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BERLIN/ Deutsches Theater: DREI SCHWESTERN nach Anton Tschechow. Premiere

13.11.2018 | Theater


Drei Schwestern mit Felix Goeser, Benjamin Lillie, Bernd Moss, Michael Goldberg. Copyright: Arno Declair

Berlin / Deutsches Theater: „DREI SCHWESTERN“ nach Anton Tschechow, Premiere, 12.11.2018

Anton Tschechow an einem Novemberabend – das passt genau und kann trübsinnig machen. Diese tonnenschwere Melancholie, dieses von ihm in wiederkehrenden Wortschleifen eindringlich geschilderte freud-, lust- und trostlose Leben in der russischen Provinz. „Drei Schwestern“ hat er auf der Krim geschrieben, wo er wegen Tuberkulose behandelt wurde und das Moskauer Leben und das dortige künstlerische Umfeld enorm vermisste.

In seiner Erzählung zerrinnen nun vor unseren Augen und Ohren die Träume nicht nur der drei Schwestern. Schon unglaublich früh richten alle Beteiligten den Blick auf den Tod und das unweigerliche Vergessenwerden. Auch Tschechows Stücke „Der Kirschgarten“ und „Onkel Wanja“ widmen sich diesem lethargischen Lebensgefühl der Adligen und Begüterten im Vorfeld der Oktoberrevolution.

Dennoch werden seine Dramen immer wieder auf die Bühnen gebracht und vom Publikum zumeist mit Anerkennung oder – wie an diesem Abend – mit kräftigem Applaus bedacht. Denn Tschechow hat sehr genau die Negativstimmung getroffen, die auch heutzutage diejenigen ergreift, die sich alleingelassen und nicht mitgenommen fühlen. Auch mitten in der Großstadt, die soviel Chancen, Abwechslung und Zerstreuung bietet, fühlen sich nicht wenige oft vergessen, mutlos oder ausgebrannt.

Wie damals die drei Schwestern konservieren sie vergangene Träume und verpassen so die Gegenwart und die Zukunft obendrein. Das gilt für Frauen und für Männer. Schon bei Tschechow klingt das deutlich an und ist wieder ganz aktuell.

Vielleicht hatte das die Regisseurin Karin Henkel in ihrer zweiten Inszenierung der Drei Schwestern – nach der von 2009 am Schauspiel Frankfurt – besonders herausarbeiten wollen. Sie steckt die drei Damen in Männerkleider, lässt ihnen darüber hinaus noch maskenhafte Gesichter aufschminken (Bühne und Kostüme: Nina von Mechow). Die hier klagen, jammern und mit dem Leben nicht zurechtkommen – das sind wir alle.

Manchmal wehleidig, manchmal schrill wird das von Felix Goeser, Michael Goldberg, Benjamin Lillie und Bernd Moss sehr überzeugend dargestellt. Bei manchen Sätzen ist im Publikum ein amüsiertes Lachen zu hören. Solche Sprüche passen persönlich genau so wie auch in die heutige gesellschaftliche und politische Situation. Tschechow ist nicht altbacken.


Bernd Moss, Angela Winkler. Copyright: Arno Declair

Nur eine einzige Frau steht auf der Bühne bzw. gleich anfangs in ihrem Haus auf einer Art Innenbalkon. Das ist die alt gewordene Irina, die großartige 74jährige Angela Winkler. Als junge Frau hat sie ständig „nach Moskau“ gerufen. Ihr Mantra, um dem faden Landleben zu entfliehen.

Viele Jahre sind vergangen, doch sie hat noch immer den bunten Kreisel, ein Geschenk von Offizier Tusenbach. Der hat sie geliebt, sie mit seiner Verehrung genervt, war aber voller Elan und wollte mit ihr woanders ein neues Leben beginnen.

