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BERLIN/ Konzerthaus: KONZERT RSB – Vladimir Jurowski; Julia Fischer

28.03.2022 | Konzert/Liederabende

Berlin / Konzerthaus: großartiges Konzert mit Vladimir Jurowski und Julia Fischer, 27.03.2022

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Julia Fischer und Vladimir Jurowski in voller Aktion. Foto: Peter Meisel

Ein rein russisches Programm, dargeboten von Vladimir Jurowski – geboren in Moskau und seit 1990 in Berlin heimisch – geht denn das heutzutage überhaupt? Seit „Putins Krieg“ gegen die Ukraine schauen viele Menschen kritisch auf russische Künstler/innen und sogar auf bisher weltweit geschätzte Werke russischer Komponisten. Doch letztere haben das nicht verdient und viele russische Interpreten auch nicht.

In einem offenen Brief am 13. März verurteilte Jurowski den Angriff Russlands auf die Ukraine, warnte jedoch vor einem Pauschalboykott von Künstlern des Landes. „Der skrupellose Krieg, den das totalitäre Regime unter Präsident Vladimir Putin gegen die souveräne Ukraine entfesselt habe, lasse sich in keiner Weise rechtfertigen“, schrieb Jurowski, auch Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München. Mehr als 100 Künstler, so der Dirigent Sir Simon Rattle oder der Pianist Alexander Melnikov, haben den Brief unterzeichnet.

Die vom Konzerthaus geplante „Hommage an Dmitri Schostakowitsch vom 15. – 27. März 2022“ abzusagen, die auch dem Andenken an den am 19.03.2022 verstorbenen Dirigenten Michail Jurowski (Vladimirs Vater) gewidmet wurde, wäre sogar widersinnig gewesen. Schostakowitsch (1906-1975) hat bekanntlich sehr unter den Kultur-Vorschriften Stalins gelitten, die auch nach dessen Tod im Jahr 1953 fortgesetzt wurden. Vorsichtig taktiert hat er allerdings auch und sich in Hetzperioden regierungsnah verhalten, denn stets lebte er in Angst. Seinen Protest drückte er in den Noten aus, vor allem beim „Konzert für Violine und Orchester Nr.1 a-Moll, op.77“.

Dieses, für den brillanten Geiger David Oistrach 1947/48 komponierte Stück landete jedoch zunächst in der Schublade und wurde erst 1955 von Oistrach in Leningrad (heute St. Petersburg) uraufgeführt und begeisterte auch bei Oistrachs USA-Tournee.  

Noch immer ist dieses 40minütige Konzert mit seinem extrem langen Solo ein Prüfstein sondergleichen. Daniel Hope hat es vor Jahren mit dem BBC Symphony Orchestra, London, unter der Leitung von Maxim Schostakowitsch gespielt. Nun macht es mit Courage und überzeugendem Einsatz die weltbekannte Geigerin Julia Fischer. Sie spielt das komplizierte Stück auswendig, und allein das ist schon eine sehr respektable Leistung. Schon ihretwegen ist der große Saal im Konzerthaus ausverkauft.    

Schon die vier Sätze und ihre Benennungdieses Violinkonzerts sind ungewöhnlich. Sie heißen Nocturne. Moderato, Scherzo. Allegro, Passacaglia. Andante – Cadenza sowie Burlesque. Allegro con brio. Dunkel getönt, wirklich nächtlich, beginnt das Stück, wie ein Seufzer. Dissonanzen lassen an ungute Träume denken. Bald wird es noch rabiaterer, Power ist schon beim Scherzo gefragt, das seinen Namen Lügen straft und auch boshaftes Gelächter hören lässt.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) kommt mit Schlagwerk und Blechbläsern inklusive der Tuba nun immer heftiger zum Einsatz. Keine Scherze sind zu hören, dämonisch klingt alles und wird mitunter zum Höllenritt. Etwas jüdische Folklore und Schostakowitschs Kennzeichen D-S-C-H (ein Bach-Bezug) sind nun öfter zu vernehmen, benannt nach seiner Namensschreibung auf Deutsch.

