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BERLIN/ Komische Oper: DER FEURIGE ENGEL. Premiere

20.01.2014 | KRITIKEN, Oper

Berlin/Komische Oper: Premiere „DER FEURIGE ENGEL“, 19.01.2014

Anm. d. Red.: Bei Produktionen der Komischen Oper Berlin veröffentlichen wir aus gegebenem Anlass keine Fotos

Das ist ein irrwitziges Stück Musiktheater, angesiedelt in traumatischen Gefilden. Es geht um Renata, eine junge Frau, der in der Kindheit öfter ein schöner Engel namens Madiel erschienen ist, der sie liebkoste. Doch als sie mit 16 Jahren dieses vorpubertäre Verhältnis in ein echt körperliches umwandeln wollte, hat sich der Engel in Feuersgestalt zornig von ihr getrennt.

Seither sucht sie ihn verzweifelt in menschlicher Gestalt, wälzt sich in sexueller Ekstase auf dem Boden und wird immer wieder von Wahnvorstellungen gepeinigt. Eine Besessene, und das im „finsteren“ Mittelalter, in dem das Geschehen angesiedelt ist. Damals wurden solche Frauen nicht therapiert, sondern endeten als Hexen auf dem Scheiterhaufen. Regina wird es letztendlich nicht anders ergehen.

„Der feurige Engel“ ist also eine Horrorstory, angerührt mit Höllensud und doch voll von krasser Faszination. Eigentlich ist das alles (zumeist) ferne Vergangenheit, wird jedoch vom Publikum in der Komischen Oper Berlin als so spannend empfunden, das es dem sonderbaren Treiben zwei Stunden lang konzentriert und fast hustenfrei folgt.

Sergej Prokofjew (1891-1953) selbst hat das Libretto verfasst, einen Roman von Waleri Jakowlewitsch Brjussow als Vorlage nutzend, hat sich aber mit der 5-aktigen Oper rund acht Jahre lang abgequält, vor allem mit der Orchesterfassung. „Allah weiß, wann ich das alles orchestrieren soll,“ äußerte er genervt.

Das gelang ihm schließlich 1926/27. Entstanden ist eine zumeist feurig expressive, oft saft- und kraftstrotzende Partitur, in satten Farben aufleuchtend, mit etwas Wagner-Beimischung und, wo erforderlich, auch mit Belcanto-Anklängen. Prokofjew gilt heutzutage als Wegbereiter der Moderne, hat aber die Aufführung der szenischen Version 1955 in Venedig nicht mehr erlebt. Diese Oper wurde auch danach nur selten aufgeführt. Nun wird sie offenbar mit Erfolg wiederbelebt.

Henrik Nánási am Pult des zuverlässig folgenden Orchesters der Komischen Oper Berlin nimmt sich der Partitur mit Engagement an, musiziert zwar nicht allzu feurig, doch offenbar mit Rücksicht auf die Sänger, die teilweise ziemlich gefordert werden.

Bei Svetlana Sozdateleva in der Rolle der Renata erübrigt sich solch eine Rücksichtnahme. Stimmlich und darstellerisch ist sie stets voll präsent. Zwei Stunden lang gestaltet sie diese anspruchsvolle Partie ohne Fehl und Tadel mit ihrem klaren, ermüdungsfreien und intonationssicheren Sopran. Auch schauspielerisch wird sie dieser unter einer Persönlichkeitsspaltung leidenden Frau überzeugend gerecht. Sie trägt das Geschehen.

Die Ursache von Renatas Anfällen bleibt ungeklärt, und auch im Programmheft wird darüber nur spekuliert. Ist sie als Kind missbraucht worden und hat nun ein Trauma? Hat sie vielleicht doch eine außergewöhnliche Verbindung zum Jenseitigen? Oder ist eine Hure, seelisch taumelnd zwischen Sexgier und dem Keuschheitsgebot von Kirche und Gesellschaft?

Schlüssige Antworten vermeidet auch die Regie, die Inszenierung des jungen Australiers Benedict Andrews deutet nur einiges an. Er bevölkert die Bühne immer wieder mit Kindern diversen Alters in genau solch pinkfarbenen Pullovern wie die erwachsene Renata. Die sollen vermutlich an ihre früheren Erlebnisse erinnern. Aber was denken, so frage ich mich, eigentlich die Mädelchen, die sich genau wie diese Renata in angeblich sexueller Erregung auf dem Boden wälzen müssen?

