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BERLIN / Komische Oper: DIE GEZEICHNETEN von Franz Schreker – Premiere

22.01.2018 | Oper

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Copyright: Iko Freese/drama_berlin.de

BERLIN / Komische Oper: DIE GEZEICHNETEN – Premiere – 21.1.2018
Verstörend skurrile Inszenierung von Calixto Bieito über Exzesse pädophiler Gewalt und sexuelle Obsessionen

Der bucklige Alviano Salvago, genuesischer Edelmann, hat auch eine verbogene Seele. Mit Peter-Pan Komplex belastet, kann und will er nicht erwachsen werden. Er spielt mit Puppen und träumt sich in Kinderwelten. Dabei bleibt es aber nicht. Dieser Kindmann hat die Insel „Elysium“ nahe Genuas als Grotte der Lüste geschaffen, eine Zufluchtsstätte unterdrückter Sehnsüchte, die das spanische Enfant terrible der Regisseurszunft Calixto Bieito in seiner zweiten Arbeit an der Komischen Oper nach der „Entführung aus dem Serail“ sichtbar machen will. Es geht um ein Pandämonium an Einsamkeit an moralisch herabgekommenen und emotional zerstörten reichen und mächtigen Männern, die ihren sexuellen Abartigkeiten frönen.

Der Hintergrund des Librettos, das der Komponist selbst verfasst hat und auf dem Theaterstück Hidalla oder Sein und Haben von Frank Wedekind beruht, ist ein ganz und gar grausiger, leider heute aktueller denn je: Entführung und Einsperren von Kindern zwecks sexuellen Missbrauchs bis hin zu deren Ermordung. Die Oper, ganz eine Tochter ihrer Zeit, der zwanziger Jahre, mischt verschiedene Ebenen: das Künstlerdrama einer herzkranken Malerin mit den pädophilen Phantasien eines reichen Mannes und einer kitschigen Dreiecks-Liebesgeschichte.

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Ein adeliger Zirkel (sechs genuesische Edelleute: Adrian Strooper, Ivan Tursic, Tom Eric Lee, Johnathan McCullough, Önay Köse, Samuli Taskinen) missbraucht auf der Insel systematisch Kinder, organisierter Kindesmissbrauch, wie er in Familien oder in größeren Organisationen stattfindet. Drei Hauptpersonen tragen das Stück: Nach der Beschreibung des Regisseurs sind dies der körperlich schöne, attraktive Mann, Tamare (Michael Nagy als die große Sensation des Abends mit mächtigem, unglaublich verführerischem Bariton), bösartig und von innerer Hässlichkeit, ihm gegenüber Alviano (der gestalterisch intensive Peter Hoare mit Problemen in der extremen Höhe und Tiefe), äußerlich missgestaltet, aber von innerer Güte und irre und Carlotta (enttäuschend Ausrine Stundyte mit überwiegend Sprechgesang im mezzavoce und übertriebenen Portamenti), die ambivalente Verbindung zwischen den beiden.

Der Regisseur siedelt das Stück in einem kalt bis glatt geschmäcklerischem Ambiente (Bühnenbild Rebecca Ringst) an. Eine weiße Wand in 18 Quadraten und Projektionen überwiegend in grobkörnigem schwarz-weiß von leidenden Bubengesichtern und grausig sabbernden Männern. Nach der Pause wandelt sich die Wand in eine Stahlkonstruktion in drei Ebenen mit viel Neonlicht. Von der Decke werden Teddybären herabgelassen, Lichtsäulen gleiten auf und ab. Im Liliputzug sitzt Alviano im Smoking und sein Sehnsuchtsjunge (Assoziationen an „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann sind naheliegend) in sicherer Entfernung. „Elysium“ ist ein gigantisches Sammelsurium an Comicfiguren wie Batman, Dinosaurier, aufgeblasenem Haifisch und Flamingo und Teddybären in allen Größen und Farben. Lächerlich wird die Sache allerdings, wenn Carlotta einen riesengroßen froschgrünen Plüschbären anschleppt und sich an ihm reibt und stöhnt und windet. Oje. Die Kunst als Zufluchtsort, als Refugium der Weltenflucht, hätte schon ein anderes Ambiente vertragen. Vor allem, da es sich ja historisch um die Jahrhundertwende um eine dekadente, moralisch verfallene Epoche gehandelt hat. In der Aufführung muss Carlotta offenbar ein inzestuöses Verhältnis zu ihrem Vater haben (der tapfere und unverwüstliche Jens Larsen als Lodovico Nardi, Podestá der Stadt Genua) bzw. unser schöner Tamare eine erotische Beziehung zum Herzog Antoniotto Adorno (Joachim Goltz).

Calixto Bieito ändert übrigens ohne dramaturgischem Zugewinn das Ende der Oper: Nicht Alviano erdolcht Tamare, sondern Carlotta erwürgt ihn in einem Anfall sadistischer Lust.

Die Entdeckung des Abends ist für mich aber dank der herausragenden Leistung des Orchesters der Komischen Oper unter der musikalisch schillernden Leitung von Stefan Soltesz die Partitur, die kaum einen Vergleich mit den großen Opern von Richard Strauss zu scheuen braucht.  Wenn jemand „Salome“ nicht als Jugendstiledelkitsch abtut, der wird auch nicht umhin können, die schaurig schönen Klangwelten der „Gezeichneten“ als Meisterwerk des frühen 20. Jahrhunderts zu rühmen. Welch irisierend impressionistisches Farbenspiel, vermischt mit wagnerschem Überschwang und belkantistischen Vokallinien, welch herrlich schwülstig-sehnsuchtsvolle Klangrede, welch Wunder an Instrumentierung und delikater Verfeinerung.

Fazit: Ein wichtiges und herausragendes Werk ganz in der Tradition des Fin de Siècle in einer orchestral prächtigen, sängerisch sehr guten bis tauglichen Aufführung in einer Regie, die nur einem Teil der Oper gerecht wird. Das Künstlerdrama um Schönheit und Sublimierung unterdrückter Gefühle in der Kunst bleibt hier leider ausgespart. Am Ende verhaltener Applaus und einige Buhs für das Produktionsteam.

Hinweis: Neben weiteren Aufführungen in Berlin am 27.1., 1.2., 10.2., 18.2. und 11.7. ist diese Oper auch in München im Mai 2018 in der Regie von Krzysztof Warlikowski zu sehen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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