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BERLIN/ Komische Oper: DIE HOCHZEIT DES FIGARO

25.05.2013 | KRITIKEN, Oper

BERLIN W.A. Mozart „DIE HOCHZEIT DES FIGARO“, Komische Oper Berlin, 24.5.2013

Musikalisch und szenisch wackeliges „Welttheater der Liebe“ (Walter Felsenstein)


Maria Bengtsson (Gräfin) und Stella Doufexis (Cherubino). Foto: Monika Rittershaus

Die Wiederaufnahme der 8 Jahre alten Produktion des Opernchefs Barrie Kosky unter der musikalischen Stabführung von Henrik
Nánási
war ein enttäuschender Abend. Zu weit auseinander liegen an sich stringentes Konzept und ästhetisch szenische Durchführung, zu lieblos wird die eher holprige Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze musikalisch exekutiert. Dabei häufen sich gerade bei den zwei schönen Finali im 2. und 4. Akt die Wackelkontakte zwischen Orchester und Bühne. Vielleicht hat die
Probenzeit nicht ausgereicht.

 Die Idee ist exzellent: Das Leben als langsamer Tango zwischen erotischer Libertinage und der Norm ehelicher Treue. Ein unlösbarer Konflikt umgegossen in eine mit Melancholie gewürzte szenische und musikalische Komödie. Was es aber gültig auch auf der Bühne umzusetzen gilt. Und das sieht dann so aus: Da steckt Bühnenbildner Klaus Grünberg die Protagonisten und damit das Publikum in einen massiven grauen klaustrophobische Beklemmung auslösenden Rahmen, eine kleine Guckbühne mit polternden Fall-, Dreh- und Klapptüren. Ja, wir haben verstanden: alle Körper berühren sich und können gar nicht anders. Und es ist auch irgendwie komisch, wenn der Chor und die Solisten einfach keinen Platz haben und dicht gepfercht ihren Klamauk abspulen. Nur ein Bühnenraum ist dazu da, dass er genutzt wird. Die käfigartige Enge lässt die an sich durchwegs spielfreudig agierenden Solisten in den ersten beiden Akten merkwürdig steif und linkisch aussehen. Der zweite Akt spielt nämlich in einer mehrstöckigen Kleiderschrankwand, wo die um Liebe und Lust betrogene Gräfin im Jogginganzug und Nerzmantel (Kostüme Marianne Häntzsche, Birgit Wünschmann) ihre depressiven Stunden verbringt. Die optischen Rahmen sind im 3. und 4. Akt poetischer und szenisch schlüssiger. Der aus einem hölzernen Turm befreite Berg an duftenden Äpfeln ist gar ein besonders gelungener Theater-Coup der Sinnen- und Deutungshoheit
heimtückisch-nächtlicher erotischer Verwirrung. Und auch die an der Komischen Oper formidablen Singschauspieler dürfen endlich zeigen, was sie so alles drauf haben im Endlosreigen aus Verführung, Täuschung, Fetisch, aus opera seria, commedia dell’arte und bürgerlichem Lustspiel.

Wobei die Gräfin Almaviva der Brigitte Geller (Bravo besonders für die wunderbaren Arien) und der heldenbaritonal-brünftige Machograf des Tom Eric Lie als vom Leben – Adel hin oder her – ganz schön in die Mangel genommenes Ehepaar, aber ebenso von der gesanglichen Leistung überzeugen können. Freilich hat auch die Regie ihre „Scheinwerfer“ ganz auf das zerrüttete Paar geworfen. Das mag große menschlich berührende Momente erzeugen, lässt aber die Komödie abseits mancher fragwürdiger Gags wie das Läuten des Handy des Grafen zu kurz kommen. So wirken auch der Figaro mit kurzer Höhe (Philipp Meierhöfer) und die eher behäbige, nicht immer intonationssichere Susanne (Maureen McKay) irgendwie à coté de la Plaque. Das heikle Kräfteparallelogramm der Opera buffa ist empfindlich gestört.

 Wie die Inszenierung gelungen aussehen hätte könne, wenn ein schlüssigeres Personenkonzept vorgelegen hätte, zeigen uns im Ansatz Cherubino und Basilio. Der von Teresa Kronthaler überzeugend androgyn und schlaksig dargestellte Jüngling mit Rastahaar wird zum eigentlichen Gegenspieler des Grafen. Diese den Ordnungssinn der Ehe zersetzende, erotisches Chaos säende Figur stattet Kronthaler auch vokal mit einem Feuerwerk an leuchtend lasziven Farben aus. Ihr grotesk-schrilles Pendant ist der sich an jedem Hintern reibende Basilio. Stephan Boving ist in dieser Rolle unübertroffen. Schärfer pointiert und eindringlicher kann man das nicht spielen, zudem singt er auch ohne Fehl und Tadel.

 Den Reigen an für Mozart so typische, unglückliche Ehedispositionen (Donna Anna und Octavio, Konstanze und Belmonte, Fiordiligi und Guglielmo, Dorabella und Ferrando, Graf und Gfäfin, Figaro und Susanna) komplettieren Bartolo und Marcellina. Dem vielbeschäftigten Jens Larsen und Caren van Ojien gelingen eindringliche Charakterstudien in zynischer Berechnung erstarrter Liebeszombies. Das Ensemble ergänzen routiniert Peter Renz als Don Curzio, Hans-Martin Nau als rüder Gärtner Antonio und Adela Zaharia als Barbarina.

 Henrik Nánàsi vermag mit dieser zumal für eine Wiederaufnahme unzulänglichen musikalischen Umsetzung nicht zu überzeugen. Zu viele Pannen, asynchrone Ensembles und störendes Krachen gefährden das musikalische Getriebe. Und dabei sind der Klang
und Charakter des Orchesters der Komischen Oper unleugbare Atouts am Berliner Opernhimmel. Schade um die verschenkte Gelegenheit. Ein dynamischer work in progress und mehr Proben hätten sicherlich die Aufführung näher an das führen können, als was ich bisher die Komische Oper Berlin erleben durfte: Ein Opernhaus mit Ambition und einem echten programmatischen und szenischen Angebot auf der Höhe der Zeit. Eine dem Hier und Jetzt verpflichtete Volksoper, wo Musik und Schauspiel in der Regel glückliche Hochzeiten feiern.

 Ingobert Waltenberger

 

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