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BERLIN/ Deutsche Oper: DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN

28.12.2015 | Oper

BERLIN: Deutsche Oper DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN/ 27.12.2015

Donald Runnicles und die naturalistisch werkgetreue Produktion von Katharina Thalbach bringen selbst hartgesottenste Kinder zum Staunen

 Sonntag, 14h: Berlin ist leer und die Deutsche Oper hat Janaceks „Das schlaue Füchslein“ auf ihren Spielplan gesetzt. Die Reihen füllen sich langsam, plötzlich ist das Theater jedoch brechend voller „Daheimgebliebener“. Kinder trinken halt keinen Sekt vor der Aufführung. Denn mindestens die Hälfte des Publikums besteht aus allen Arten von heranwachsenden Menschen. Und man staune: Die Oper brummt wie ein Bienenhaus, die Kleinen müssen natürlich alles, was auf der Bühne passiert, aufgeregt kommentieren, beim Schuss auf das Füchslein geht ein großes Raunen durch den Saal. Das Publikum ist so bei der Sache, wie man das sonst nur bei einer Gospelmesse in Harlem in New York erleben kann.

Das Stück selbst ist offenbar so spannend, dass natürlich dann geklatscht wird, wenn die Emotionen raus müssen, und das darf dann schon mal in ein Zwischenspiel hinein sein. Was für ein Gegensatz zur Wiener Cenerentola, wo die Unruhe so manch undisziplinierter Zuschauer sicherlich nicht auf die große Aufregung um die schöne Oper zurückzuführen war.

Wie hoffnungsfroh darf wohl, jeder „Opernveteran“ sein, wenn Kinder bis Jugendliche so intensiv auf Musiktheater reagieren, wie es an diesem Weihnachtssonntag der Fall war. Und auch alle im Foyer noch dreifach Neunmalklugen ein paar Gänge zurückschalten und bei der Aufführung mit offenem Mund dasitzen. Im Gegensatz zu manch anderen Aufführungen (zuletzt etwa Pelleas et Melisande in der Philharmonie) habe ich kein Handy klingeln gehört. Dabei ist die Partitur von Janaceks schlauem Füchslein alles andere als leichte Kost. Und da kommt es halt auf die Köche an, wie wohlschmeckend der „Braten“ angerichtet wird.

Der kluge Küchenchef heißt in diesem Fall wohl Katharina Thalbach. Ihre aus dem Jahr 2000 stammende Inszenierung mit den hinreißend märchenhaften Bildern von Ezio Toffolutti enthält alles, um Klein und Groß zu erfreuen. Ein Wald ist ein Wald, ein Schwammerl ist ein Schwammerl und ein Fuchs ist ein Fuchs. Und das im Stile von Walt Disney (Frau Thalbach verzeihen Sie, aber so ist das am besten verständlich), wobei die Kulissen wenn man will Reminiszenzen an die Kunstgeschichte – etwa an Théodore Rousseau – wachrufen. Die Arbeit von Thalbach begnügt sich aber nicht mit dem Optischen. Sie zeigt die Geschichte rund um das Füchslein mit Förster, aufgeplusterten Hühnern, einem dummen Dachs, Pfarrer und Lehrer, dem Wilderer Harasta und einem entzückenden Frosch poetisch, frech, witzig, in einem fantastischen Realismus, die diesem „Tschechischen Sommernachtsraum“ perfekt zu Gesichte steht. Das im Geiste Debussy‘s dazu von Leos Janacek ersonnene höchste komplexe, aber eben durchwegs impressionistische Klanggemälde wird von Donald Runnicles präzise und gleichzeitig voller Leichtigkeit hingepinselt. Ein musikalischer Triumpf an einem einfachen Repertoirenachmittag.

Zum Erfolg trägt aber auch bei, dass die Aufführung in deutscher Sprache gesungen wird, und zwar in einer Textfassung von Peter Brenner unter Verwendung der Übersetzung von Max Brod. Dabei war es wichtig, den genialen Wildwuchs der Oper, ihre „herzerquickende Naivität und ihre schöne Schlichtheit“ zu bewahren. Der pantheistischen Ansatz, der im Monolog des Försters im dritten Akt so berührend als Momentum des kreatürlichen Lebens gezeichnet wird, erfährt hierdurch eine hohe innere Kraft. „Wie ist der Wald so herrlich. Es kommen die Elfen hier nach Hause für die Zeit des Sommers, tanzen im Hemd umher und mit dem Frühling erwacht auch die Liebe. … Menschen durchwandern dann den Wald und verneigen sich still, denn sie verstehen: Das ,was sie gesehn‘, war das Antlitz Gottes.“

Es wird auch prachtvoll gesungen an diesem frühlinghaften 27.12. in Berlin. Allen voran die Einspringerin Fionnuala Mc Carthy in der Titelrolle, ein spielfreudige irische Sopranistin mit lichten Höhen und Jubelton. Aber auch Noel Bouley als Revierförster Bartos, Clemens Bieber als Schulmeister und Dackel, Rebecca Jo Loeb als Fuchs und Michael Adams als Harasta (um nur die wichtigsten zu nennen) singen und spielen dermaßen ausdrucksstark, dass manches Plappermäulchen im Publikum schon mal aufs Tratschen vergisst. Großes Lob auch für die Darstellerinnen und Darsteller der Heerscharen an Fliegen, Schnecken, Kinderfüchslein, Eule, Eichelhäher, Hühner, Hahn, Schmetterling, Libelle, Tausendfüssler und Frosch, die als zirpendes, gackerndes oder einfach lustig singendes Volk dazu beigetragen haben, dass Theater und Bühne hoffen wir für viele junge Menschen als toller Ort in Erinnerung bleiben kann.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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