoch Harnoncourt und erklärt dem Publikum in einigen launigen Sätzen ebenfalls den Inhalt des Stückes, was Heiterkeit hervorruft. Auch zwischendurch macht er kleine Pausen, um die Zuhörer darauf aufmerksam zu machen, was Schubert mit seiner Musik illustriert: das hübsche Dorfmädchen Rosamunde, das der mächtige Fulgentius zur Frau haben will, das aber einen anderen liebt und sich ihm verweigert, das ins Verließ geworfen wird, fliehen kann und dann bei den Hirten ihrer Kindheit Aufnahme und Frieden findet.

Harnoncourt arbeitet diese divergierenden Charaktere und Vorgänge mal mit Charme, mal mit Wucht intensiv heraus und zeigt, welch verschiedenartige Stimmungen Schubert klangreich darbietet. Liebevoll wird Rosamunde nach ihrer Flucht aus dem Kerker von der Fischersfrau Axa, die sie aufgezogen hat, in den Schlaf gesungen, eine Romanze, von der Altistin Wiebke Lehmkuhl mit Wärme artikuliert. Chöre fehlen bei Schubert auch nicht, waren sie doch schon immer ein Renner. Beim Geister- Jäger- und Hirtenchor brilliert der Arnold Schoenberg Chor, einstudiert von Erwin Ortner.

Zum eigentlichen Höhepunkt wird jedoch Schuberts „Sinfonie h-Moll D 759“, die „Unvollendete“.  „Das Stück geht mir seit 60 Jahren unter die Haut: Und ich möchte das Werk noch einmal mit den Wiener Philharmonikern unter meiner Haut spüren,“ hat Harnoncourt vorab geäußert. Gleichzeitig warnt der Maestro bei dieser allseits bekannten Sinfonie vor Routine. „Man muss alles vergessen, muss immer ganz neu suchen.“ „Zufriedenheit ist ein Todesurteil,“ betont er. Das Ziel bleibe unerreichbar, „denn ein großes Kunstwerk enthüllt nie sein Geheimnis.“

Nach diesem Credo geht er mit den Musikern auf eine faszinierende Entdeckungsreise. Die hat auch Franz Schuberts persönliche Tragödie zum Inhalt, das Trauma eines Mannes, der wegen seines Komponierens vom Vater aus dem Haus geworfen wurde und seine geliebte Mutter erst auf dem Totenbett wieder sah.

Solch eine innere Traurigkeit scheint in den kaum hörbaren Pianissimo-Einsätzen der Violinen anzuklingen. Danach eine ungewöhnlich lange Pause, gefolgt von einem Aufschrei des ganzen Orchesters. Harnoncourt kümmert sich um alles, gibt agil präzise Zeichen, entlockt den Instrumentalisten kostbare Kantilenen, gefolgt von zornigem Aufbäumen.

Womöglich gehen auch die Wiener Philharmoniker an diesem Abend mit dem Altmeister einen neuen Weg, folgen jedem Fingerzeig, lassen die Melodien wunderbar klar singen, jedoch frei von aller Rührseligkeit. Es entsteht das Porträt des Genies Schubert, eines jungen Mannes, belastet mit einem Jugendtrauma.

Harnoncourt hat geforscht und die später hinzugefügten glättenden Änderungen in Schuberts Werken getilgt. Nun fördert er die ursprünglichen Kontraste wieder zu Tage, setzt die oft äußersten dynamischen Gegensätze so unvermittelt gegeneinander, wie sie Schubert komponiert hatte.

Seinerzeit hätten solche „Korrekturen“ ihre Berechtigung gehabt, räumt Harnoncourt ein. „Heute aber kann (und muss) man wohl Schuberts Sinfonien so spielen , wie sie komponiert wurden,“ so sein Fazit. Er und die Wiener Philharmoniker tun genau das und lassen uns die „Unvollendete“ in einer neuen ergreifenden Vollendung hören.

Danach tosender Beifall, lautstarker Jubel und „standing ovations“. Harnoncourt ist sichtlich gerührt, schüttelt mehrmals der Konzertmeisterin die Hand und ist danach noch fit für ein Nachtgespräch mit Jürgen Flimm. „Das Konzert hat mir die Haut abgezogen, ich habe keine Haut mehr, die mich schützt,“ sagt er anfangs und sorgt sich um die Kinder, die heutzutage ohne Kunst und Kultur aufwachsen und nur funktionieren sollen.   

 Ursula Wiegand

 

 

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