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BERLIN/ Deutsches Theater, Kammerspiele: VÄTER UND SÖHNE von Brian Friel nach dem Roman von Iwan Turgenjew

14.03.2016 | Theater

Berlin/ Deutsches Theater, Kammerspiele: „VÄTER UND SÖHNE“ von Brian Friel nach dem Roman von Iwan Turgenjew, 13. 03.2016

Väter und Söhne, Foto Arno Declair
Copyright: Arno Declair

Reichlich vier Stunden rebellieren in diesem Stück die Söhne gegen die Väter, verachten zwei Studenten das bäuerlich-bürgerliche Alltagsleben ihrer Familien und wollen mit Gleichgesinnten etwas Neues schaffen. 1862 schrieb Iwan Turgenjew den Roman „Väter und Söhne“, die französische Übersetzung folgte ein Jahr später, die deutsche mit einem  deutschen Vorwort von Turgenjew 1865.

Auf ihren Werten beharrende, hier sogar verständnisvolle Väter und als Gegenpol ihre umgestaltungsfreudigen Söhne sind ein unendliches Thema. Da das so ist und bleibt, hat der irische Dramatiker Brian Friel aus dem Roman ein Theaterstück herauskristallisiert.

Gespielt und gestritten wird hier auf Deutsch, und das Publikum ist Zeuge. Im weithin ausgeräumten Saal der Kammerspiele blicken alle von vier Seiten in einen großen Raum mit langer Tafel (Bühne: Regina Lorenz-Schweer). Die auf Stühlen diverser Art in den ersten Reihen Sitzenden können sich wie Gäste fühlen, zumal die Schauspielerinnen und Schauspieler nach ihren Szenen neben ihnen Platz nehmen.

Ganz nah dran und quasi mittendrin – das ist der überzeugende Ansatz der Regisseurin Daniela Löffner. Sie geht das Stück betont schlicht an und vertraut richtigerweise auf Turgenjews Menschenkenntnis und die großartigen Schauspieler/Innen vom Deutschen Theater, die teils in heutiger oder der damaligen Zeit angenäherter Kleidung agieren (Kostüme Katja Strohschneider).

Das alles passt zu diesen zeitlosen Konflikten, die wohl allen sehr bekannt sind und überzeugend dargeboten werden. „Väter und Söhne“ gehören daher zu den Stücken, die zum Theaterfestival 2016 im Mai in Berlin eingeladen wurden, bei dem Aufführungen aus dem deutschen Sprachraum konkurrieren.

Eines ist vermutlich anders als 1862. Heutzutage würde ein aggressiver, verbale Giftpfeile schießender Jewgenij Wasiljew Bazarow, der zusammen mit Arkadij Nikolajitsch Kirsanow den „Nihilismus“ predigt, nicht besonders auffallen.
Die beiden Studenten lehnen alles ab: Schönheit, Romantik, die Musik Mozarts und sogar Liebe und Freundschaft. Dennoch verbringen sie höchst konservativ ihre Semesterferien auf dem Land bei den Eltern. Zeit für Dispute bleibt da genug, und Alexander Khuon als Bazarow brilliert mit eiskalten Statements und versteckt jedes Gefühl hinter einem imaginären Panzer. Einer, der angeblich seine Eltern liebt, sich aber so absondert, dass die es nicht wagen, diesen „besonderen Menschen“ zu umarmen. 

Wie viel sympathischer wirkt da sein Mitstreiter Arkadij Nikolajitsch Kirsanow, eher ein von Bazarow faszinierter Mitläufer, der diesen Freund mit ins elterliche Gutshaus bringt. Dem schlaksigen Marcel Kohler merkt man/frau sofort an, dass er ein Mensch mit Herz ist. Wie echt freut er sich, als ihm sein Vater, der Gutsbesitzer Nikolaj Petrowitsch Kirsanow (Helmut Mooshammer!) gesteht, das er das kesse Dienstmädchen Fenitschka (Lisa Hrdina!) liebt, sie ein Baby bekommen hat und er nun einen winzigen Bruder besitzt.

Während alle dem Eisescharme von Bazarow verfallen, funkt es zwischen ihm und Katja (Katerina Sergejewna). Kathleen Morgeneyer gibt dieser Mädchenhaften etwas Besonderes, sehr Anziehendes. Zusammen mit Arkadijs Onkel Pawel, der französisch parliert und englische Bücher liest, tanzt sie und singt Mozarts „Reich mir die Hand, mein Leben“. Der, Oliver Stokowski, ist übrigens der Erste, der sich vehement gegen Bazarows Nihilismus-Suada mit guten Argumenten zur Wehr setzt und sich später mit ihm sogar duelliert. 

Und da ist noch die schöne verwitwete Großgrundbesitzerin Anna Sergejewna Odinzowa (Franziska Machens), die genau wie Bazarow ihre Gefühle versteckt. Während er ihr schließlich verzweifelt seine Liebe gesteht, hält sie sich bedeckt, bezeichnet Leidenschaft als Luxus, sorgt stattdessen für ihr Gut und die schon dem Wahnsinn verfallene Fürstin Olga, ihre schrille Tante (Elke Petri).

Endlich besucht Bazarow nach drei Jahren auch seine Eltern, den Vater und Arzt Wasilij Iwanowitsch und seine Mutter Arina. Bernd Stempel und Katrin Klein spielen das sehr berührend. Er den Landdoktor, der mit lateinischen Vokabeln und Zitaten um sich wirft, aber schon eine gewisse Gedächtnisschwäche erkennen lässt. Sie die Frau, die ihn bemuttert.
Sie brechen in Tränen aus, als ihnen Arkadij verrät, dass ihr Sohn der glänzendste Kopf an der Universität sei. Als dieser Nihilist den Vater bei der Bekämpfung einer Typhus-Epidemie unterstützt, sich ansteckt und stirbt, hält Anna seine Hand (was nur erzählt wird), und beide Eltern, die Mutter vor allem, verlieren den Verstand. Beruhigend spielt Stempel (wirklich) auf der Gitarre.

Doch das Leben geht weiter. Beim Beileidsbesuch von Arkadij erzählt der Vater lachend die lustigen Ereignisse des vorigen Besuchs, bis er tatsächlich auf den Tod des Sohnes zu sprechen kommt. Nur vier Wochen später feiern sie alle zusammen bei Wein und Sekt am langen Tisch. Vater Nikolaj, nun in Rockerjacke, verkündet die bevorstehende Hochzeit mit Fenitschka. In vier Wochen werden auch Arkadij und Katja heiraten. Doch der ist der einzige, der den Tod seines Freundes noch nicht überwunden hat und dessen Revolution fortsetzen will. Katja lächelt, sie setzt auf die Zukunft und singt leise: „Reich mir die Hand, mein Leben.“

Wie im Flug sind die vier Stunden (mit einer kurzen Pause) vergangen. Neben dem jungen, so authentisch wirkenden Marcel Kohler und seiner liebenswerten Kathleen Morgeneyer verdienen die beiden Väter (Helmut Mooshammer und Bernd Stempel) ein besonderes Lob für ihr lebensechtes Verhalten.

In weiteren Rollen Hanna Hilsdorf als junges Dienstmädchen Dunjascha, Markwart Müller-Elmau als Kammerdiener und Benjamin Radjaipour als Wechsel-Diener in beiden Familien. Den starken Schlussbeifall haben sie alle verdient.                 

Ursula Wiegand

Weitere Termine: 17. , 22. und 26. März, teils ausverkauft

 

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