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BERLIN/ Komische Oper: DIE ZAUBERFLÖTE

10.05.2013 | KRITIKEN, Oper

BERLIN W.A. Mozart „DIE ZAUBERFLÖTE“ Komische Oper Berlin, 9.5.2013


Tamino Peter Sonn im Spinnennetz der Königin der Nacht Beate Ritter. Foto: Iko Freese/drama-Berlin.de

 Wir wandeln durch der Bilder Macht froh durch des Todes düstre Nacht. Das Regieteam um Suzanne Andrade und Hausherr Barrie Kosky animiert fantastisch-surreale Bilder. Eine in Stummfilmästhetik delikat komponierte neue Lesart der meist gespielten deutschsprachigen Volksoper strahlt hell am Opernhimmel. Laterna Magica, Hollywood und das Stummfilmparadies Berlin der 20er Jahre lassen grüßen. Das Publikum ist verzaubert. Schikaneder und Mozart wären es wohl auch gewesen.

 Ein roter Vorhang und eine weiße Pressspanplatte an der Rampe mit für die Bilddramaturgie filmgerecht angeordneten Drehtüren als Kulisse genügen. In kurzweiligen 300 kurzen Sequenzen fesseln fantasievolle Traumbilder den durch keine gesprochenen Dialoge unterbrochenen musikalischen Fluss. Die werden nämlich in nach Protagonisten wechselnden Lettern in bester Stummfilmmanier auf die Bühne projiziert. Das gibt ein hohes Aufführungstempo, das erstaunlich gut zur von Generalmusikdirektor Henrik Nánási kräftig servierten Musik passt.

Die „britische Theatergruppe 1927“ hat ganz dem Zeitgeist verpflichtet eine eigene ästhetische Richtung kreiert, deren Versatzstücke jüngst jedoch auch Theater- und Filmgrößen wie Ariane Mnouchkine (Théâtre du Soleil: Les naufagés du fol espoir), oder Michel Hazanavicius (Oscar-gekrönter französischer Stummfilm „The Artist“) inspiriert haben. Stummfilm, Pantomime, ausdrucksstarke Gesichtsmimik, Comicelemente, digital animierte Bilder werden zu einer Collage montiert, die das Versatzstückhafte in dieser besonderen Zauberflöte noch unterstreichen. Vergessen wir einmal jeden logisch-wissenschaftlichen Ansatz, und überlassen wir uns einer Bilderflut, die barockes Maschinentheater und Wiener Volksstück modern und aufregend interpretiert.

 Tamino flieht vor dem riesigen Schlangendrachenmonster. Nur seine Arme bewegen sich, die Beine laufen filmisch mit. Allerdings hat der Zuschauer wirklich das Gefühl einer rasanten Verfolgungsjagd, an deren Ende unser Prinz verschlungen wird. Sekundenschneller Szenenwechsel: Im Bauch des von den drei Damen (Ina Kringelborn, Annelie Sophie Müller, Caren van Oijen) getöteten Biests: Ganz verliebt schicken die Abgesandten der Königin der Nacht Bilderherzen zu Tamino, die wie Seifenblasen platzen. Natürlich ist das kindlich, aber es gibt gute Märchen-Laune, wie nur Absurd-Schräges imstande ist, uns dem Alltag zu entführen. Der aus dem Drachenmagen befreite Peter Sonn als Tamino im Smoking liefert stimmdramatisch dazu noch alles, was das Herz begehrt.

 Optischer und musikalischer Höhepunkt der Aufführung sind die Auftritte von Beate Ritter als Königin der Nacht. Glasklar und intonationssicher perlen die Koloraturen. Als gefährliche Riesen-Spinne sitzt sie in ihrem Nest, webt Intrigen und stiftet Pamina nicht nur zum Mord an, sondern verschachert sie auch noch an Monostatos. Die staksigen Spinnenbeine über dem skelettierten Körper schleudert sie wie Lanzen um sich. Alexey Antonov als deren Gegenspieler Sarastro im Abraham Lincoln Outfit fällt dagegen deutlich ab im sängerischen wie typologischen Profil. Letzteres ist auch ein wenig der enormen Bildkonkurrenz zuzuschreiben, wo es stärkere und eben nicht so bewegende Szenen gibt, wie wir das ja auch vom Ring des Nibelungen von La Fura del Baus aus Valencia kennen.

 Einerlei: Die guten Einfälle sonder Zahl reichen von sich sexy räkelnden rosa Elefanten in Cocktailgläsern à la Dita van Teese, Kraken und Seepferdchen, transparenten Äffchen, Cancan tanzendes Glockenspiel in Strapsen, Betty Boop Elfenzauberflöte, Maschinenköpfen und einer schwarzen Katze als Maskottchen von Papageno. Der Vogelfänger Dominik Köninger ist mehr der Bruder, denn Antipode Taminos und gibt mit seinem schönen Bariton einen ganzen Mann ab. Wenn es nach den gezeigten Projektionen geht, wird er nach Ende der Oper mit seiner Revuegirl-Papagena Ariana Strahl wohl ganz viel Papagenos und Papagenas ins traute Heim „zaubern“.

 Die Pamina der Maureen McKay als Bubikopf-Stummfilmstar Louise Brooks darf als einzige ihr „Ach ich fühl, es ist entschwunden“ in schwarzer Ballrobe vor der Leinwand singen. Ihr haben die Regisseure wohl am meisten Menschsein zugeschrieben. Wenn man sich vorstellt, was sie wohl alles so als Gefangene Sarastros und Spielball ihrer schrecklichen Mutter durchmacht, ist sie in der Mozart‘schen Typologie wohl das echte Pendant zur Konstanze. Wie Blondchen vor Osmin, muss sie sich vor den lüsternen Avancen des Mooren Monostatos schützen. Als greller Vampir in sensationeller Nosferatu-Maske räumt Stephan Boving wohl den heftigen Applaus mehr für das Rollenkonzept samt exzessiver Mimik als den eher dünnen deklamatorischen Gesang ab. Wie immer in der Komischen Oper hält der Chor (Einstudierung André Kellinghaus) ein sehr hohes Niveau. Die drei Knaben sind Solisten des Tölzer Knabenchors. Nicolas Brunhammer, Luca Schüller und Tobias Abendroth geben als Schmetterlinge auch vokal ein beispielhaftes Trio ab.

 Insgesamt ist der Komischen Oper in Berlin mit dieser Inszenierung ein großer Wurf gelungen. Wegen des Riesenerfolgs mussten schon Zusatzvorstellungen eingeschoben werden. Ich denke, es ist nicht übertrieben, von einer Berliner Kultaufführung zu sprechen, die hoffentlich noch viele Jahre im Repertoire bleiben wird. Ganz sicher stellt diese Zauberflöte den Höhepunkt im diesjährigen Mozart-Mai an der Komischen Oper dar.

 Ingobert Waltenberger

 

 

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