Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN/ Deutsche Oper: PETER GRIMES, das Leben des Andersartigen. Premiere

26.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Berlin/ Deutsche Oper: Premiere „PETER GRIMES“, das Leben des Andersartigen, 25.01.13         


Deutsche Oper Berlin. Foto: Ursula Wiegand                                                                      

Wer es nicht vorher wusste, spürt es sogleich: die Geschichte in diesem armseligen Fischerdorf an Englands Ostküste geht nicht gut aus. Wir sehen harte graue Wände, Holzbänke, einen Tisch (Bühne Paul Steinberg). Kein Idyll, nirgends. Im Hintergrund die Dorfgemeinschaft, die den Fischer Peter Grimes verfolgt und zur Rede stellen will. So der Beginn von Benjamin Brittens düsterem Musikdrama in der Deutschen Oper Berlin.

Mit seinem toten Gehilfen, einem Jungen aus dem Armenhaus, ist er zurückgekehrt. Hat er ihn auf See ermordet? Das Libretto von Montague Slater nach George Crabbe lässt das offen. Auf dem Tisch stehend verteidigt sich Peter. Der Junge sei zwischen den Fischen gestorben, wäre nach drei Sturmtagen wegen Wassermangel verdurstet.

Der kräftige Peter hat die Tortur überlebt, und der Brite Christopher Ventris beweist sich hier als der richtige Mann am richtigen Ort. Von Statur und Stimme ist er – inzwischen ein weltweit geschätzter Wagner-Sänger – eine Idealbesetzung. Sein gut geführter Tenor hat Kraft und Ausdruck, bringt Wut, Trotz und Verzweiflung ebenso eindringlich zum Klingen wie Nachdenklichkeit und die Sehnsucht nach Liebe. Wenn er den eigenen Namen, Peter Grimes, singend beschwört, lässt das aufhorchen.
Nun steht er auf dem Tisch und verteidigt sich gegenüber den Dörflern, dem Chor der Deutschen Oper Berlin (einstudiert von William Spaulding). Vielleicht ist der Chor ohnehin die Hauptperson des Stückes. Stimmgewaltig vermittelt er hier die Schrecken des Sturms. Britten, der an der See aufwuchs und die verheerende Kraft von Stürmen kannte, wusste, was er in seiner ersten Oper komponierte. Der Chor steht aber auch für die Masse Mensch, die dem Außenseiter Peter Grimes auf den Fersen ist.

Es sind verhärtete Personen, geprägt durch eine harte Natur. Sie wollen das einsame Leben des Andersartigen, noch Härteren, nicht akzeptieren und drängen ihn schließlich in den Tod. In der beeindruckenden, zuvor schon in London preisgekrönten Regie von David Alden kommt das deutlich zum Ausdruck, wird aber ins Allgemeingültige überführt.

Dieses Dorf oder diese Gesellschaft mit ihrer Menschenhatz gibt es überall. Und Maestro Donald Runnicles, der das Stück schon seit 25 Jahren mit heißem Herzen dirigiert, trägt zusammen mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin das Seine dazu bei, dass auch die Zuhörer mitunter eine gewisse Beklemmung erfasst.

