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BERLIN/ Deutsches Theater: HEDDA GABLER. Premiere

17.05.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

Berlin/ Deutsches Theater: Berlin-Premiere„HEDDA GABLER“ mit Nina Hoss, 16.05.2013


Felix Goeser und Nina Hoss bei einer Pressekonferenz. Foto: Ursula Wiegand

Von Recklinghausen gelangt diese neue „Hedda Gabler“ als Koproduktion nun ans Deutsche Theater Berlin. Das Ibsen-Stück scheint ohnehin momentan en vogue zu sein, wird es doch auch in Dresden und München aufgeführt. Gibt es nicht genug moderne Werke, die Regisseure und Theater reizen? Oder meint man, mit Ibsen könnte man eigentlich nichts falsch machen?

Vielleicht doch, denn gerade Hedda Gabler erscheint uns doch recht antiquiert. Nur die Frau eines Mannes zu sein – gibt’s vielleicht heutzutage auch noch – ist aber inhaltlich herzlich wenig. Also muss die Story um eine unselbständig gebliebene Schöne, die nichts als Langeweile kennt, aufgepeppt werden, um die Zuschauer nicht zu langweilen.

Das meint offenkundig Regisseur Stefan Pucher und lässt sich einiges einfallen. Darüber hinaus erweckt er den Eindruck, dass er das Stück und die geschilderten Charaktere nicht recht ernst nimmt. Warum auch? Ibsen selbst, so scheint es mir, hatte wenig Sympathie für diese, seinerzeit durchaus anzutreffenden Figuren und hat sie mit einigem Sarkasmus geschildert. Den jungen begabten Alkoholiker Eilert Lövborg, der ein angeblich wegweisendes Buch geschrieben hat, lässt er weder tapfer von eigener Hand sterben noch in Schönheit, wie Hedda es dem Ex-Freund suggeriert hatte.

Nein, der krepiert nach ihrer den bürgerlichen Konventionen geschuldeten Zurückweisung und bei der Liebesersatzsuche im Bordell an einem Bauchschuss, weil er Heddas Pistole offenbar ungesichert in der Hosentasche trug. Welch eine zynische Idee. Alexander Khuon spielt diese Rolle äußerst zurückgenommen, beinahe steif. Was also fasziniert die Frauen an diesem Mann? Erst beim Schlussbeifall setzt er ein charmantes Lächeln auf.

Pucher karikiert auch Hedda Gablers Umfeld. Mal lässt er mit Hilfe der Drehbühne die Handlung im Blockhaus-, mal im schrill bunten Glühbirnen-Party-Ambiente spielen, schließlich sogar in einem dunklen Aufnahmestudio (Bühne: Barbara Ehnes), wo alle ihre Gesangsnummern zum Besten geben und Khuon zur Gitarre greift. (Musik: Christopher Uhe)

Außerdem wird die Hedda von Annabelle Witt mit drei Kostümen und dazu passenden Frisuren bedacht, einen Parcours durch die letzten Jahrhunderte imitierend. Nach dem Motto, Heddas Schicksal wäre zeitlos. Ist es das?

Vor allem das erste Outfit, das Nina Hoss im dunkelhölzernen Wohnzimmer zur Schau stellt, wirkt überkandidelt und soll es wohl auch sein, ein aufwändiges langes Brokatkleid mit solch steif abstehenden Puffärmeln, als hätte diese dezente Teufelin Engelsflügel darunter.

Modemäßig folgen die Golden Twenties, Hedda mit Lockenköpfchen. Die Schlaghosen aus neuerer Zeit fehlen auch nicht. Frau Hoss, die noch in einem Sack hinreißend aussehen würde, trägt das alles stilsicher und mit der ihr eigenen Selbstverständlichkeit. Stil ist ohnehin das Gestaltungsmerkmal, das sie der Hedda Gabler verleiht. Doch solch eine Modeschau hätte Frau Hoss, Deutschlands vielleicht einziger internationaler Star, dafür aber nicht gebraucht.

