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BERLIN/ Komische Oper: ORPHEUS

04.10.2013 | KRITIKEN, Oper

BERLIN / Komische Oper ORPHEUS, 3.10. 2013

Unbenannt
Foto: Iko Freese/ drama-berlin.de

 Wer kennt sie nicht die schöne traurige Geschichte um Liebe, Musik und menschliche Hybris? In Berlin kann man Orpheus als farbig sinnliches Spektakel in arkadisch grünem Urwald erleben. Dem zum Tag der deutschen Einheit zahlreich erschienenen Publikum hat die dichte Repertoirevorstellung von Claudio Monteverdis Opernerstling in der deutschen Textfassung von Susanne Felicitas Wolf und der musikalischen Bearbeitung der russischen Komponistin Elena Kats-Chernin jedenfalls gefallen.

 Barock quirlig und zum Staunen haben das Team von Katrin Lea Tag (Bühnenbild und Kostüme) und Katharina Tasch (Kostüme) ein wahres Eden auf die Bühne gezaubert: Da surren und funkeln auf Stäben kreisende Vögel, Satyr und Nymphe geben sich die Ehre im Granatapfelhain, saftiges Blattgrün verdeckt die jugendfrei halbbekleidete Komparserie. Optisch und akustisch sind wir mitten im Paradies. Das Publikum kann sich verzaubert dem Feuerwerk an Gesang, Tanz und dalmatinisch orientalischen Klangfarben hingeben. Die Komische Oper hat mit der Beauftragung der Komponistin Elene Kats-Chernin, einer Schülerin Helmut Lachenmanns, einen Volltreffer gelandet. Von anfänglichen Rheingoldreminiszenzen bis zu Anklängen an die Klangflächen Arvo Pärts gibt es so manches déjà entendu. Aber es bleibt der geniale Musensohn Claudio Monteverdi aus Mantua, dessen innovativ rudimentäre Aufzeichnung seiner favola eine kongeniale Übertragung in lebendigstes Musiktheater erfährt. Ein Fest für Klein und Groß. Wann hört man schon im Continuo Part (notengetreu arrangiert von André de Ridder) eine so exotische Instrumentenmixtur aus Bandoneon, Cimbalom, Djoze, Akkordeon und Kontrabass? Argentinischer Tango und mediterraner Fischeintopf, Datteln, Feigen und gebrannte Mandeln. Welch wundersamer Kosmos entsteht vor unseren Augen und Ohren. Selbst der Herzog von Mantua Francesco Gonzaga hätte mit den Arrangements der Komischen Oper wahrscheinlich seine helle Freude gehabt.

 Das gesamte Theater wird zur Bühne, auf einem breiten Laufsteg vor dem hoch sitzenden Orchester produzieren sich Chor und Ballett, die Sängerinnen und Sänger tragen die komplex-chromatischen Madrigale in Antiphongruppen links und rechts des Bühnenraums verteilt vor, Fanfare und Trompete mischen sich vom ersten Rang in die Hitze des musikalischen Gefechts. Ein schön arrangierter und dramaturgisch durchdachter Abend. Bei so viel dramaturgischer Emphase darf es auch nicht verwundern, dass die musikalische Umsetzung nicht ganz mithalten kann und auch der Mittelteil des Abends mit Orpheus Suche nach seiner Euridike in der Spannung etwas abfällt.

 Freilich ist der Tenor Peter Renz in der Rolle eines alternden Amors (statt musica und speranza) unnachahmlich präsent und gesanglich präzise und klingt die koloratursicher auftrumpfende Theresa Kronthaler in den Rollen der Verkünderin des Todes Euridikes, Sylvia und als Göttin der Unterwelt Proserpina luxuriös wie die junge Baltsa. Die Euridike Mirka Wagners projiziert ihren glockenhellen etwas neutralen Sopran in das übermächtige Ego ihres angebeteten Orpheus. Der wiederum wird vom tapferen Bariton Dominik Köninger so intensiv und leidenschaftlich dargestellt, dass ihm der Schweiß über den nackten Oberkörper läuft, der vokale Vortrag ist sicher und berührend. An der etwas gaumigen Tongebung, der Präzision der Verzierungen und der Textverständlichkeit allgemein könnte dieser begabte junge Sänger allerdings schon noch arbeiten. Vokal unzureichend, weil kaum hörbar, sind die Bässe Stefan Sevenich und Alexey Antonov in den Rollen des Fährmanns Charon und des Gottes Pluto. Kleine Randbemerkung: Ich denke, dass die deutsche Übersetzung den Sängern so manchen Bärendienst erweist, weil der Monteverdische Sprechgesang eng an das verkomponierte Wort und damit die italienische Sprache gebunden ist.

 Musikalisch wird der Abend von Ralf Sochaczewsky betreut. Mit präzisem Schlag hält er die auf den gesamten Theaterraum verteilten Musiker zusammen, das Orchester und der von David Cavelius hervorragend präparierte Chor folgen der rhythmisch strengen Hand mit Verve und Freude. Gottlob hört man kaum ein romantisch subjektives Rubato, mit denen so manche Originalklangapostel Wasser in barocken Wein schütten.

 Die Aufführung hält noch einen unglaublichen Triumpf in der Hand. Der Regisseur Barrie Kosky hat wohl nicht nur einen relativ banale Liebesgeschichte erzählen wollen, sondern zeigt den Künstler Orpheus als großen auf sich bezogenen Egomanen, der auf der ständigen Suche nach dem eigenen Ich niemandem, auch nicht Euridike, echten Platz lässt. Diese Spaltung in ein sichtbares konkretes und ein fiktives, ersehntes /geträumtes Ego lässt der Theatermagier Kosky durch eine weiße Puppe sichtbar werden, die von Frank Soehnle so souverän zärtlich und behutsam geführt wird, dass sie dem Protagonisten manchmal die Show stiehlt. Damit bedient sich das Theater eines ungemein poetischen Mittels, um ohne Fingerzeig eine ethische Botschaft zu zelebrieren. Der Zauber der Musik und die vollkommenen Hingabe an Kunst dürfen keinen Raum für Zweifel lassen. Der Sündenfall des Orpheus ist unsicherer Liebe und reinem Egoismus entsprungen. Die Trauer darüber entlädt sich in einem der schönsten Monologe der Operngeschichte, dem Klagegesang des Orpheus im fünften Akt mit Echo, den Dominik Köninger wunderbar interpretiert. C. W. Gluck wird sich später zu seinem „Ach, ich habe sie verloren“ inspirieren lassen. Der endgültige Verlust des Paradieses und Einsamkeit lassen die Sehnsucht nach Traumwelten umso heftiger erwachsen. Dank der Komischen Oper in Berlin kann man sich mit einer Aufführung wie dem Orpheus auf so schöne Art und Weise dem allzu geregelten Alltag entziehen.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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