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BERLIN/ Deutsches Theater: GESCHICHTEN AUS DEM WIENERWALD. Premiere

30.03.2013 | KRITIKEN, Theater

Berlin/ Deutsches Theater: Premiere „GESCHICHTEN aus dem WIENERWALD“, 29.03.2013

 Vor wenigen Tagen hatten die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Münchner Volkstheater Premiere, wenige Tage später folgt das Deutsche Theater Berlin, wo das Stück 1931 uraufgeführt wurde.

Dort, wie zu erfahren ist, knallbunt und überkandidelt, hier ganz minimalistisch auf leerer dunkler Bühne. Nur vor Beginn, beim gleichnamigen Stück von Johann Strauss (Sohn) flammt bei vollem, bedrohlich anschwellendem Orchesterklang das Saallicht erneut auf. Hinhören und Hinschauen sind gefordert.

Denn erschreckend ist es schon, welche Bösartigkeiten der österreich-ungarische Autor Ödön von Horváth hinter der Maske von biederer Bürgerlichkeit entdeckte und thematisierte. Ein Volksstück hat er es genannt, hat dem Volk aufs Maul und in die verstockten Herzen geschaut, hat auch den aufkommenden Nationalismus eingeflochten.

Die Uraufführung in Berlin hatte einen Sturm der Empörung vor allem rechtsradikaler Kreise zur Folge. Doch noch bei der österreichischen Erstaufführung am 1.12.1948 im Wiener Volkstheater kam es zu einem Theaterskandal. Horváths Blick hinter Walzerseligkeit und Wiener Gemütlichkeit sorgte für Entrüstung. Viele fühlten sich offenbar fälschlicherweise verurteilt. Oder ertappt?

In Berlin sitzen die Darsteller während des minutenlangen „An der schönen blauen Donau“ still im schwarzen Bühnenhintergrund. Diese „Kulisse“ bleibt während der kommenden zwei Stunden unverändert. Also keine „stille Straße“ im 8. Wiener Bezirk, kein Spielwarenladen. Kein einziger Baum deutet den Wiener Wald oder die Wachau an. Regisseur Michael Thalheimer setzt in seiner gestrafften Fassung auf das Wort und die Schauspieler, und auf die kann er sich verlassen. Die treten, je nach Szene, aus dem Dunkel an die hell erleuchtete Rampe (Licht: Robert Grauel). Da steht erstmal der Fleischer Oskar (Peter Moltzen) mit offenbar ausgestopftem Bauch und bemüht sich mit spaßigen Verrenkungen, die Lacher herrufen, etwas aus der Jackentasche zu ziehen. Das entpuppt sich als eine Pralinenschachtel, mit der er Marianne, seine Jugendliebe, mal wieder beglücken will. Eine der wenigen lustigen Szenen in diesem eigentlich todtraurigen Stück.

Sie (die schöne Katrin Wichmann) bricht angesichts dieses schon bekannten Präsents in Tränen aus. Beim Vormittagsbusserl, das er ihr abverlangt, beißt er ihr in die Lippe. Liebe ist hier gewalttätig. Oder gar nicht vorhanden, wie beim Vater, dem Zauberkönig (Michael Gerber), dessen krasse Hartherzigkeit auch die Luftballons, die er ständig herumträgt, nicht mildern. Vor der Marianne aufgezwungenen Verlobung rät er Oskar sogleich, seine Tochter nicht zu verwöhnen. Frauen müsse man züchtigen.

Als sie aber dem Charme des Hallodri Alfred (Andreas Döhler, auch in knapper Badehose gut anzuschauen) erliegt und mit ihm aus der Verlobungsfeier flüchtet, sagt der Vater mehrmals den fürchterlichen Satz: „Ich habe keine Tochter mehr.“ Und Oskar droht ihr: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen.“ In der Zwischenzeit wird er weiter zusammen mit dem Gesellen Havlitschek Schweine „abstechen“. Mit blutbeschmrierter Schürze (Kostüme: Katrin Lea-Tag), mit blutigen Händen und lüstern flackernden Augen gibt den Henning Vogt. Einem solchen Mann möchte wohl niemand auf dem Heimweg begegnen.

