Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN/ Konzerthaus: SAISONERÖFFNUNG MIT JULIA FISCHER

08.09.2016 | Konzert/Liederabende

Berlin/ Konzerthaus: Saisoneröffnung mit Julia Fischer, 07.09.2016

Wetter wie im sommerlichen Italien und passend dazu, wenn auch per Zufall, im Konzerthaus Berlin ein italienisch inspirierter Saisonstart mit „Il Vitalino raddoppiato„, komponiert 1977 von dem Italien-Fan Hans Werner Henze.

Inspiriert von einer Chaconne des Barock-Komponisten Tommaso Vitali – die Handschrift fand sich in einer Dresdner Bibliothek – komponierte (nach einer Version für Geige und Klavier im 19. Jahrhundert) Henze eine „Ciacona per violino concertante ed orchestra da camera“, behielt aber das bei, was für eine Chaconne typisch ist – eine permanent wiederholte und variierte Tonfolge.

Julia Fischer, Copyright Felix Broede
Julia Fischer. Copyright: Felix Broede

Den Violinpart spielt die Stargeigerin Julia Fischer und erklärt dem Publikum vor Beginn, dass das Konzerthausorchester Berlin dieses Stück zum ersten Male spiele und im Verlauf zu hören sei, wie es schließlich im 20. Jahrhundert ankomme.

Bei Julia Fischer bzw. Henze bleibt das zunächst weiter beherrschende melodiös-schlichte Thema, bestehend aus vier vom Grundton absteigenden Tönen, frei von aller Süßlichkeit. Mal zarter Schmelz, mal kräftiger Strich. Nach manch perfektem Legato hüpft der Bogen, von einem verschmitzten Lächeln begleitet, über die Saiten. Jeder der ins Ohr gehenden Tonfolgen verpasst sie eine unterschiedliche Färbung.

Doch allmählich schleichen sich erste Dissonanzen ins harmonische Grundmuster, gefolgt von versetzten Rhythmen. Henze hat die 58 Original-Variationen durch eigene ergänzt, so dass sich nun alt und neu abwechseln und untertitelgemäß ein verdoppelter Vitalino entsteht.

Iván Fischer, Foto Marco Borggreve
Ivan Fischer. Copyright: Marco Borggreve

In diesem Netz von Gegenstimmen verfängt sich mitunter das Orchester, so dass trotz der höchst aufmerksamen Leitung durch Iván Fischer einige kleine Unstimmigkeiten zwischen der Geigerin und dem Orchester bei dieser Premiere zu hören sind. Der 1. Cellist als regulierende Kraft bügelt das stets  schnell wieder aus. Und immer, wenn die ursprüngliche Melodie wieder auftaucht, gibt es ein Aufatmen.

Henze hat eine Solo-Kadenz eingefügt, und hierbei kann Julia Fischer all’ ihr immenses Können und ihre Musikalität zeigen. Kraftvolle Striche wie Gewitterdonner im Wechsel mit zartesten Pianissimi und Pizzicati wie Vogelgezwitscher sowie ein rauschender Schluss für alle miteinander. Die umjubelte Geigenvirtuosin drückt dem Cellisten ihren Blumenstrauß in die Hand und beweist mit der Zugabe, dass ihr rein gar nichts zu schwierig ist. Sie spielt, aber wie!, Paganinis Capriccio Nr. 24 a-Moll. Danach Ovationen für diese „Paganina“.

 Anschließend bändigt Iván Fischer mit den Seinen überzeugend die „symphonische Riesenschlange“, eine recht abfällige Äußerung von Eduard Hanslick über die „Sinfonie Nr. 7 E-Dur“ von Anton Bruckner nach der Wiener Erstaufführung 1886. Er komponiere wie ein Betrunkener und sei von den heterogensten Niederschlägen Beethovenscher und Wagnerscher Musik überschwemmt worden, (ver)urteilte Gustav Dömpke. Letzteres hat er richtig gehört, es wagnert mitunter sehr, u.a. von Tannhäuser bis zu Siegfrieds Waldvögelein.

 Fischer macht daraus kein Hehl und bringt dieses dennoch voll authentische Bruckner-Werk großartig zum Klingen. Was nach dem ersten Stück besonders auffällt – Bruckner variiert die sich wiederholenden Melodien, die so schön ins Ohr gehen, ebenso fantasievoll, wie es einst Vitali gemacht und Henze es versucht hat. Fischer nimmt diesen Faden auf und gestaltet, ohne die Gesamtheit aus dem Auge zu verlieren, mit Körpereinsatz jedes Detail.

Während Bruckner den zweiten Satz komponierte, starb Richard Wagner. Seine tiefe Trauer findet in der Coda des Adagios, das von Wagnertuben und Hörnern intoniert wird, ihren Widerhall. Nicht zuletzt dieses feierliche Adagio, von Fischer stellenweis’ wie schwerer Samt gestaltet, bracht Bruckner den Durchbruch.

Dass ansonsten duftige Passagen nahtlos rasanten Steigerungen Platz machen, ist Iván Fischers Markenzeichen und auch das des von ihm „trainierten“ Konzerthausorchesters. Nachdem er vor Jahren bei seinem Amtsantritt die Instrumentalisten umgruppierte, klingt auch der vorher dröge wirkende große Saal. An diesem Abend stehen die tiefen Blechbläser rechts außen, und das wirkt perfekt. Das fitte Blech ist ohnehin ein Pluspunkt und kann in dieser Sinfonie wirklich glänzen.

Dass alle gemeinsam ein intonationsreines, wackelfreies Unisono spielen können, sei ebenfalls erwähnt. Im bewegten Finale laufen sie, herausgefordert vom Chefdirigenten, nochmals zur Hochform auf. Den heftigen Beifall haben sie sich verdient.   

 Ursula Wiegand

Im Rahmen des Musikfestes Berlin wird dieses Konzert am 08.09. in der Philharmonie wiederholt. 

 

Diese Seite drucken