Irina, lange auf Moskau und einen dort zu findenden Traummann fixiert, wollte ihn schließlich gar heiraten, konnte ihn aber nicht lieben. Der Knall einer Kugel ist zu hören, der junge, tödlich getroffene Offizier fällt durchs Fenster zu Irinas Füßen. In Henkels Variante hat er sich selbst das Leben genommen, ist nicht wie bei Tschechow beim Duell erschossen worden. Anstelle der Jugendträume hat die zarte Frau jetzt ein Trauma und fühlt sich schuldig an seinem Tod.

Das große Holzhaus dreht sich nun und kippt, was im Verlauf der auf zwei pausenlose Stunden gekürzten Handlung öfter passiert. Auch das ist eine Metapher. Immer wieder verlieren die nun ausschließlich männlichen Interpreten ihr Gleichgewicht, sei es durch Suff oder Spielsucht wie Andrej (Felix Goeser), der begabte Bruder der drei Schwestern und einstiger Hoffnungsträger der Familie.

Statt Professor in Moskau zu werden, ist er nun Sekretär des Bürgermeisters und hat die vulgäre Natascha geheiratet, die er, entsprechend verkleidet, ebenfalls spielt. Einer, der als Ablenkung von seinem Versagen auch mal darüber räsoniert, ob er und alle anderen vielleicht gar nicht da sind und sich alles nur einbilden.

Irina und Tusenbach, das Beinahe-Paar, wird von Benjamin Lillie glaubhaft verkörpert. Mit leuchtenden Augen und blonder Perücke spielt er die junge Irina, die, wie erwähnt, immer wieder „nach Moskau“ ruft, dann in der Arbeit ein Heilmittel sucht, es aber als Postangestellte nicht findet. Irinas unermüdlichen Verehrer spielt Lillie ebenfalls.

Michael Goldberg ist gleichzeitig für die mittlere Schwester Mascha und ihren Mann zuständig. Während Mascha ständig bedauert, schon mit 18 ihren angeschwärmten Lehrer Kuligin geheiratet zu haben, hat der sein eigenes Mantra: „Ich bin so glücklich, meine Mascha liebt mich, ja sie liebt mich.“

Die allerdings findet in Oberst Werschinin (Bernd Moss) , der mit seiner Kompanie in diesem Kaff einige Wochen stationiert ist, einen Lover auf Zeit. Aber einen, der nur immer über seine nicht in Erscheinung tretende kranke (den Selbstmord übende) Frau, die zwei Töchter und seine Schwiegermutter stöhnt. Und noch schlimmer – sich später gar nicht mehr an die Gesichter und Stimmen der drei Schwestern erinnern kann. Das fast totale Vergessen. Außerdem gibt Bernd Moss die Olga, die als Lehrerin arbeitet und sich total überfordert fühlt, als sie schließlich Direktorin wird.

Alles in allem ein desaströses Umfeld, öfter unterbrochen vom Geschrei (vom Band) der Babys von Andrej und Natascha. Beim Großbrand im Dorf will Olga Obdachlose aufnehmen, doch Andrej gibt den hartherzigen Boss und verhindert das. Schließlich rennt er atemlos immer im Kreis, will weg, und bleibt doch diesem Umfeld verhaftet.

In dieser depressiven Familie behält nur eine einen klaren Kopf. Die bodenständige, grell geschminkte Natascha, die Mutter der beiden Kinder. Sie treibt die drei Schwestern aus dem Haus, das nun ihr gehört. Sie ist die toughe neue Frau in der anbrechenden neuen Zeit.

Zuletzt steht die zarte Angela Winkler direkt an der Rampe. Mit kleinen Gesten lässt sie ihr Leben Revue passieren, findet ein Lächeln, hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Den von Werschinin gleich anfangs geäußerten Wunsch, das Leben noch einmal von vorne anfangen und es dann im Ernst leben zu können – hegt sie den überhaupt?  Es sind die berührendsten Momente in diesem turbulenten und virtuos gespielten Stück, das mit kräftigem Beifall endet. Auch fürs Regieteam.   

Ursula Wiegand

Weitere Termine: 16. und 24. November sowie am 06., 16. und 27. Dezember.
 

 

 

 

 

 

 

 

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