So sind sie also, die hier gezeigten Figuren. Abgesehen vom Fleischergesellen außen hui, innen pfui oder – wie die Großmutter (Simone von Zglinicki) bigott bis zum geht nicht mehr. Für den durch sie indirekt verursachten Tod des in ihrer Obhut befindlichen kleinen Leopold (unehelicher Sohn von Marianne und Oskar) macht sie – zumindest in einem Brief – den Herrgott verantwortlich. Ihre Tochter, Alfreds Mutter (Katrin Klein) war feige und hat nicht eingegriffen.

Sind sie also alle kleine Monster, immer wieder begleitet von harmlosem Walzerklang? Wohl kaum der k & k-Rittmeister (Harald Baumgartner). Selbst der schon Naziparolen rufende Deutsche Erich (Moritz Grove) wirkt nicht verstellt und auch nicht Furcht erregend. Die meisten sind eher kleinbürgerliche Unholde, die angesichts der drohenden Wirtschaftsmisere ihre Existenz sichern und den schönen Schein wahren wollen.

Oder auf ihre Weise nach dem Glück suchen wie die gut betuchte, männergeile Kioskinhaberin Valerie (Almut Zilcher), die über die Bühne stelzt und manchmal gekonnt auf dem Boden herumturnt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Mit ihrem Geld finanziert sie Alfreds Pferdewetten und bettelt um Liebe zu seinen Füßen. Doch kalt verlässt er sie zugunsten der jungen, attraktiven Marianne.

Alfred bleibt ein Schwerenöter, dem immer Ausreden einfallen. Von Arbeit hält er nicht viel und zieht gegenüber Marianne bald raue Seiten auf. Er wirft ihr ihre Dummheit vor, hat sie doch nichts gelernt. Die Rolle dieses wendigen Charmeurs spielt Andreas Döhler mit überzeugender Mimik und Körpersprache. Dem kann eigentlich niemand böse sein. Und ist es doch. Als er Marianne verlässt, bleibt ihr nur die Arbeit als Erotikdarstellerin. So sieht sie, oben ohne, der Vater und bekommt eine Herzattacke. Ein Bordell-Kunde – der aus Amerika als reicher Mann zurückgekehrte Mister mit Wien-Begeisterung (Jürgen Huth) – bezichtigt sie des Diebstahls, und sie verbringt Monate im Gefängnis. Ein sozialer Abstieg sondergleichen.

Schon zuvor hat sie vor dem Antonius-Altar gefragt, was Gott wohl mit ihr vorhabe. Er hat ihr keine Antwort gegeben. Jetzt weiß sie es und muss sie sich solche Phrasen anhören wie: „Wen Gott liebt, den züchtigt er.“ Angewidert spuckt sie auf den Boden. Sie, die einzige, die wirklich geliebt hat.

„Ich kann nicht mehr – jetzt kann ich nicht mehr,“ sagt sie zuletzt, will erneut fliehen, doch Fleischer Oskar greift sie energisch unterm Arm. Seine Drohung, „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen“, bewahrheitet sich. Nun geht’s ab zum Traualtar und in die Ehe-Hölle.

Das alles, wie gesagt, ohne Kulissen. Thalheimer hat sich ganz auf das Stück und die Darsteller verlassen. Die überzeugen und machen das Beste aus ihren Rollen, am meisten Katrin Wichmann (Marianne) und Andreas Döhler (Alfred).

Die optische Magerversion findet jedoch nicht allgemeinen Anklang. Der Beifall ist freundlich, aber relativ kurz. Buhs fürs Regieteam bleiben immerhin aus.   

Ursula Wiegand

 

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