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BERLIN/ Deutsche Oper: GÖTTERDÄMMERUNG unter Simon Rattle

30.09.2013 | KRITIKEN, Oper

Berlin/ Deutsche Oper: „GÖTTERDÄMMERUNG“ unter Simon Rattle, 29.09.2013

Lance Ryan und Evelyn Herlitzius beim Applaus © Kurth im Auftrag der Deutschen Oper Berlin
Lance Ryan und Evelyn Herlitzius beim Applaus © Kurth, im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Simon Rattle als Dirigent an der Deutschen Oper Berlin und dazu mit Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ mitsamt dem Vorspiel „Rheingold“! Das war für Berlin neu und die richtige Würze zum Wagner-Jahr. Das Publikum, das Rattles Meriten als Chef der Berliner Philharmoniker zu schätzen weiß, hat schon beim „Rheingold“ das Haus gestürmt und wurde von eigentlichen „Ring“ nicht enttäuscht. Zumindest nicht von Rattles Dirigat.

Leider konnte ich nur die „Götterdämmerung“ wahrnehmen, die aber mit viel Wonne genießen. Das betrifft insbesondere die instrumentale Darbietung und den wiederum fabelhaften Chor des Hauses, einstudiert von William Spaulding. Das großartige gesungene Grauen der Männer nach Siegfrieds Ermordung und das dann folgende Piano gingen unter die Haut.

Rattle nimmt Wagner beim Wort und malt zusammen mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin alle Stimmungen sehr einfühlsam aus. Ein Neuling auf diesem Gebiet ist er keineswegs. Drei Jahre, von 2007-2009, hat er mit den Berliner Philharmonikern den „Ring“ beim Sommerfestival in Aix-en-Provence dargeboten. Aufführungen, die bis 2010 bei den Osterfestspielen Salzburg wiederholt wurden.

Doch in Berlin hatten bisher Daniel Barenboim an der Staatsoper und Donald Runnicles an der Deutschen Oper den „Ring“ so zusagen gepachtet. Nun aber ist Rattle (endlich) an der Reihe und begeistert die Zuhörer.

Anders als mitunter in seinen Konzerten forciert er hier niemals das Tempo, lässt vielmehr die Musik weben und sich entwickeln. Die Motive leuchten klar heraus. Wie er Hagens Nachsinnen beim Bewachen der Burg umrahmt, lässt aufhorchen. Insgesamt hält Rattle alles in ruhigem, natürlichem Fluss, scheut aber auch nicht die dem Werk innewohnenden dramatischen Kontraste.

Doch nie wird das Orchester unter seinen Händen unangemessen laut, nie werden die Sänger vom Orchester überrollt. Wie sehr sich die offensichtlich sachkundigen Zuhörer von Rattles Lesart angesprochen fühlen, zeigt der ungewöhnlich starke Beifall, der ihn nicht erst zuletzt, sondern schon nach jeder der beiden Pausen begrüßt.

Hans-Peter König beim Applaus © Kurth im Auftrag der Deutschen Oper Berlin
Hans-Peter König beim Applaus © Kurth, im Auftrag der Deutschen Oper Berlin

Von den Interpreten verdienen zwei hohes Lob: Evelyn Herlitzius als Brünnhilde und Hans-Peter König als Hagen. Intensiv erfüllt Frau Herlitzius diese Rolle mit Leben. Ihr glaubt man das Gefühlskarussell mit jedem Ton und mit jeder Geste. Und welche Kraft und Kondition kann diese schlanke Frau aufbringen! Sicher trifft sie die Höhen, nie entgleist ihr ein Ton, nie wird sie an diesem Abend schrill und hat zuletzt noch Reserven für ein fein dosiertes Pianissimo. Dass diese anspruchsvolle Partie Kraft gekostet hat, ist ihr erst bei der Schluss-Verbeugung anzumerken. Eine grandiose Leistung, die mit tosendem Applaus und vielen Bravos belohnt wird.

Im Vergleich zu dieser Powerfrau ist Lance Ryan, der internationale „Siegfried vom Dienst“, ein recht matter Mann. Zwei Abende zuvor (im „Siegfried“) soll er sehr gut gewesen sein, wirkt aber nun mitunter fast lustlos. Ist er überanstrengt? Auch ich habe ihn schon weitaus besser erlebt. Jedenfalls bleibt sein Tenor in beiden ersten Akten seltsam platt und tonlos. Ein strahlender Held klingt anders. Erst zuletzt dreht er auf und findet zurück zu warmen Tönen. Viel Beifall erhält er dennoch. Das Publikum würdigt wohl seine Gesamtleistung.

Ein Bravo-Sturm empfängt zuletzt jedoch Hans-Peter-König. Mit seinem volumigen, stets tonschönen Bass hat er diese Partie wunderbar gesungen. Ein hämisch Böser ist er nicht, doch wie er, den Speer in der Hand, bereits vor dem Stich den Rücken Siegfrieds anvisiert, erzeugt Gänsehaut. Dagegen setzt der umtriebige Eric Owens als Alberich eher auf Sprechgesang. Auch das ist eine Interpretationsmöglichkeit.

Sehr gut gelingt die Szene zwischen Brünnhild und der Walküre Waltraute, auch wegen der überzeugenden Anne Sofie von Otter. Ihre Darbietung an der Seite von Evelyn Herlitzius wird sofort applaudiert. – Beifall erhält auch Heidi Melton, eine rundliche Gutrune mit schön gerundetem Sopran. Markus Brück als ihr Bruder Gunther hat jedoch nicht die gewohnte Bariton-Fülle. Bei den vorangegangenen Aufführungen ist er mutig eingesprungen und hat (meines Wissens) erstmals den Wotan gesungen. Das steckt auch ein Markus Brück nicht sofort weg.

Etwas schrill klangen in meinen Ohren die drei Nornen (Ronnita Miller, Ulrike Helzel und auch hier schon dabei Heidi Melton). Die munteren Rheinnixen (Martina Welschenbach, wieder Ulrike Helzel und Dana Beth Miller) gefallen mir weitaus besser.

Tosender und lang anhaltender Applaus schallt schließlich durch den großen Saal und ist wohl auch eine Demonstration für diese legendäre „Tunnel“-Version von Götz Friedrich aus den 80’er Jahren. Gemunkelt wird ja schon einiges.

Letztmalig in dieser Spielzeit ist der gesamte „Ring“ im Januar 2014 zu erleben, dann unter GMD Donald Runnicles. Wird es die letzte Darbietung dieser Inszenierung überhaupt sein? Besser nicht, bei allem Verständnis für die Moderne, denn besser lässt sich das kaum machen. Eigentlich gehört dieser Berliner Jahrhundert-Ring, wenn’s möglich ist, ins UNESCO-Dokumentenerbe, ähnlich wie die Märchen der Brüder Grimm.

Ursula Wiegand

 

 

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