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BERLIN/ Komische Oper: DER JAHRMARKT VON SOROTSCHINZI von Modest Mussorgski. Premiere

03.04.2017 | Oper

BERLIN / Komische Oper: DER JAHRMARKT VON SOROTSCHINZI, PREMIERE, 2.4.2017

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Copyright: Monika Rittershaus

Mussorgskys letzte unvollendete Oper wird in Berlin in der Fassung von 1932 gespielt. Die auf ein Libretto des Komponisten nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Gogol wurde von Pawel Lamm rekonstruiert und von Wissarion J. Schebalin vervollständigt und instrumentiert. An dem 1874 begonnenen Werk arbeitete der alkoholkranke, von Halluzinationen gezeichnete Komponist bis fast zu seinem Tod. Kosky ergänzt die fünfte und letzte Fassung um drei Nummer aus den Lieder und Tänzen des Todes von Mussorgskys („Trepak“, „Wiegenlied“, „Der Feldherr“) sowie ein Hebräisches Lied von A. Rimski-Korsakow, allesamt a cappella von den Chorsolisten und Kinderchor der Komischen Oper und dem Vocalconsort Berlin gesungen.

Zuletzt in Berlin 1948 in der ersten Spielzeit der Komischen Oper unter Walter Felsenstein zu erleben, reüssiert Regisseur Barry Kosky mit einer szenisch reduzierten, ganz auf das groteske Volksstück um Aberglauben, Suff, Liebe und satanischer Spiellust konzentrierten Inszenierung. Auf kahler Bühne tummelt sich die bunte Dorfgemeinschaft aus Sorotschinzi, dem ukrainischen Geburtsort von Gogol. 

Der betuchte Bauer Tscherewik samt zänkischer Frau Chiwrja,  deren Tochter Parasja den einfachen Bauernburschen Grizko liebt und der gerissene Zigeuner Tschernobog stehen im Zentrum der fragmentierten Handlung. Kum, der Gevatter und der Popensohn Afanassi Iwanowitsch, der ein Verhältnis mit der für ihn aufkochenden Chiwrja hat, ergänzen das Pandämonium dörflicher Scheinheiligkeit. Dazwischen viel Volk, das kommentierend und die Handlung zugleich tragend, mal in kollektive Angst oder in der Traumsequenz des Grizko in teuflische Exzesse kippt, unberechenbar wie alles, was in zuviel Wodka getränkt, in eigenen Realitäten versinkt. Weinerlich tranige Männer, die ihr Schicksal beklagen und lallend über die Bühne taumeln und starke Frauen, die sich ihr Teil an Liebe und Anerkennung aus dem Sumpf retten wollen, in dem sie stecken. 

Eine kuriose Geschichte über den Teufel würzt das Stück. Dieser soll jedes Jahr als Wildschwein verkleidet den Jahrmarkt heimsuchen. Aus der Hölle vertrieben, musste er den blutroten Kittel beim Wirt von Sorotschinzi versetzen, um seine Rechnung bezahlen zu können. Nach der vereinbarten Jahresfrist, als der Teufel wieder kam um den Kittel wieder einzulösen, hatte der Wirt das satanische Kleidungsstück längst verkauft. Als Rache versetzt der so angeschmierte Teufel Bewohner und Durchreisende in Angst und Schrecken.

Der vor allerlei Getier überquellende Jahrmarkt steht als Symbol für das überschäumende Treiben, die Lust am Leben, die Ausschweifung, den Tanz. Mussorgskys Oper ist ein musikalisches Märchen im melancholischem Komödienton, eine groteske Volksoper, die haargenau in das Konzept der Komischen Oper passt. Freilich fehlt dem Stück die einende dramaturgische Klammer. Selbst Koskys einfallsreich präzise Personenführung und der russischen Volksseele so nahe Typologie über zwei Stunden lang ohne Pause gestreckt kann einzelne Längen nicht verhindern. 

