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BERLIN: Deutsche Oper: LA FAVORITE – konzertante Aufführung. Tolle Ensembleleistung getrübt durch die Absage Callejas

06.12.2015 | Allgemein, Oper

Gaetano Donizetti: La Favorite, Deutsche Oper Berlin konzertante Aufführung 5.12.2015 – Tolle Ensembleleistung getrübt durch die Absage Callejas

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Elina Garanca, Marc Laho. Foto: Bettina Stöss

Die zu den konstituierenden Werken der Grand Opera der zweiten Generation gehörende La Favorite ist in musikalischer Sicht ein mindestens so prächtiges Werk wie der Verismo-Hit Andrea Chenier. Es gibt zwei tolle Arien, zwei in die Knochen fahrende Ensembleaktschlüsse (2. und 3. Akt), die alles hergeben, was sich ein Opernherz wünschen kann und ein ausladendes Schlussduett für die Romantiker unter uns. Aber das Libretto de Eugène Scribe ist so haarsträubend, dass dieses Donizetti (Meister-) Werk kaum auf die Bühne kommt. Zu Recht. Daher hat man sich in der Deutschen Oper Berlin klugerweise dazu entschieden, drei konzertante Aufführungen mit einer von der ursprüngliche Papierform her absoluten Traumbesetzung anzusetzen.

Die Handlung kann in einem Satz beschrieben werden:  Ein Mönch namens Fernand wird aus „Liebe“ zu der Mätresse des Königs Alphonse XI. zu einem siegreichen Heerführer gegen die Mauren und geht zu Schluss wieder ins Kloster, ein paar Kollateralschäden inklusive. Die Handlung findet im 1. und 4. Akt im Kloster Santiago de Compostella, im 2. und 3. Akt (unsinnigerweise) 1000 km weiter weg im Alcázar bei Sevilla statt. Da gibt es dann auch noch die Angebetete Léonor de Guzman, die eine Zeitlang doppelgleisig fährt mit ihren Geliebten, die Exkommunikation des Königs durch den Prior Balthazar wegen Ehebruchs, einer der vielen Opern Brief-Intrigen, ein Kommunikationsproblem zwischen den Liebenden, eine vorgetäuschte Hochzeit, ein Bannfluch, die Rückkehr ins Kloster, wo dann auch noch Léonor de Guzman als „Novize“ stirbt. Und wie? Natürlich in den Armen des Fernand. Brrrr!

Die Tenor-Partie des Fernand ist für La Favorite genau so wichtig und umfassend wie die Titelrolle der Norma für die Oper Norma. Er steht andauernd auf der Bühne und singt gefühlt mindestens 30% der gesamten Partitur. Was also geschieht, wenn der gerade für diese Partie vorgesehene Superstar und ideale Sänger Joseph Calleja aus welchen Gründen auch immer absagt und an seiner Statt ein bemühter, stilistisch gar nicht schlechter Tenor, aber mit einem Dutzendtimbre und Höhenproblemen antritt? Genau: Da gibt es lange Gesichter und bei den hohen Tönen Pein. Dabei war der Wallone Marc Laho noch ein Glück („Tante Jolesch“ schau herunter), denn zumindest idiomatisch und bis zur hohen Mittellage war seine Gesangsleistung untadelig. Schwamm darüber, das tenorale Fest fand eben nicht statt. 

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Elena Tsallagova, Elina Garanca, Florian Sempey. Foto: Bettina Stöss

Dafür konnte sich der ausgewiesenen Melomane an den Interpreten der anderen Partie voll erfreuen. Allen voran Elina Garanca als Léonor de Guzman mit ihrer in der Höhe immer ausladender werdenden Stimme. Sie entfaltete eine vokale Pracht sondergleichen, sowohl in den solistischen Stellen als auch in den Ensembles. Ihre großartig gesungene und heftig akklamierte  Arie im 2. Akt, die ja schon die Eboli vorwegnimmt, weist auf zukünftiges Repertoire dieser wohl im Fachwechsel befindlichen Mezzosopranistin. Da werden nach Santuzza und Co. wohl irgendwann wahrscheinlich auch Kundry und Brangäne kommen. Mir gefallen auch die professionelle Bühnenpräsenz und die sich nie anbiedernde noble Kühle dieser großen Sängerin.

In der Rolle des Alphonse XI. war der junge französische Bariton Florian Sempey zu entdecken. Was für eine Stimme! Mit seinem kernig virilen Kavaliersbariton und grandiosem Aussehen wird er wohl bald die ganze Opernwelt im Sturm erobern. Ein wahrer „Mario del Monaco im Baritonfach“. Sempey singt diese Partie des Königs in La Favorite großvolumig, mit individuellem Timbre, edelmetallischer Mittellage und tollen endlosen Höhen. Beeindruckend. Auch der kroatische Bass und Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin Ante Jerkunica als Balthazar, Prior des Klosters Santiago de Compostela, ist ein ganz erstklassiger Sänger. Sein warmer fülliger Bass hat balsamischen Wohlklang ebenso drauf wie herrische Attitüde und vokale Autorität. Die Nebenrolle der Inés, Vertraute der Léonor de Guzman, ist bei der entzückenden Russin Elena Tsallagova bestens aufgehoben. Eine Art charmantes Pagenlied  à la Don Carlos im ersten Akt zeigt im Ansatz, was Tsallagova kann. Da darf man sich auch schon auf große und größte Aufgaben freuen. Matthew Newlin als Don Gaspar ergänzte trefflich die ohne tenorales Karussell wohl einzigartige Besetzung für diese schöne, hörenswerte Grand Opéra.

Ach ja: Der als Dirigent ebenso eingesprungene Pietro Rizzo ordnete das klangliche Geschehen auf der Bühne eher derb-haudrauf als mit feiner Klinge. Im Finale des 2. Aktes deckte er die Solisten gnadenlos zu. Ärgerlich. Mehr orchestrale und chorische Finesse wären durchaus wünschenswert gewesen.

CD Tipp: Neben der berühmten italienisch gesungenen DECCA Aufnahme aus 1978 mit Fiorenza Cossotto, Luciano Pavarotti, Nicolai Ghiaurov, Gabriel Bacquier und dem Orchestra del Teatro Comunale di Bologna unter Richard Bonynge gab es bei RCA eine empfehlenswerte frz. Version mit Vesselina Kasarova, Ramón Vargas, Anthony Michaels-Moore und Carlo Colombara unter Marcello Viotti.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Foto: Bettina Stoess

 

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