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BERLIN/ Deutsche Oper: LOHENGRIN – ohne Klaus Florian Vogt

21.04.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Berlin: „LOHENGRIN“. Premiere am 15.4.2012, Aufführung am 19.4.2012

Die erste Reprise vier Tage nach der Premiere des LOHENGRIN von Richard Wagner an der Deutschen Oper Berlin stand leider schon unter einem unguten Stern. Der von allen sehnlichst erwartete Klaus Florian Vogt, das einzige wohl wirklich echte Highlight der Premiere, musste sich leider in den Mittagsstunden des Aufführungstages krank melden. Dass es nicht zum opernmäßigen Super-GAU, sprich: Totalausfall der Oper, gekommen ist, haben wir dem in buchstäblich letzter Stunde eingeflogenen Martin Homrich zu verdanken, der die Titelpartie rettete.

Die Handlung der Oper kennen ja wohl alle, die W-A-G-N-E-R buchstabieren können….aber muss man sich nicht doch fragen, ob der allerhehrste und alleredelste Ritter nicht doch ein bisschen, sagen wir mal, eine dubiose Type war? Zum einen: Wie kann man von einer Frau erwarten, dass sie den Befehl: „Nie sollst Du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen…“ wirklich befolgen würde. Also, mal ehrlich: Wenn jemand von Ihnen, meine sehr verehrten Leserinnen, nicht wissen dürfte, wer ihr Ehemann denn so ist, also wirklich, das geht ja gar nicht. Zum anderen, haben Sie genau hingehört? Als Lohengrin sich schließlich offenbaren muss, da sagt er doch, dass es ihm Leid täte, dass es nicht mal zur Hochzeitsnacht gekommen
wäre…und er hätte ja nur auf EIN JAHR mit Elsa gehofft. Also, wirklich….selbst die fränkische Sozialrevoluzzerin Gabriele Pauli hatte ja eine Ehedauer von zumindest SIEBEN Jahren als, sagen wir mal, zumutbar betrachtet….

Die Inszenierung von Kaspar Holten in Bühnenbildern und Kostümen von Steffen Aarfing ist zwar nicht anstößig, aber auch nicht aufregend, so frei nach dem Goethe’schen Motto: Edel sei der Regisseur, hilfreich und knapp ausreichend. Zur, vom Orchester der Deutschen Oper Berlin
unter Großmeister Donald Runnicles fein zart gespielten Ouvertüre, liegen die toten Soldaten herum. Im 1.Aufzug sind wir in einer „Crime Scene“ (US-Serien-Gucker wissen, was das ist) mit der Umrisszeichnung des toten Gottfried auf dem Boden. Lohengrin erscheint wie der Erzengel Michael mit Flügeln, die seinem Schwan alle Ehre gemacht hätten. Im 2.Aufzug wird das durchgehende Bühnenprinzip „Leerer Kasten“ recht konsequent weiter verfolgt. Ein überdimensionales Kreuz hängt an fünf grünen Lichtsäulen und senkt sich dann, der Kirchenvorplatz werdend, zu Boden. Im Hintergrund ein zweiter und dritter Vorhang, welcher sich öffnet und den Blick auf den Eingang zum Münster frei gibt. Das Ehebett ist schon viel zu schmal, als dass die beiden da gemeinsam Platz gefunden hätten – ein böses Omen, wie wir wissen. Na, und ob der Gottfried dann zum Schluss wieder erscheint, bleibt offen…

Martin Homrich hat, wie schon eingangs erwähnt, den Abend gerettet, und man kann ihm dafür gar nicht genug danken. Da er wirklich keinerlei Zeitrahmen hatte, sich mit der Inszenierung auseinander zu setzen, stellte man ihn vernünftigerweise mit einem Notenständer an den linken Bühnenrand und ließ den Meister der Statisterie, Carsten Meyer, den Lohengrin spielen. Der hat dann pantomimisch den Mund so perfekt auf und zu gemacht, dass man gedacht hätte, er kann so schön singen (wie Martin Homrich). Eine tolle Leistung.

Die unangefochtene Königin mit allgewaltiger Stimme war Petra Lang als durchschlagskräftige Ortrud. Da musste sich die eigentlich bekanntere Ricarda Merbeth schon gehörig ins Zeug legen, um da mithalten zu können. Na ja, wenn man so über die Oper nachdenkt, eigentlich ist ja Ortrud die, die die ganze Handlung in Wahrheit voran treibt, Elsa ist ja nur die Getriebene, das Opfer., und der/die Böse kriegt ja meistens mehr Applaus.
Besonders gefallen hat mir der stimmkräftige Bastiaan Everink als Heerrufer des Königs, der in der Person des Albert Dohmen etwas eindimensional wirkte. Auch Gordon Hawkins als Telramund fehlte so ein wenig der rechte Schwung, nicht schlecht, aber man hätte sich mehr
erhofft. Und so sah es wohl auch das stets kritische Berliner Publikum (und ich weiß, wovon ich rede: ich habe meine Studentenjahre in der Deutschen Oper Berlin verbracht), das schon nach dem 1.Aufzug reichlich Buhs losließ. Die galten offenbar nicht nur der etwas lauen Inszenierung, sondern auch Albert Dohmen und Gordon Hawkins, die sich nach dem letzten Vorhang auch einige Buhs anhören durften. Viel Applaus und Bravi für die Damen Ricarda Merbeth und besonders für Petra Lang. Dankbarer Applaus für Martin Homrich und anerkennender Jubel für Carsten Meyer als beeindruckendes Lohengrin-Double – und für die großartigen Chöre unter William Spaulding.

Rüdiger Ehlert

 

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