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BERLIN/ Deutsche Oper: JEANNE D’ARC – SZENEN AUS DEM LEBEN DER HEILIGEN JOHANNA

07.12.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

BERLIN/Deutsche Oper: JEANNE D’ARC – SZENEN AUS DEM LEBEN DER HEILIGEN JOHANNA – WA am 16.11.2012

 In den letzten Jahren findet langsam aber sicher eine Wiederbelebung des Komponisten Walter Braunfels statt, der von den Nationalsozialisten 1933 mit Berufsverbot belegt wurde und in die innere Emigration nach Überlingen am Bodensee ging. Nach der Verfemung seiner Musik durch die Nationalsozialisten (nach 12 Jahren der Verbannung im „Dritten Reich“ folgten nahezu 60 Jahre künstlerischer Ächtung und Ausgrenzung), war das Werk des Spätromantikers Braunfels lange in Vergessenheit geraten – zusammen mit Komponisten wie Zemlinksi, Schreker, Franz Schmidt, Korngold u.a. Aber selbst Gustav Mahler wurde bis weit in die 1960er Jahre in Deutschland kaum aufgeführt. In Überlingen komponierte Braunfels in den Jahren 1938-42 die „Heilige Johanna“, die nach seiner Konversion vom Protestantismus zum Katholizismus infolge von Kriegsereignissen im I. Weltkrieg auch durch seinen starken Glauben inspiriert wurde und charakterisiert ist. Den entscheidenden Anreiz für die Komposition gab jedoch die UA von Hindemiths „Mathis der Maler“ 1938 in Zürich.

 Der im August 2010 an einem Krebsleiden verstorbene Christoph Schlingensief, der, wie Carl Hegemann ihn im Programmheft bezeichnet, „bekennende und zweifelnde Katholik“, setzte die „Heilige Johanna“ in der Saison 2007/2008 zum ersten Mal überhaupt an der DOB in Szene. Sie hatte erst 2001 in Stockholm unter Leitung von Manfred Honeck ihre musikalische UA erlebt. Die Berliner Produktion erhielt international viel Beachtung, zumal es Schlingensief gelang, mit seinem unkonventionellen Inszenierungsstil, der eher einer Performance mit ständig wechselnden Bildern und einem Zusammenfließen verschiedener Kunstformen zu einem großen Ganzen nahe kommt, das dreiaktige Werk in einem Fluss und spannend auf der Bühne zu verwirklichen.

Die Oper handelt vom Leben der heiligen Johanna, der Jeanne d’Arc, der als junges Mädchen im 1. Akt bzw. 1. Teil, „Die Berufung“, die Stimmen der Heiligen Katharina und Margarete mit dem Auftrag erscheinen, die von den Engländern belagerte Stadt Orléans zu befreien und den rechtmäßigen König Karl von Valois zur Krönung nach Reims zu führen. Die Befreiung von Orléans gelingt. Über kurz oder lang erscheint Johanna als Erbin Frankreichs, wird vom Volk verehrt und im 2. Teil, „Der Triumph“, als kommende Erlöserin gefeiert. Aber es kommt im Laufe der Zeit zu allerlei religiösen Disputen und Auseinandersetzungen über Johannas Person, ihr Charisma und ihre Mission, wobei der Herzog de la Trémouille und Gilles de Rais eine wesentliche Rolle spielen. Als im 3. Teil, „Das Leiden“, die Befreiung von Paris kläglich gescheitert ist, wendet sich das Blatt. Johanna wird von den Engländern gefangen genommen, von dem sie zuerst verehrenden Volk nun als Hexe beschimpft und endet schließlich – unter den Verhörmethoden des Richters Bischof Cauchon im Gerichtssaal von Rouen – auf dem Scheiterhaufen. Das Volk findet jedoch in der Asche das unversehrte Herz der Jungfrau – ein Wunder. Der Vicar-Inquisitor erkennt: „Wir haben eine Heilige verbrannt!“

Bei seinen Reisen nach Thailand und Nepal, aber auch nach Namibia und Brasilien, hat Christoph Schlingensief immer wieder synkretistische religiöse und parareligiöse Riten und Praktiken untersucht und in Bild und Ton festgehalten. Diese Bildszenen und Assoziationen gingen dann in seine verschiedenen Theaterproduktionen ein, durch stumme Bilder mit dem charakteristischen flackernden Kameralicht, Überblendungen – oft mit häufigen Wiederholungen, wie um die Bilder stärker ins Gedächtnis einzubrennen, eine Atmosphäre zu schaffen. Das hat er auch mit dieser Inszenierung gemacht. Man sieht Filmsequenzen, die er anlässlich seines „Fliegenden Holländers“ in Manaus drehte, u.a. den Überlebenskampf gestrandeter Fische, vor allem aber Sequenzen von der Verbrennung Verstorbener, die er im Winter 2007/2008 in der nepalesischen Tempelanlage Pashupatinath drehte. Dort ist das Sterben ein öfffentlich zu sehender Vorgang, wird als Teil des Lebens, der es ja ist, gar zelebriert. Das Hospiz liegt gleich neben den Verbrennungsplätzen. Daneben läuft das profane Leben des nepalischen Alltags ab. Ähnlich sieht es im indischen Varanasi am Ganges aus. Genau dieses Szenario dient Schlingensief als Bühnenbild, das von Thomas George und Thekla von Mülheim konzipiert wurde. Mehrere Verbrennungsplätze zu beiden Seiten eines hohen Gerüstaufbaus, der mal vom Chor (großartig einstudiert von William Spaulding, ebenso wie der Kinderchor von Christian Lindhorst) bestiegen wird, mal in bestem Einklang mit den Wogen der Musik in Drehbewegung gerät und immer wieder Kirchenfürsten verschiedenster Religionen in Szenen wie etwa jenen einer schwarzen Messe zeigt. Es sind immer wieder wechselnde Bilder, wie in einem unendlichen Kaleidoskop und wie der Wechsel der Stimmungen um die Heilige Johanna und der Lauf ihres Schicksals bis zum bitteren Ende. Das Ganze, stets situationsgerecht beleuchtet von Ulrich Niepel, wird auch durch die äußerst fantasiereichen Kostüme von Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz optisch kraftvoll unterstützt.

