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BERLIN/ Komische Oper: MAZEPPA. Premiere

25.02.2013 | KRITIKEN, Oper

Komische Oper, Berlin: Tschaikowsky: Mazeppa Premiere 24.2.2013

 

 Programmatisch wagt die Komische Oper Berlin seit der Amtsübernahme von Barry Kosky Auffallendes. Nun wird zum ersten Mal – nicht wie in diesem Haus gewohnt  in deutscher Sprache – Tschaikowskys höchst selten in unseren Breiten aufgeführte Oper Mazeppa in Russisch dargeboten.

Wie vieles greift auch dieses Werk auf Puschkins Vorlage zurück. Höchstdramatisch wird die Geschichte eines alternden Herrschers, der sich mit Gewalt ein junges ihn liebendes Mädchen zur Frau nehmen will, gezeigt. Enden wird alles im Chaos: dem Tod der Eltern, des Liebhabers und der psychischen Zerstörung der Überlebenden.

 Regisseur IVO VAN HOVE will viel: zu viel und greift gleich in der Ouvertüre wie später in den Zwischenspielen zur Videoleinwand, die uns Zuschauern das ganze Elend der Welt als Shopping-Liste im Sekundentakt aufspult: Tschernobyl, tanzende, folternde Soldaten und hungernde Afrikanerkinder. Wir sehen alles, und nichts geht uns das an. Stumpfgemacht durch Reizüberflutung konzentriert man sich wieder auf die Musik.

Und was sollen uns angesichts dieser obszönen Bilder die Darsteller am Abend noch bieten ?

Steif und holzschnittartig wandeln diese von Position zu Position. Nur in wenigen Momenten finden sie persönlichen Freiraum, und wenn sie ihn einnehmen, dann packt sofort der Augenblick und nimmt gefangen. Das Einheitsbühnenbild von JAN VERSWEYVELD ist karg in der heutigen Ukraine angesiedelt, sperrig und wenig atmosphärisch. Dass der mittlere Akt im selben Raum verharrt wie Anfang und Ende wirkt in dieser Handlung geradezu sträflich, da im letzten Akt ständig auf ein überraschtes Wiedersehen mit dem ersten hingedeutet wird. Die Kostüme WOJCHIECH DZIEDSICs fangen gut die Wirklichkeit der heutigen postsowjetischen Republik ein. Die Dramaturgie dieser Oper Mazeppa ist hochmodern, da sie nicht auf Harmonie oder Auflösung abzielt, sondern rudimentär und scharf die Figuren in deren Biografie nebeneinander vorbeilaufen lässt. Das zeigt auch van Hoves Regie deutlich, wenngleich die Personenführung nicht immer schlüssig erscheint.

 Mächtig und archaisch begegnet uns Tschaikowskys Musik an diesem Abend. Das gepanzerte Blech darf saftig loslegen. Die Streicher klingen homogen, wenngleich fast unterbesetzt in der Balance. Das Holz hat viel heikel Solistisches und ist dem meist gewachsen. Der neue GMD HENRIK NANASI hat das Orchester der komischen Oper am straffen Zügel, packt zu und treibt das Dramatische zündend voran. Die Lyrismen hingegen, die diese Musik andererseits so bewegend machen, kommen deutlich zu kurz. Am Ende der Oper aber gelingt in dem Gesang Marias ein intimer warmer, zu Herzen gehender Moment.

 Diesem dauerhaften Forcieren widerstehen leider auch die Sänger nicht. Mit silbernem Timbre und einer balsamischen Legatokultur ragt ALEXEI ANTONOV als Kotschubej stimmlich heraus. Ein kluger Sänger, der nicht überzieht und seine bassbaritonale Stimme samtig strömen lässt. ASMIK GRIGORIAN besticht durch enorme Bühnenpräsenz und großes Stimm-Material, das sie allerdings schonungslos manchmal über ihre Grenzen hinaus strapaziert. Packend ist ihr verhaltenes Ende mit einem Lamento im dahindämmernden Zustand. Szenisch ist sie der Magnet dieser Aufführung.

ALES BRISCEIN führt einen strahlenden, höhensicheren Tenor ins Feld, dem lediglich warme Phrasierung abgeht. Mulmig hingegen klingt der Titelheld Mazeppa ROBERT HAYWARD. Zu angestemmt, teils bröselig und darstellerisch verhangen hadert er mit dieser Partie. Den tiefen Frauenpart als Mutter gibt AGNES ZWIERKO mit dramatischem Aplomb und drohend brustigem Altregister.

PHILIPP MEIERHÖFER ist ein solider Orlik, CHRISTOPH SPÄTH ein klagend einstimmender Iskra und MATE GAL ein noch -volumenbezogen- überforderter Kosak.

Die Chorsolisten der komischen Oper werden szenisch nur mäßig ausgenutzt, können aber musikalisch ihre Flexibilität hervorragend unter Beweis stellen (Chorleitung: ANDRE KELLINGHAUS).

 Lautstärke, die an diesem Abend manchmal mit Intensität verwechselt wird, führt nur bedingt zur Überwältigung. Das Publikum feiert die musikalische Seite dennoch stark, während es für das Regieteam deutliche Unmutsbekundungen kundtat. In jedem Fall aber lohnt sich die Begegnung mit Mazeppa, die die Komische Oper mutig und mit Volldampf auf die Bühne stemmt.

 Damian Kern

 

 

 

 

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