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BERLIN/ Komische Oper: AMERICAN LULU – kalorienarm

07.11.2012 | KRITIKEN, Oper

Berlin, Komische Oper: Neuwirth: American Lulu am 6.11.2012

 LULU – kalorienarm

 An der Komischen Oper startet Barry Kosky mit voller Fahrt, einer das Haus bis an seine Grenzen fordernde Monteverdi-Trilogie und dann einer weiteren „Neukomposition“ der renommierten Olga Neuwirth AMERICAN LULU nach Alban Berg.

 Ähnlich der Monteverdi- Bearbeitung muss auch hier festgestellt werden, dass die Komposition bei aller Fertigkeit keine neuen Erkenntisse bietet, sondern Alban Bergs Meisterwerk stark verknappt und nivelliert. Braucht der Meister der Wiener Schule eben pro Szene jeweils 5-10 Minuten länger, so baut er damit erstens eine hochsensible Form auf, zweitens gibt er seiner Personage Raum und Zeit, psychologisch auf den Punkt zu kommen. Bei Olga Neuwirths sehr blechbläserlastigem Instrumentarium, – sie gab freimütig zu, etwas wenig Zeit für dieses Opus gehabt zu haben- vermisst man die lyrische Gegenwelt, die Ruhe und Konzentration, auch die Magie. Gekonnt vermengt sie Jazz-Elemente, die sie aber nur andeutungsweise anklingen lässt, um die amerikanische neue Welt zu beschreiben. Warum Amerika ? Und warum bitte die unsäglich pädagogisch- politisierenden Texteinsprengsel ?

 In der Inszenierung KIRILL SEBRENNIKOVs wird schnell klar, dass man ein Gangster- Prostituierten Klischee der 60er Jahre demonstrieren will. Lulu ist eine Edelnutte, die von den Männern ausgebeutet wird, sie selbst emanzipiert sich. Aus der lesbischen Geschwitz wird eine Jazzdiva namens Eleanor. Und somit verzichtet man auf die Kraft, dass Lulu die Bezugsfläche für Männer wie Frauen ist, sondern baut seltsamerweise eine zweite erotische, starke Frauenfigur ein.

Überhaupt geht es der Komponistin wie dem Regisseur sehr um die sich befreiende Frau. Die Männer sind nur Silhouetten. Das schwarz-weiß gehaltene Ambiente zitiert überdeutlich amerikanische Kunst und so wirkt der Erzählstil antiquiert und vorhersehbar.

 MARISOL MONTSALVO singt und spielt die Titelfigur souverän, muss sich gegen große Orchesterwolken behaupten und hat nur selten Gelegenheit, zarte Farben leuchten zu lassen. Der Star ist DELLA MILES, für die die Komposition eine autonome Klangsprache gefunden hat und die ihre Jazzstimme seelenvoll zu Geltung bringen kann.

CLAUDIO OTELLI gibt einen in den Höhen strahlenden Heldenbariton als Dr. Bloom, verausgabt sich emotional, hätte aber bei Berg mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Beide Tenöre überzeugen stimmlich, wenngleich sie sich wenig voneinander abheben: ROLF ROMEI als Jimmy und DMITRI GOLOVNIN als Painter. Clarence, (nein nicht Daktari´s Löwe), sondern hier ein Pendant zu Schigolch, dem Greis, ist bei JACQUES-GREG BELOBO in autarken Händen. Blieben noch die solide singenden Bassbaritonisten HANS-PETER SCHEIDEGGER und PHILIPP MEIERHÖFER in Episodenrollen.

 JOHANNES KALITZKE tut sich am Pult des Orchesters der Komischen Oper schwer, den Brass-Sound einzudämmen. Nuancen entstehen nur selten, etwas in den jazz-kombinierten Teilen.

 Alles in Allem: eine enttäuschende Light-Version der Berg´schen Lulu. Auch hier dürfte Frau Neuwirth allenfalls von einer Bearbeitung sprechen, nicht von einer Eigenkomposition. Dafür ist viel zu viel musikalisch übernommen. Diese Version macht ein verdauliches Häppchen aus dem großen Wedekind-Stoff und büßt dabei Wesentliches, Radikales und Großes ein.

 Die Komische Oper scheint einen Anbiederungskurs ohne die einst berühmte dramaturgische Ebene einzuschlagen. Sollte man nicht demnächst die Komponisten Trojahn oder Glahnert fragen, ob sie aus der kommenden Zauberflöte ein knappes Zweistundenmusical machen könnten, das in Afrika spielt ? Sie werden hoffentlich ablehnen, auch wenn es eine weitere „Uraufführung“ wäre.

Meisterwerke zu bearbeiten ist meist müßig. Es bleibt auch beim Publikum ein schaler, kalorienarmer Nachgeschmack.

 Damian Kern

 

 

 

 

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