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BERLIN/ Deutsches Theater: DER GETEILTE HIMMEL von Christa Wolf als Gastspiel des Staatsschauspielhauses Dresden

09.11.2014 | Allgemein, Theater

Berlin/ Deutsches Theater: „DER GETEILTE HIMMEL“ von Christa Wolf, 08.11.2014

 25 Jahre Mauerfall – für Berlin und die Berliner ist das ein emotionales Ereignis. Die brutale, 28-jährige Teilung der Stadt, die mindestens 136 Todesopfer forderte – erschossen von DDR-Grenzern oder ertrunken in den Grenzgewässern – wird wieder wachgerufen. Als Erinnerung und Mahnung zugleich, nun aber auch als freudvolle Freiheitsfeier. Sehr viele wollen das miterleben, hunderttausende Besucher sind gekommen. Zusammen mit den Berlinern fahren, gehen und radeln sie am ehemaligen Mauerverlauf entlang, der sich dieser Tage in eine 15 km lange, stimmungsvolle Lichtgrenze verwandelt hat.

 Lichtgrenze mit Spree und Reichstag. Foto Ursula Wiegand
Lichtgrenze mit Spree und Reichstag. Foto: Ursula Wiegand

Passend dazu hat das Deutsche Theater das Staatsschauspielhaus Dresden eingeladen. Das bringt – nach der Uraufführung am 19.01.2013 in der Elbestadt – nun auch hier „Der geteilte Himmel“ nach einer Erzählung von Christa Wolf, publiziert 1963. Für die Bühne haben es Felicitas Zürcher und der Regisseur Tilmann Köhler unter Mitarbeit des Ensembles eingerichtet.

Christa Wolfs Erzählung spielt kurz vor der Errichtung der Mauer, also zu einer Zeit, als DDR-Bürger noch in den Westen übersiedeln konnten. Erschienen ist die Story nach dem Mauerbau und behandelt die Liebesgeschichte zwischen der 19jährigen Rita Seidel und dem promovierten Chemiker Manfred Herrfurth. Beide verlieben sich beim Dorftanz ineinander, radeln frohgemut über die Bühne und werden bald ein Paar.

Der Sozialismus in der DDR fordert die Menschen. Rita wird zur Lehrerin ausgebildet und arbeitet zudem in einer Brigade, die Waggons herstellt. Wie relativ unproduktiv das vonstatten geht, lässt schon eines der ersten Bühnenbilder (von Karoly Risz) erkennen. Alle pusten so engagiert Ballons auf, dass diese sofort wieder zerplatzen. So wie später manche Träume, auch die von Rita und Manfred (großartig: Matthias Reichwald).

Diese Rita, von Lea Ruckpaul glaubwürdig dargestellt, ist ein echt süßes, munteres Mädchen im schlichten Kleidchen (Kostüme Susanne Uhl), auch ein träumerisch veranlagter junger Mensch, was eine Geige im Off (Maria Stosiek) gelegentlich untermalt. In Rita verliebt sich auch der sonderbare Werkleiter Ernst Wendland (Philipp Lux), ein Dennoch-Sozialist trotz seiner Sibirien-Erfahrungen, der seine Zweifel am System hinter einer Maske verbirgt.

Doch wer nicht funktioniert, wird degradiert, wie Rolf Meternagel (überzeugend Ahmad Mesgarha). Der sucht Trost bei der frischen Kleinen, genau wie ihr Manfred, dessen Forschungen und Erkenntnisse von den tumben DDR-Gremien abgeschmettert wurden. Der will eigentlich den Sozialismus voranbringen, kommt aber nicht zum Zuge.

Frustriert und ziemlich verzweifelt wohnt er bei seinen Eltern zusammen mit Rita, auf die die Mutter (Hannelore Koch) höchst eifersüchtig ist. Auch Manfreds Verhältnis zu seinem „Wendehals“-Vater (Albrecht Goette), der von der Hitlerjugend in die SED wechselte, ist gestört.

Im Übrigen wird die Geschichte rücklaufend erzählt, gleich zu Beginn von einer recht alt gewordenen, philosophierenden Rita, ebenfalls gespielt von Hannelore Koch. Die eigentliche Handlung beginnt jedoch mit Rita im Krankenhaus nach einem fast tödlichen Unfall im Waggonwerk. Diesen Part spielt Ina Piontek, so dass wir fast immer drei Ritas erleben.

Die Patientin erhält einen Brief von Manfred. Der konnte die Zurücksetzungen durch Parteifunktionäre und die Behinderung seiner Forschung nicht länger erdulden. Nach einem Kongress ist er in West-Berlin geblieben und bittet (die vorherige) Rita, schnell zu ihm zu kommen.

Sie – die Junge – war tatsächlich 14 Tage bei ihm, hat die Auslagen in den Geschäften bewundert, sich aber im Westen fremd gefühlt. Trotz aller Liebe zu Manfred kehrte sie in die DDR zurück. Er hatte vorher gesagt: „Ich kann nicht noch einmal von vorne anfangen.“ Da ihm die DDR keine Chance bot, ist er weggegangen.

Rita sagt bei der Trennung von ihm den gleichen Satz und meint, sie kann nicht im Westen neu beginnen. Sie will trotz aller Misere im vertrauten Umfeld bleiben. Jetzt, da dieser Brief ankommt, ist die Mauer bereits errichtet. Der Himmel ist nun geteilt.

Wie schwierig das alles war und ist, verdeutlicht ein großes weißes Tuch. Mal dient es als Himmel und wird von Manfred voller Wut herunter gerissen. Als sich die menschlichen und politischen Angelegenheiten zuspitzen, liegt es auf dem ansteigenden Boden. Mühsam versuchen die Darsteller/Innen hinaufzukommen, rutschen immer wieder ab oder verheddern sich darin. Schwierigkeiten und Sinnlosigkeiten, versinnbildlicht durch ein Stück Stoff.

Für Rita, die sich dennoch zum Dableiben entschlossen hatte, hat also Christa Wolf die brave sozialistische Lösung parat. Sie selbst gehörte übrigens zu den wenigen DDR-Autoren, die in den Westen reisen durften.- Für sie war der deutsche Himmel nicht geteilt! Seit dem 9. November 1989 ist er glücklicherweise für alle offen.
  
Ursula Wiegand

Lichtgrenze, Spree und Hauptbahnhof, Foto Ursula Wiegand
 Lichtgrenze, Spree und Hauptbahnhof, Foto: Ursula Wiegand

Zweiter und letzter Termin der Vorstellung im DT heute um 19 Uhr. Das Stück ist ausverkauft, Restkarten an der Abendkasse. – Ebenfalls gegen 19 Uhr dirigiert Daniel Barenboim am Brandenburger Tor die „Ode an die Freude“ aus Beethovens 9. Symphonie. Dann lösen sich die rd. 7.000 Ballons der Lichtgrenze von den Stelen und entschweben in den einzelnen Stadtteilen nach und nach in den Himmel. Die ARD überträgt das Ereignis live von 18.50 bis 20 Uhr.                        

Ursula Wiegand

 

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