Bei Kosky lebt alles von der intensiven Schauspielerei seines wackeren Ensembles, den herrlich schrägen Vögeln im Chor, der kammerspielartigen Entwicklung der eigentlichen Handlung um das junge Paar, das erst durch die Aufdeckung des Ehebruchs der bösen Stiefmutter final möglich wird. Freilich hat da der clevere Tschernobog sein Händchen im Spiel und weiß klug den Aberglauben der einfachen Leute zu nutzen, um nicht nur die ungleiche Ehe zu stiften, sondern auch günstig Ochsen vom naiven Grizko einkaufen zu können.

Das Herzstück der Oper ist die lange Szene im Hause des Bauern Tscherewik, wo Chiwrja nachdem sie ihren besoffenen Mann aus dem Haus gejagt hat, endlich für ihren geliebten Popensohn üppig aufkochen und dann als Lohn wohl Liebesdienste erwarten darf. Da werden fette Knödel und Cremetorten gerührt, ein üppiger Kapaun wartet auf das Bratrohr. Aber leider kommt Tscherewik zurück und Chiwrja muss ihren Geliebten verstecken. Sie stülpt ihm kurzerhand das Geflügeltier über den Kopf und ab ins Rohr. Der so gegrillte Popensohn steht am Ende mit rauchendem Bratvogel mitten auf der Bühne.

Ganz in seinem phantastischen Element ist Kosky natürlich auch beim Hexensabbath, einer wilden Traumsequenz des armen Gritzko, bedrohlich und ausgelassen zugleich, eine wilde Satire auf Gesellschaft und Masse, eines Bulgakov würdig.

Die Musik ist wie immer bei Mussorgsky prächtig und meisterlich, das Rauhe und Ungeschliffene ist kein Makel, sondern erhöht die Modernität und Glaubwürdigeit der Partitur. Von der Qualität der Musik her ist für mich kein Abstrich etwa zu Chowantschina zu konstatieren. Der Chor der Komischen Oper wird im Laufe der Aufführungsserie ein paar rhythmische Unebenheiten noch ausgleichen können. Die aus dem Hause stammenden Besetzung ist trefflich gewählt. Jens Larsens poltert als dem Suff ergebener, von seiner Frau schikanierter Bauer Tscherewik ganz mitleiderregend durch die Gegend. Agnes Zwierko, als eine Art russischer Ortrud, weiß geschickt die Zügel in der Hand zuhalten, bevor der noch klügere Zigeuner Tschernobog des Hans Gröning ihr ganz kräftig ins Handwerk pfuscht. Mirka Wagner ist eine (klang)schöne Parasja, die in dem von Alexander Lewis ausdrucksstark gesungenen einfachen Bauernburschen Grizko ihr Glück finden will. Na da kann man wohl nur viel Glück wünschen. Auch er wird eines Tages zum Wodka ein innigeres Verhältnis als zu seiner Frau haben. Tom Erik Lie darf in der Doppelrolle des Gevatters und Oberteufels für ein wenig Dämonie sorgen. Ivan Tursic gibt den Popensohn Afanassi Iwanowitsch mit quengelndem Tenor, wie es sich gehört.

Die musikalische Leitung ist bei Henrik Nánási in guten Händen, es ist seine letzte Arbeit als GMD der komischen Oper. Manchmal hätte man aber sich einen zugespitzteren Ansatz gewünscht, da kann dramatisch sicher noch zugepackt werden.

Am Ende viel Jubel für Chor und Orchester und den Dirigenten. Die Solisten werden brav beklatscht, nur bei Larsen und Wagner ist ein Aufrauschen des Applauses zu konstatieren. Der mir Jubel und einigen Buhs begrüßte Barrie Kosky streckt seinen Kritikern kurzerhand die Zunge heraus. Die übliche Premierenshow halt. Ob sich diese zuletzt doch sperrige Oper im Repertoire durchsetzen und behaupten kann, ist eine spannende Frage mit ungewissem Ausgang. Der Komischen Oper ist jedenfalls zu danken, dass sie dieses außerordentliche Stück Musiktheater wieder zur Diskussion gestellt hat.

Von der Oper gab es einen Livestream auf theoperaplatform.eu, der noch sechs Monate lang abrufbar ist.

Dr. Ingobert waltenberger

 

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