Zurück zum Anfang. Da sehen wir zwei Betten in benachbarten Zimmern einer miesen Herberge (Bühne: Johannes Schütz). Ruprecht, laut Libretto ein Ritter, hier ein einsamer Mann auf Reisen, hört die Hilferufe Renatas. Die, mit weit aufgerissenen Augen und nur im Hemdchen, kämpft gegen imaginäre Gespenster. Rudolf, zunächst noch ein bodenständiger Realist, beruhigt sie und will sie gleich auf seine Art trösten, wogegen sie sich energisch zur Wehr setzt.

Trotz dieser Ablehnung zieht ihn diese rätselhafte Frau in ihren Bann. Er wird ihr Beschützer, eine Rolle, die mit dem kräftigen Evez Abdulla, der einen ebenso kräftigen Bariton ins Feld führt, passend besetzt ist. Im Verlauf der Handlung nimmt auch seine Bühnenpräsenz deutlich zu.

Schon bald ist er Renata hörig, macht sich sogar gemeinsam mit ihr auf nach Köln, um einen gewissen Heinrich zu suchen, den sie unbedingt wiedersehen will, obwohl er sie davongejagt hat. Ruprecht sucht sogar, um ihn zu finden, den damals berühmten Magier Agrippa von Nettesheim (Dmitry Golovnin, Tenor) auf, einen Scharlatan im Silbersakko (Kostüme: Victoria Behr), umgeben von Höllenhunden und schwarzen Todesgespenstern. Lieber Himmel!

Später verliert er – ebenfalls mit Wiedergängern behaftet – fast sein Leben im Duell mit dem doch endlich gefundenen Heinrich, der mit Renata nach wie vor nichts mehr zu tun haben will. Mit Hingabe und Treue möchte die sich nun reuig bei Ruprecht für seinen Einsatz bedanken, eine Szene, für die sich Prokofjew schöne lyrische Melodienbögen hat einfallen lassen, die anrührend gesungen werden.

Um die Verwirrung komplett zu machen, treten noch Faust (Alexey Antonov) und Mephistopheles als Gäste in einem Lokal auf. Den teuflischen Unhold gibt ebenfalls Dmitry Golovnin, nun aber mit bösartig bläkender Stimme. Der reißt auch schon mal einem Jungen das Ärmchen ab, um hungrig das Fleisch von den Knochen zu reißen, worauf der (unlädierte) Knabe in eine Mülltonne versenkt wird. Na, ja. Haarsträubende, jedoch nicht ernst zu nehmende, insgesamt bildgewaltige Übertreibungen.

Schließlich flüchtet Renata in ein Kloster, um dort büßend – bei Prokofjews nun sehr ruhigen Klängen – Frieden zu finden. Stattdessen weckt jedoch ihre bloße Gegenwart in den sich kasteienden Mitschwestern die unterdrückten sexuellen Wünsche.

Der Inquisitor alias Heinrich naht mit dem Benzinkanister, die richtige Rolle für Jens Larsen, der mit tiefschwarzem Bass an Regina einen Exorzismus startet, sie dabei aber lüstern streichelt. Schließlich wird er sogar von den förmlich explodierenden Schwestern, die Regina nun eine Heilige nennen, angegriffen. Das alles mündet auch musikalisch in einen wahren Hexensabbat, mitgestaltet von den perfekten Chören, einstudiert von David Cavelius.

Regina greift sich den Kanister, überschüttet sich selbst mit (dem vermeintlichen) Benzin. Hinter einer geschlossenen Wand züngeln die Flammen empor, und es wird ganz still. Schluss aus.

Nach kurzer Verblüffung wg. der plötzlichen Ruhe prasselt nun lang anhaltender Beifall los, gemischt mit Gejohle und begeistertem Getrampel. Den stärksten Applaus erhält zu Recht die großartige Svetlana Sozdateleva. Herzlich werden auch alle anderen gefeiert, speziell Henrik Nánási (!), ebenso die Interpreten der kleineren Rollen, wie Christiane Oertel als Wirtin, Xenia Vyaznikova als Wahrsagerin/ Äbtissin und Christoph Späth als Buchhändler. Selbst das Regieteam erntet einhellige Zustimmung.

Ursula Wiegand

 

 

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