Dann die Passacaglia, ruhiger, trauriger, Passagen zum Aufatmen. Julia Fischers Geige, einer Guarneri des Gesù von 1742, schwebt über den zart musizierenden Holzbläsern hinein in die fast siebenminütige Cadenza mit ihren schwierigen Doppelgriffen und Ton-Höhenrekorden. Das verlangt Fitness und volle Konzentration.

Der durchaus kräftige David Oistrach hatte Schostakowitsch beim Komponieren vor der Cadenza um eine kleine Pause gebeten. Die Bitte wurde erfüllt, doch zum Atemholen oder Lockern des den Bogen führenden Arms bleiben nur wenige Sekunden. Alles mündet schließlich in die derbe und temporeiche Burlesque, endend mit einem Allegro con Brio, das von Moll zuletzt zu Dur wechselt. Ein Knalleffekt, hinüberleitend zu Ende gut, alles gut? Keineswegs und dennoch ein Hörereignis sondergleichen. Es folgt aufbrausende Begeisterung des Publikums, Jubel und spürbare Anerkennung für rd. 40 Minuten Geigenspiel auf allerhöchstem Niveau.

Als Zugabe die Sarabande aus der Partita Nr. 2 d-Moll für Violine solo von Johann Sebastian Bach. Nun ist die Welt kuzzeitig wieder in Ordnung.

Nach der Pause ist Sergei Prokofjew (1891-1953) mit dem „Andante aus der Klaviersonate Nr.4 für Orchester“, bearbeitet von Sergei Prokofjew op. 29a, an der Reihe. Er stellte damit Details von seinen Kompositionen aus den Jahren 1908, 1917 und 1934 vor, so als sammele er die Brocken seines Lebens ein.

Das Stück beginnt „rums, rums“ mit brutalem Blech, wird auch mal schwingend und lieblicher, um wieder zum dunklen Blech mit Tuba und Posaunen zurückzukehren. Alles perfekt vom RSB dargeboten, doch so recht gezündet hat dieses Werk nicht. Nur kurz ist der Applaus.

Dann aber Rachmaninow (1873 – 1943), von den Modernisten um Schönberg einst als Spätromantiker verspottet, was wohl sein Selbstbewusstsein beschädigt hat. Immer hat er sich Schostakowitsch unterlegen gefühlt, dem nach der Sowjetzeit soviel Anerkennung zuteil wurde. Anders als der emigrierte Rachmaninow mit seiner Familie 1917 bei der beginnenden Oktoberrevolution in die USA, reüssierte dort vor allem als Klaviervirtuose, wurde durch seine Konzerte reich und kehrte nie mehr nach Russland zurück.

Doch die Kritiker waren ihm nicht wohlgesinnt, und er selbst anerkannte seine „verbrecherische innere Demut“ Rachmaninow gelang es nach eigenen Worten also nicht, an sich zu glauben. Doch warum diese Selbstzweifel?

Seine „Sinfonischen Tänze“ aus dem Herbst 1940 sind jedenfalls großartige und klangreiche Musik voller Energie, und das bringt nun Jurowski mit viel Einsatz und Körperspannung zum Ausdruck. Der tanzt und hüpft nun auf dem Podium und zeichnet so Rachmaninows Leben nach, das in diesen Tänzen steckt.

Anfangs ein drönender jugendlicher Marsch, dann schöne naturnahe Passagen mit teils melancholischen Stimmungen. Schrillen Tönen folgt ein Walzer „mit Anlauf“, der Versuch einer echten Fröhlichkeit, der aber scheitert. Der religiöse Bereich fehlt auch nicht, ins mächtige Finale sind das „Dies Irae“ und der Glockenklang bei der Auferstehung eingewoben. Die Glocken, die auch in anderen Werken erklingen, erinneren Rachmaninow ihn an Moskau, „wo ich den größten Teil meines Lebens inmitten der Schwingungen  der Glocken von Moskau verbracht habe.“

Riesiger Jubel für Jurowski, der diese großartige Musik kraftvoll dirigiert und ihr Rachmaninows unnötige Minderwertigkeitskomplexe ausgetrieben hat. Ein insgesamt außergewöhnlicher und Energie spendender Konzertabend.

Ursula Wiegand    

 

 

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