Hier wird also bewusst überzeichnet, werden die Gesichter in Großaufnahmen im Video (von Meika Dresenkamp). Auch der Anfang wird zur Lachnummer umfunktioniert. Das obliegt der unvergleichlichen Margit Bendokat als Tante Juju (Fräulein Juliane Tesmann) mit ihrer ebenso unvergleichlich leiernden Sprechweise. Sie hat ihre Rente verpfändet, um ihrem Neffen den Kauf der passenden Bleibe für seine anspruchsvolle Frau zu finanzieren. Schon wie sie dieses Mutter-/ Tantensöhnchen immer wieder „Jörgen“ ruft, lässt das Publikum glucksen. Dabei gibt sich die Bendokat keineswegs tuntig. Neben dem schleimigen, von Bernd Moss gespielten Amtsgerichtsrat Brack, der für Dreiecksverhältnisse plädiert, ist sie die einzige Person mit gewissem Realitätsbezug.

Den lässt der von ihr verhätschelte Jörgen Tesmann, ein Möchtegern-Gelehrter, vermissen, und auch Ibsen hat für diesen lächerlichen Langweiler-Gatten offenbar kaum Sympathien. Der hat sich zwar eine schöne Vorzeige-Frau geleistet, kann aber weder ihre finanziellen noch sexuellen Wünsche erfüllen. Ein Professor in der Warteschlange, ein Mann im Morgenrock, der die Raten nicht zahlen kann, ein hilfloser, aber immerhin grundanständiger Typ. Felix Goeser spielt ihn glaubwürdig und erweckt unser Mitgefühl. Dumm gelaufen – die Heirat mit dieser kapriziösen, unreifen und selbstsüchtigen Hedda. Ihren boshaften Charakter erkennt er bis zuletzt nicht.

Diese Hedda, so kindhaft launisch sie wirkt, hat vermutlich nie mit Puppen gespielt. Die will lieber – durchaus verständlich – ein Mann sein, der alles darf und Dinge erlebt, nach denen sie giert und die sie sich beichten lässt. „Ich stehe nur so da und schieße in die blaue Luft,“ sagt sie, hat sie aber auch schon mal auf den Amtsgerichtsrat und ihren Lover gerichtet. Abzudrücken hat sie nicht gewagt.

Am liebsten möchte sie alle ihre Männer niederknallen, vermittelt uns ein Video. Als rächender Western-Engel schießt sie die Cowboy-Männer aus dem Sattel. In Wirklichkeit traut sie sich gar nichts, weder das noch den Ausbruch aus ihrer Ehe. Heddas Schulfreundin Frau Elvsted (Anita Vulesica), die wegen Eilert Lövborg ihren Mann verlassen hat, zeigt durchaus überzeugend mehr an verzweifeltem Mut. – Als Dienstmädchen Berte agiert Naemi Simon.

Hedda dagegen pflegt nur ihre Langeweile und ihre verworrenen Träume. Sie will dezidiert nichts tun und auf keinen Fall Verantwortung übernehmen, beispielsweise für ein Kind. Eine Rebellin, aber von Konventionen gefangen.

Ihre Intelligenz nutzt sie nur dazu, andere seelisch zu verletzen, um das dann mit diesem fein strahlenden Nina Hoss-Lächeln (angeblich) wieder gutzumachen. In Sekundenbruchteilen spiegelt ihr Gesicht alle Launen und Gefühle wider. Süffisant lächelnd verbrennt sie Eilert Lövborgs im Suff verlorenes Manuskript mit den bösen Worten: „Jetzt töte ich Dein Kind.“

Erst zuletzt zieht sie, nun nicht mehr „Herr“ der Situation, die Konsequenzen. Tesmann will gemeinsam mit Frau Elvsted und mit Hilfe der von ihr geretteten Notizen Lövborgs Buch neu schreiben. Arg- und gedankenlos vertraut er sie dem Amtsgerichtsrat an. Damit wäre sie, die immer Macht über andere haben wollte, ihm ausgeliefert. Nun setzt sie die Pistole an die Schläfe. Gezeigt wird es nicht, und es ist auch kein Schuss zu hören. Sonderbar.

Trotz der auf oberflächliche Effekte zielenden Inszenierung lohnt es sich, Nina Hoss und ihre Partner/Innen im Deutschen Theater zu erleben. Denn nach 15 Jahren als dortiges Ensemblemitglied wird sie zur Schaubühne wechseln. Ein großer Verlust für das Deutsche Theater, doch Berlin bleibt sie erhalten.

Ursula Wiegand

Zuletzt starker Beifall für alle Beteiligten, insbesondere für Nina Hoss. Und keine Buhs fürs Regieteam. – Weitere Termine: 19., 22., 26. und 29. Mai sowie am 20. und 21. Juni.

 

 

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