Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN / Deutsches Theater: WESTEND

01.01.2019 | KRITIKEN, Theater

Copyright Arno Declair arno@iworld.de

Berlin / Deutsches Theater:
WESTEND von Moritz Rinke
mit Ulrich Matthes,
28.12.2018

Ein Ehepaar allein im Haus – in einer frisch erworbenen Villa im feinen Berliner Wohnbezirk Westend. Der Blick fällt sogleich in einen weißen Zentralraum mit großem Rundfenster an der Decke, durch das der blaue Himmel zu sehen ist ( Bühne: Katja Haß). Schön.

Die Möbel hat der Spediteur noch nicht geliefert, alles ist weiß und leer bis auf einige selbst transportierte Bilder und eine weiße Haydn-Büste aus Gips. Links und rechts führen kaum einsehbare Flure zu den Zimmern im West- und Ostflügel, wie Eduard – Ulrich Matthes – stolz sagt.

Das Haus bezeichnet er als Schloss, und seine Frau Charlotte – Anja Schneider – lacht darüber. Eine Goethe-Zeichnung haben sie verkauft, um diese renovierungsbedürftige Villa erwerben zu können. Allein von ihrem Einkommen – er als Schönheitschirurg im hellen Anzug, sie als bekannte Sängerin im roten Kimono (Kostüme: Kostüme Anja Rabes) – hätten sich das nicht leisten können.

Goethe ist für den Autor Moritz Rinke der Bezugspunkt, die „Wahlverwandtschaften“ hat er in ein heutiges Gewand gekleidet, aber die Namen des Hauptpaares – Eduard und Charlotte – beibehalten. In dieser Ehe, für ihn die zweite, funktioniert es nicht so recht.

In dem leeren Haus tut es immerhin das Licht und die Musikanlage. Joseph Haydns „Schöpfung“ flutet durch den Raum. Die klare Stimme der Sopranistin in der Rolle der Eva ist zu hören. Diese Partie soll Charlotte in Kürze singen. Doch sie hat eine Stimmband-Operation hinter sich und hofft, dass ihr Sopran bis zur Premiere wieder so schön wie bisher klingt.

Ein paar Blumen, eher gelb blühendes Unkraut, hat sie im Garten gepflückt und drückt sie ihrem Mann in die Hand. Ach ja, sie hat heute Geburtstag, nun kann er ihr mit dem Grünzeug gratulieren. Regisseur Stephan Kimmig, der schon einige Stücke von Rinke inszeniert hat, weiß offenbar, wie Männer ticken. Eduard verschwindet jedoch schnell, um Michael, einen aus Afghanistan zurück gekehrten Studienkollegen, vom Bahnhof abzuholen.

„Habt ihr Kinder“, fragen alle, die in das für zwei Menschen reichlich große Haus treten. Ein wunder Punkt für Charlotte nach zweijähriger Ehe mit diesem älteren Mann. Die erste Besucherin, die das wissen möchte, ist die Nachbarstochter Lilly – Linn Reusse – eine attraktive Medizinstudentin mit kaputter Seele.

Ihre Mutter habe sich das Leben genommen, weil sie nicht ertragen konnte, dass ihr Mann Marek, ein Filmproduzent (Andreas Pietschmann), jedes Jahr eine neue Frau ins Haus brachte. Jahrelang habe ihre Leiche Keller des Hauses gelegen, das nun Eduard und Charlotte gehöre, plaudert sie munter weiter. „Ach, das hätte ich wohl nicht sagen sollen“, fällt ihr plötzlich auf. Beim Vater nebenan will Lilly nicht länger wohnen, also bietet ihr Charlotte eines der Zimmer an. Dass sie zur Konkurrentin werden könnte, scheint ihr egal zu sein.  

Eduard handelt ähnlich, nicht wissend, dass Michael – Paul Grill – früher der Geliebte seiner Frau war und auch nicht ahnend, wie traumatisiert der durch seine Tätigkeit als Arzt in Afrika und in Afghanistan ist. Der hat bei „Ärzte ohne Grenzen“ kriegsverletzte Kinder operiert, aber zwei Op’s sind durch seine Schuld schief gegangen.

