Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN/ Deutsches Theater: DER KIRSCHGARTEN

26.02.2012 | KRITIKEN, Theater

Berlin, Deutsches Theater: „DER KIRSCHGARTEN“, 25.02.2012


Felix Goeser und Nina Hoss bei einer Veranstaltung im Deutschen Theater Berlin. Foto: Ursula Wiegand

„Schlag nach bei Tschechow,“ möchte man abgewandelt singen, denn der hat momentan Konjunktur. Kein Wunder, wirkt doch „Der Kirschgarten“, dieses Stück über Verschuldung, Hilflosigkeit, riskante Finanzierungsmodelle und Zwangsverkauf angesichts der Griechenland-Misere sehr aktuell.

Anton Tschechow wollte es als Farce verstanden wissen und auch so inszeniert sehen. Doch was Regisseur Stephan Kimmig aus dem von Thomas Brasch bearbeiteten Text macht, ist eher eine Klamotte und steht auch in deutlichem Kontrast zum luftig-charmanten Allzweck-Bühnenbild von Katja Haß.

Vieles ist sehr grob zugehauen, und einige Schauspieler müssen schon bei sich selbst  abholzen, bevor dieses Schicksal die (nicht gezeigten) Kirschbäume ereilt.  Bei solch einer  Holzhammermethode bleibt wenig Platz für die Tragik, die sich hinter allen Personen verbirgt. Eigentlich müsste einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleiben.  

Stattdessen darf eine sich auch mal auskotzen, um wohl darauf aufmerksam zu machen, dass das Leben der hoch verschuldeten Adligen oder ihrer Entourage genau genommen zum Kotzen ist.  Doch solche „Gags“ sind von gestern, und blöd sind die Zuschauer auch nicht.

In die gleiche Kerbe schlägt die „Vitaminzufuhr“. Statt der Kirschen futtern die Darsteller  Clementinen und spucken die Reste bei ihrem pausenlosen Gerede den anderen ins Gesicht. Das eklige Tun bringt jedoch keine weitere Erkenntnis. Was soll das?

Völlig überzeichnet ist vor allem der Kaufmann Jermolaj Alexejewitsch Lopachin, dargestellt vom muskulösen Felix Goeser. Seine Vorfahren waren noch Leibeigene auf diesem hochherrschaftlichen Gut, er hat sich hochgearbeitet.

Während die Adligen ihr Leben lässig vertrödeln oder verschwatzen, steht er um 5 Uhr morgens auf und ackert. Er ist zwar, wie er selbst zugibt, ein Bauer ohne Bildung, besitzt aber Marktgespür. Er hat beizeiten begriffen, dass sich die Zeiten ändern, und ist der Einzige, der weiß, was zu tun ist.

Tschechow bezeichnet ihn als einen guten Menschen, und so äußert sich auch sein Umfeld.  Warja (glaubwürdig: Meike Droste), die Adoptivtochter der Gutsherrin, hofft sogar ihn zu ehelichen. Doch der sonst so Aktive schafft es nicht, ihr den ersehnten Heiratsantrag zu machen.

Eine schöne stille Szene, denn sonst darf Goeser nur den ruppigen Polterer geben. Das macht er gekonnt, und so ist es schwierig, hinter seinem rüden Auftreten so etwas wie Güte zu vermuten. Bekanntlich ist er es, der schließlich das Gut samt Kirschgarten bei einer Auktion ersteigert und freiwillig weit mehr als die darauf lastenden Schulden bezahlt. Ob aus Sentimentalität oder aus Rach- bzw. Gewinnsucht, bleibt offen.

Seine Gegenspielerin wider Willen ist Nina Hoss als Gutsherrin Ljubow Andrejewna Ranjewskaja. Sie ist aus Paris zurückkehrt und fühlt sich in der heimischen Umgebung glücklich wie in Kindertagen. Mit allen Gesichtsmuskeln, strahlenden Augen und jeder Handbewegung vermittelt sie dieses Glücklichsein, bald aber auch Frust und versteckte Verzweiflung.

