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BERLIN/ Komische Oper: GIULIO CESARE IN EGITTO

10.07.2015 | Oper

BERLIN/ Komische Oper: GIULIO CESARE IN EGITTO, 9.7. 2015

Landjunker Cäsar mit strenger Herrin Cleopatra auf Tolomeos „Monsterball“

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Anna Bernacka als Tolomeo: Copyright (Iko Freese/drama-berlin.de)

 An diesem doch ein wenig kühl-stürmischen Donnerstagabend in der Behrenstraße war ein Barockes Fest zu Saisonende zu erleben, wie man es nirgendwo sonst im Berliner Kulturleben geboten bekommt. Beim sogenannten Komische Opern Festival werden nochmals alle Neuproduktionen gezeigt, eine Art finaler Leistungsschau des Hauses. Das Begleitprogramm umfasst dann nicht nur die ausgezeichneten Einführungsvorträge, sondern im Falle von Händels 40-Arien Hitparade Giulio Cesare schon vor der Aufführung und während der Pause barocke Kammermusik von Marco Uccellini bis Claudio Monteverdi, ein Glas Sekt und Diskussionen mit den Künstlern nach rund 4 Stunden Aufführungsdauer.

 Wenn ein Stück so spannend in Szene gesetzt ist wie das Lydia Steier mit Händels politischem Helden- Degen- und Liebesstück getan hat, vergehen auch die 40 Arien und unzähligen Accompagnato-Rezitative wie im Flug. In freakigen schwarzen Fetisch- bis Goldlaminée-Kostümen (Ursula Kudrna) und einem faszinierenden Schiebebühnenbild (Katharina Schlipf) wird das musikalisch zwischen hoher Virtuosität und tiefer Empfindsamkeit changierende Affektendrama psychologisiert und damit modernisiert, ohne in die Wesens-Substanz des Stücks einzugreifen.

 Cleopatra als eigentlich zentrale Figur, die ihren ziemlich gestörten Bruder Tolomeo heiraten muss, entwickelt sich zur sinnlich-sadistischen Lederdomina mit schwarzer Ponyperücke, wie man sie schon aus Filmen wie Pulp Fiction und Mullholland Drive bestens kennt. In einer grün-goldenen Dreizimmerflucht mit eingestürzter Decke (Krieg?) eines barocken Palais mit Versatzstücken aus dem Empire tummelt sich die gar dekadente, lasziv-egomane, vertrottelte Hofgesellschaft des ägyptischen Herrschers Tolomeo. Dem leading team gelingt, es, in Händels wohl bester Oper Menschen aus Fleisch und Blut und keine Singmaschinen auftreten zu lassen. Ob der zwar etwas bäuerlich landjunkerhaft wirkende römische Imperator Giulio Cesare des Dominik Königer, der sich fest mit den vertrackten Verzierungen abplagt, aber dennoch in den Legatopassagen und als Typ für sich einnimmt oder das berechnende Luder Cleopatra, die sich letztendlich unglücklich verliebt und so auf der Strecke bleibt (Valentina Farkas singt ihre Königinnenrolle mit etwas kleiner Stimme, aber hochartistischem Einsatz und dramatischer Delikatesse), der Zuschauer findet sich immer im Sog/Auge des sentimental-heroischen, gleichsam hitzegeladenen musikalischen Taifuns.

 Drei Stimmen ragen besonders heraus an diesem Abend: Der dunkle, üppige und sehr persönlich timbrierte Mezzo der Ezgi Kutlu als Pompeos Witwe Cornelia, ihrerseits wieder heiß begehrt von Tolomeos Berater Achilla und zu dessen Gram ebenso von seinem Chef Tolomeo persönlich. Günter Papendell, der in der laufenden Saison schon als Giovanni reüssiert hat, liefert mit dem Schergen der Macht Achilla nicht nur ein schauspielerisches Kabinettstück a la Christoph Waltz, sondern beweist mit seinem edlen, technisch sehr gut sitzenden Kavaliersbariton, dass er derzeit wohl einer der besten des Ensembles der Komischen Oper ist. Von der Bühnen-Intensität her steht ihm Theresa Kronthaler als auf Rache für den Tod des Vaters sinnender Sesto Pompeio in Nichts nach. Rein stimmlich gerät ihr Hosenrollen-Porträt wunderbar differenziert, von Volumen und Stimmfarben her ist ihr Mezzosopran noch ausbaufähig. Etwas schmal klingt die Stimme von Anna Bernacka als Tolomeo. Als Typ ist sie indes ebenso überzeugend wie das gesamte Personal auf der Bühne.

 Das Orchester der Komischen Oper Berlin, deren Mitglieder schon vorher und in der Pause Zusatzdienste als Kammermusiker „schieben“ mussten, macht seine Sacht stilistisch gesehen dank der kundigen Leitung durch Barockspezialist Konrad Junghänel hervorragend. Wenn man sich vorstellt, welche Bandbreite vom 17. Jahrhundert bis Schönberg dieses Instrumentalkollektiv in dieser Saison bewältigen musste, ist das schon sehr bemerkenswert. Wer nachprüfen möchte, wie großartig dieses Orchester im spätromantischen Repertoire zu Hause ist, der höre sich die drei CDs mit Orchesterwerken von Josef Suk an, die soeben wegen der Bestellung des ehemalischen musikalischen Leiters der Komischen Oper Kirill Petrenko zum neuen Chef der Berliner Philharmoniker von aktuellem Interesse sind.

 Der von David Cavelius einstudierte Chor macht seine Sache gut. Wie immer sind die Sängerinnen und Sänger auch als Einzelcharaktere gefordert und zu individuellen wilden Typen in einem morbiden Kostümball geformt, die dem „verwegenen Ansehen“ des Hauses immer wieder zu neuen Blüten verhelfen.

 Nach vier Stunden verlässt man das Haus glücklich und bekommt am Ausgang auch noch ein Stück Schokolade geschenkt. Jetzt sind wirklich (beinahe) alle Sinne befriedigt.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

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