Für den Weitertransport der Särge bis in den Tschad (warum dorthin?) sollte Eduard sorgen, doch das hat nicht geklappt. Michael macht das wütend. Eduard andererseits wird zornig, wenn er als Schönheitschirurg bezeichnet wird und seine neue Praxis in der ehemaligen Wohnung als Schönheitssalon. Er rette Seelen, weil niemand mehr in Würde alt werden wolle, weil alte Menschen sich als wertlos empfinden und Depressionen bekommen, wenn sie in den Spiegel schauen. „Die Eltern wollen heute aussehen wie ihre Kinder“, beklagt er und verdient gut daran.

„Habt Ihr Kinder“, fragt auch Michael. Er hat nur ein paar Klamotten und seine alte Gitarre dabei. Zusammen mit Eduard hat er mal in einer Band gespielt. Jugenderinnerungen bringt er mit und ein Tütchen Opium im Gitarrenkasten.

Bald wird gesoffen und gekifft, Songs dröhnen durchs leere Haus (Musik: Michael Verhovec). Raffiniert macht sich die hübsche Lilly an Eduard heran, der sofort ihren Nasenwinkel kontrolliert, ihr ans Kinn fasst und die Haut unterhalb des Halses berührt, alles „nur“ aus ärztlichem Interesse.

Auch Michael wird Lillys Ziel, außerdem gieren Charlotte und Michael ohne Scheu nacheinander. Michael, ansonsten der Praktische, will einen Akkuschrauber, um einen Tisch anzufertigen, Eduard möchte ein Gartenhaus bauen. Lilly, die längst das Sagen hat, plädiert für ein Haus am See. Klatschnass kommen beide und auch Michael zurück in die Villa. Draußen blitzt und donnert es. „Das Gewitter ist genau über uns“, sagt Lilly. Wie wahr!

Irgendwann rollt und tobt Michael wie verrückt auf dem Boden, bald stehen die zwei gestrandeten Kindersärge im Haus, bald hat Lilly Geburtstag, und schon kommt ihr Vater Marek mit Eleonora (Birgit Unterweger), seiner jetzigen amerikanisch-russischen Geliebten, zum Gratulieren.

Nun eskaliert die Situation noch mehr, und nur einer behält die Ruhe – Ulrich Matthes als Eduard. Nur mit einem Seitenblick, einem Heben der Brauen oder einer Handbewegung leitet er indirekt das immer diffusere Drumherum. Während der gesamten drei Stunden mit all’ den Vorwürfen, Enthemmungen und Verletzungen bleibt er der unauffällige Steuermann.

Plötzlich brennt das Haus, vermutlich hat Michael einen Brandsatz geworfen. Der Brand wird gelöscht, alle sind weg, das Ehepaar ist allein. Charlotte schreit Eduard all’ ihre Enttäuschung und Verachtung ins Gesicht. Schon vorher ist sie „aus der Schöpfung gefallen“, sie darf nur das „Amen“ singen.

Alles kaputt? Nein, sie ist endlich schwanger und sagt zu Eduard „das Kind ist von dir“. Der lächelt kurz. „Aber hast Du was dagegen, wenn wir einen Vaterschaftstest machen lassen?“ ist seine Reaktion. „Nein“, sagt sie kühl und geht aus dem Zimmer. Eduard dreht die Musik auf, tanzt wild und ruft: „Charlotte, jetzt tanze ich für dich.“

Nanu, was ist hier das Fazit? Trotz Afghanistan, trotz Alters- und Karriereängsten sind es wieder nur die ganz persönlichen „Szenen einer Ehe“. Alles andere wird ignoriert und dient lediglich als Staffage. Doch die großartigen Schauspieler und Schauspielerinnen, allen voran Ulrich Matthes und auch Linn Reusse, führen das neue Rinke-Stück zum Erfolg und erhalten fürs Durchhalten sehr verdienten Beifall. Ursula Wiegand

Weitere Termine: 31. Dezember (ausverkauft), danach am 5. 13. und 28. Januar.

 

Diese Seite drucken