Doch hinter Peters rauer Schale verbirgt sich ein weicher Kern. Die verwitwete frühere Lehrerin Ellen Orford weiß das und steht zu dem von der sensationslüsternen Dorfmeute Bedrängten. „Wer von Euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein,“ zitiert sie aus der Bibel, und das zeigt Wirkung.
Michaela Kaune ist dieser couragierte Engel mit einem engelsgleichen Sopran, der locker dahinströmt und sich ohne Mühe bis in die höchsten Höhen schwingt. Eine Stimme voller Anmut kombiniert mit gekonnter Phrasierung und angenehmer Kraft. Frau Kaune stammt aus Hamburg, kennt das Meer und liebt Brittens Musik. Womöglich klingt ihr Organ deshalb oft genau so „very british“ wie das von Christopher Ventris.
Nach dem Sturm und dem Quasi-Prozess, in dem Peter trotzig auf einem neuen Gehilfen besteht, herrscht erstmal Ruhe. Anrührend singt Ventris jetzt von den fernen Plejaden, einer andersartigen friedvollen Zukunft, nach der er sich insgeheim sehnt. Drängend klingt dann sein „Who, who, who“, die Frage nach dem Menschen, der ihn, den Beinahe-Holländer erlöset.
Das könnte nur Ellen sein, seine persönliche Senta. Er liebt sie, und sie ist seine einzige Hoffnung. Sie liebt diesen schwierigen Mann ebenfalls und glaubt daran, er könne sich ändern. Vorsichtig berühren sich beider Hände auf dem Tisch, doch schroff zieht Peter die seine wieder zurück.
Er will kein Mitleid, sondern Anerkennung, für ihn gleichbedeutend mit Geldverdienen durch einen reichen Fang. Das Flackern in seinen Augen – Ventris zeigt es von Anfang an –  diese Gier bemerkt Ellen nicht oder sieht darüber hinweg. Sie verhilft ihm sogar dazu, einen neuen Gehilfen aus dem Armenhaus zu kaufen.
Dann ist der Sturm vorbei, die Sonne scheint, die vorher streng gekleidete Ellen sitzt mit dem total verschüchterten, stummen Jungen im luftigen Sommerkleid (Kostüme: Brigitte Reiffenstuel) am Meer und strickt ihm einen Pullover. Mit Seidenfäden stickt sie noch einen Anker darauf.
Später wird Peter diesen Pullover eifersüchtig in den Händen halten. Schon vorher hat er den schmalen Jungen so verprügelt, dass Ellen die blauen Flecken an seinem Körper entdeckt. Als sie Peter deswegen zur Rede stellt, rastet er aus und stößt sie heftig weg. Ein Brutaler, der wohl nie Elternliebe gekannt hat.
Während dieser Szene läuft im Hintergrund ein Gottesdienst, bigotte Bürger mit Gebetbüchern in den Händen (erneut der Chor) füllen die Bühne, bald werden sie ihn, angestachelt von Mrs. Sedley (Dana Beth Miller), der hiesigen skurrilen Miss Marple, wieder hetzen.
Zwischendurch ein ebenso skurriles Besäufnis mit kleiner Balletteinlage bei der Wirtin Auntie (Rebecca de Pont Davies).  Zwei Männer, Swallow (Stephen Bronk) und Bob Boles (Thomas Blondelle), machen sich an die altjüngferliche Mrs. Sedley und die beiden hübschen Nichten (Hila Fahima und Kim-Lillian Strebel), heran.
Von Anfang an sind die beiden mit ihren Teddys im Geschehen. Die Frauen wehren sich gegen diese Zudringlichkeiten mit Tritten ins Gemächt.

In weiteren Rollen gefallen Clemens Bieber als Pastor Adams, Simon Pauly als Apotheker Ned Keene und Albert Pesendorfer mit prächtigem Bass als Fuhrmann und Amtsdiener Hobson.

Als sich dann, angestachelt von Mrs. Sedley, die Dörfler Peters Haus nahe dem Abgrund nähern, will er mit dem angstvoll zögernden Jungen flüchten. Doch das Seil, mit dem er ihn beim gefährlichen Abstieg über die Klippen sichert, entgleitet seinen Händen. Versehentlich oder absichtlich? Das bleibt ein Rätsel. Der Junge stürzt zu Tode, Peter klettert ihm nach und hält dann den Blutenden in seinen Armen. Die Verfolger finden eine leere Wohnung.

Noch einer steht von Anfang an zu Peter, sieht auch in dem zweiten Todesfall eine Verkettung unglücklicher Umstände: der ehemalige Kapitän Balstrode, von Markus Brück überzeugend gesungen. Er weiß, dass Peter, der immer mehr wahnhafte Züge annimmt, im Dorf und als Fischer keine Zukunft mehr hat. Er rät ihm, das Boot zu versenken, und Peter tut es mannhaft. Ganz weit fährt er hinaus, um jede Rettung zu verhindern. In der Ferne sinkt das Boot. Der Himmel ist aufgehellt, als sei Peter Grimes nun erlöst.

Und Ellen? Sie sitzt da, hält den Pullover des toten Jungen in der Hand und betrachtet den Anker, den sie mit feinen Seidenfäden draufgestickt hatte. Luxusfäden aus teurer Seide, verschwendet in Zuneigung und in der Hoffnung auf den Luxus der Liebe. Ihren Schmerz über das Geschehene und die eigenen unerfüllten Sehnsüchte besingt sie in einem hinreißenden Piano. Das geht zu Herzen.

Anschließend heftiger Beifall und stehende Ovationen, insbesondere für Christopher Ventris, Michaela Kaune, Donald Runnicles und den Chor mit William Spaulding. Auch das Regieteam erhält – eine Ausnahme an der Deutschen Oper Berlin – nur Applaus und hat ihn auch voll verdient. Insgesamt eine großartige Aufführung, mit der das Haus in eine höhere Liga aufsteigt! – Weitere Termine: 05., 09., 13. und 15. Februar.  

Ursula Wiegand

 

Diese Seite drucken