Ihre Schauspielkunst lässt alle sonstigen Plattheiten vergessen. Sie scheint gar nicht zu schauspielern, sie ist einfach da. In Sekundenbruchteilen verändert sich ihre Mimik, ein Zucken der Augenbrauen, ein Lächeln oder Falten auf der Stirn spiegeln alle ihre Gefühle wider. Hier ein kleiner Lacher, da eine  melancholische Verdüsterung, dort etwas Übermut und dann wieder fassungsloses Erstaunen. Eine Gescheiterte, auch in der Liebe, und sie weiß das.

In der Liebe scheitern sie übrigens fast alle. Der schwadronierende Bruder der Gutsherrin, Leonid Andrejewitsch Gajew, sowieso, denn der pendelt nur zwischen Billardspiel und Bonbons, was man dem dicklichen Christoph Franken deutlich ansieht.

Eigentlich ist der eine lächerliche Figur, aber einer mit Ideen. Schulden will er durch Ausgabe von Wechseln mit neuen Schulden tilgen. Kommt uns das etwa bekannt vor? Zuletzt bekommt er einen Job als Banker. Tschechow war wohl ein Hellseher.

Von nervöser Komik der Buchhalter Semjon Pantelejewitsch Jepidochow, dem ständig Missgeschicke passieren. An diesem Abend springt Alexander Khuon für den plötzlich erkrankten Harald Baumgartner ein, verstolpert beim Eintritt sogleich den Blumenstrauß und fuchtelt auch mal mit dem Revolver herum. Auch er – im roten Schlabberpulli unter der Jacke (Kostüme Anja Rabes) – ist einer, der mit seinem Leben nichts anzufangen weiß.

Dagegen hat der benachbarte, ebenfalls verschuldete Gutsbesitzer ein genaues Ziel, und das heißt: Geld pumpen. Immerhin macht das Jürgen Huth stilvoll und bekommt für eine flotte Tanznummer (Musik Michael Verhovec) Szenenbeifall. 

Betont nervtötend gibt Elias Arens den Langzeitstudent Pjotr Sergejewitsch Trofimov. Ein schwafelnder Weltverbesserer, der die körperliche Liebe als überholt ablehnt. Dennoch ist er – ähnlich wie der Kaufmann – ein Mann der Zukunft und sogar einer, der von dem reichen Kaufmann kein Geld annimmt.  

Diesen verqueren Liebes-Verweigerer schnappt sich zuletzt die süße Anja (Natalia Belitski),  der Gutsherrin Tochter. Sie wird bei ihm in Russland bleiben, während ihre Mutter nach dem Verkauf des Gutes sofort ihre Sentimentalität entsorgt und umgehend nach Paris zurückkehrt.  

Während sich nun alle eilfertig davonmachen, bleibt einer vergessen im verschlossenen Haus zurück: der hochbetagte Diener Firs, dem Helmut Mooshammer Alterswürde verleiht. Der kann den neuen Zeiten nichts abgewinnen, für ihn war schon die Abschaffung der Leibeigenschaft ein Fehler. Seine lakonische Feststellung: „Vor dem Unglück war es genauso. / Vor welchem Unglück? / Vor der Freiheit.“  Auch das eine Tschechow-Weisheit zum Nachdenken, für das ansonsten wenig Zeit bleibt.

So sind es die Schauspieler, allen voran die fabelhafte Nina Hoss, die wieder einmal eine  Inszenierung retten und die Besucher anlocken werden. Ihretwegen und wegen Tschechow lohnt sich der Abend trotz aller Einwände. Der starke Beifall bei dieser B-Premiere spricht eine deutliche Sprache.  Weitere Termine: 03., 13. 25. und 27. März.  

  Ursula Wiegand

 

 

 

Diese Seite drucken