 In diesem Ambiente findet Johannas Geschichte statt, wie ein Teil dieser kultischen Handlungen, irreal und doch wieder real, mit Bezügen zu Frankreich. Das Regieteam Anna-Sophie Mahler, Soren Schumacher und Carl Hegemann versteht es auf eindrucksvolle Weise, verschiedene Raum- und Zeitebenen und dazu gehörige Kulturpraktiken zu synthetisieren, aber das war die eigentliche Leistung Christoph Schlingensiefs, durch die er sich von allen anderen Regisseuren seiner Zeit unterschied. Ab und zu wird wie ein mystisch verklärter Rückblick auf sein schließlich fatales Leiden seine vom Krebs angegriffene Lunge aus dem Schnürboden sichtbar. Ein anderes Mal sieht man ihn belustigt im Gespräch mit Männern im Tempelbezirk. Immer war eine Inszenierung von ihm auch ein Stück von sich selbst, ein Stück weiterer Suche nach dem eigenen Ich. Mit diesem Aufführungsort, einem Ambiente als ritualisiertem Leidensweg vom Hospiz zur öffentlichen Totenverbrennung verstand es Schlingensief, die heilige Johanna in die Nähe des alltäglichen Sterbens der Menschen zu bringen. Profaner Alltag, der in der Ästhetik der Inszenierung immer wieder hervortritt, vermischt sich dabei auf bisweilen sonderbar anmutende Weise mit sakralen Riten und Handlungen. Schlingensiefs stets so bevorzugte Drehbühne wird zum Schmelztiegel dieser Vermischung und Überblendung.

 Das Aufgebot an SängerInnen, besser noch SängerdarstellerInnen, ist für diese Oper riesig, aber nur wenige haben längere und dramaturgisch durchstrukturierte Rollen, die über das ganze Stück gehen. Dazu zählt natürlich Johanna selbst, sowie König Karl von Valois, begrenzt Colin, Gilles de Rais und der Herzog de la Trémouille. Mary Mills singt die Johanna mit einem ausdrucksstarken Sopran, der zu guter Attacke und eindrucksvollen Spitzentönen fähig ist und den sie bei großer, hier besonders wichtiger Wortdeutlichkeit, bestens phrasiert. Mills geht die Rolle mit viel Emphase an. Clemens Bieber singt den König Karl mit seinem kultivierten Tenor und einer guten Mimik, wirkt aber in seinem aufgeblähten Kostüm äußerst skurril. Paul Kaufmann gibt mit seinem Spieltenor einen eher lyrisch betonten Colin mit sanftem spielerischem Auftritt und ebenfalls unorthodoxer Kostümierung. Einen klangvollen und prägnanten Bariton lässt Simon Neil als Gilles de Rais hören, der den Widersacher Johannas mit großer schauspielerischer Intensität interpretiert. Lenus Carlson, altgedientes Ensemblemitglied an der DOB, verfällt als de la Trémouille mit seinem Bariton oft in Sprechgesang, der aber in der „Heiligen Johanna“ ohnehin eine große Rolle spielt. Auf die vielen kleineren Rollen, teilweise auch Sprechrollen, die alle weitestgehend gut besetzt sind und sich darstellerisch bestens in das bewegte Geschehen einfügen, soll hier nicht im Einzelnen eingegangen werden.

 Musikalisch hat die „Heilige Johanna“ sehr viel Abwechslung zu bieten, wobei eine kommentierende und das Geschehen tonal charakterisierende Klangästhetik zumindest in den ersten beiden Teilen vorherrscht, häufig verbunden mit einer Art Sprechgesang, wobei Musik und Stimmen im Sinne eines Konversationsstils in enger Verbindung stehen. Häufig werden Motive nur kurz angerissen, oftmals in der Trompete oder im schweren Blech. Im 3. Teil wird es harmonisch dichter, auch über weite Strecken stärkerer dramatischer Phrasierung. Die gedeckte Trompete hat des öfteren hymnisch klingende Momente. Hier ist bisweilen auch wieder eine gewisse Nähe Walter Braunfels’ zu Wagner und Richard Strauss herauszuhören. Auch durch den Chor kommt im Schlussteil ein höheres Maß an Harmonie in das musikalische Geschehen. Matthias Foremny hat diese musikalische Vielfalt in der mittlerweile 9. Aufführung dieser Inszenierung mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin sorgfältig erarbeitet und zu einem intensiven und stets spannenden Tongemälde geformt. Großer Applaus im leider nicht ganz vollen Haus an der Bismarkstraße. Die Produktion soll auf DVD aufgenommen werden.

(Fotos in der Bildergalerie)

 Klaus Billand

 

 

 

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