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BERLIN/ Deutsche Oper: „BABY DOLL“ – eine Flucht mit Beethovens 7. Sinfonie

07.09.2020 | Oper international


Stencia Yambogaza, Annie Hanauer. Foto: Thomas Aurin/ Deutsche Oper Berlin

Berlin/ Deutsche Oper: „BABY DOLL“, eine Flucht mit Beethovens 7. Sinfonie. 06.09.2020

Genau das ist der offizielle Titel, aber wer sollte wohl mit einer Mischung aus Baby Doll und Beethoven angelockt werden? Wer sich davon Besonderes versprochen hatte, geht nach zwei Stunden vermutlich enttäuscht vondannen.

Eine Baby Doll gibt es tatsächlich in diesem Stück, das die Deutsche Oper Berlin aus Frankreich geerbt hat, wo es Corona bedingt nicht aufgeführt werden konnte. Doch trotz der französischen Wurzeln ist Baby Doll kein frühreifes Girl, sondern nur eine Stoffpuppe, was sich  später herausstellt.

Vielleicht denken bei „Flucht mit Beethovens 7. Sinfonie“ auch einige Krimikundige, jemand habe das Autograph geklaut und sei damit geflüchtet. Stimmt auch nicht, soviel Spannung wird hier nicht geboten.

Nein, eigentlich geht es um etwas sehr Ernstes, um die Flucht von Menschen aus ihren Heimatländern sowie um Übergriffe, Demütigungen, Strapazen und Gefahren, die ihnen auf den Schleichwegen nach Europa drohen.

Die französische Regisseurin und Choreografin Marie-Ève Signeyrole, zuständig für Konzeption, Texte, Inszenierung, Bühne und Video, benutzt nun das schwierige Thema Flucht und Migration für Diverses.

Von der Bühnendecke hängen Tafeln, auf denen beispielsweise die zahlreichen deutschen Ämter aufgelistet sind, die sich um Asylsuchende, ihre Versorgung, Unterbringung usw. kümmern. Außerdem gibt es wechselnde Tafeln, auf denen die auf der Flucht gestorbenen Menschen verzeichnet sind. Will die Regisseurin dem Publikum was einhämmern?  

Offensichtlich, denn das Thema Flucht liegt Frau Signeyrole am Herzen. In einem Interview mit der Deutschen Oper hat sie sich wie folgt geäußert:

Ich spreche für Menschen, die keine Stimme haben. Für Bamousso Leyla Kamara aus Côte d’Ivoire zum Beispiel. Ihre Geschichte erzähle ich in BABY DOLL. Das Stück würde ich eine Dokufiktion nennen, es hat mehr mit Theater als mit Oper zu tun. Ich beleuchte die Situation von Frauen auf der Flucht, die noch weniger gehört werden als Männer. Sie haben kein Geld von ihren Familien, werden von Schleppern und anderen Migranten bedroht“.

Später sagt sie: „Natürlich weiß niemand, was wahr ist und was nicht, die Frauen selbst sind gezwungen zu lügen, um nach Europa zu kommen, über ihr Alter, ihre Herkunft, über das, was ihnen passiert ist. Meist stellt sich allerdings heraus, dass ihre Geschichte viel schlimmer ist als das, was sie erzählen“.

Ja, wenn das so ist, dann darf doch gefragt werden, warum sie diese tieftraurigen Erlebnisse mit Beethoven und Klezmer Musik, mit verschiedensten Videos und Tanzszenen verrührt. So gesehen wirkt das als Beispiel gebrachte Schicksal einer Frau nur als Vorwand, um Diverses einfallsreich in Szene zu setzen.  

Den Anfang macht musikalisch das Yom Quartet. Mit außergewöhnlich schrillen Klezmer-Klängen begleitet es eine Quasi-Vergewaltigung einer Afrikanerin durch ihren Schlepper. Dass der, Tarek Aït Meddour, früher ein Kampfsportler war, ist seiner rabiaten Grifftechnik anzumerken.


Stencia Yambogaz, Willemann. Foto: Thomas Aurin

Andere brutale Szenen werden ebenfalls vorgeführt, und das durch Daueraufnahmen einer Kamera-Frau aufs Video gebannte Gesicht der gepeinigten Stencia Yambogaza bohrt sich in unsere Augen.

Doch als Beigabe zum Beethoven-Jahr taugt dieses so gestaltete Flüchtlingsdrama nicht, auch wenn sich GMD Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper Berlin der nur satzweise gespielten Symphonie mit Verve widmen. Wie simpel dazu mitunter hinter seinem Rücken gehüpft wird, sieht er glücklicherweise nicht.

Wäre Stencia Yambogaza  nicht eine so überzeugende Darstellerin, würden wohl nicht wenige Zuschauerinnen und Zuschauer beizeiten flüchten. Nun aber steckt sie sich auf Weisung des Schleppers die mitgenommene Stoffpuppe – das Baby Doll – unters Hemd, um schwanger zu wirken, damit sie nicht von weiteren Männern vergewaltigt wird.

Viele uns leider recht bekannte Geschichten werden erzählt, u.a. vom libyschen Grenzzaun und von den Bootsfahrten, die nicht alle überleben. Speziell in den Jahren 2015/16 waren das die Hauptthemen in den Medien. Kommt vielleicht gleich mal jemand mit einer Sammelbüchse durch die Corona bedingt luftig besetzten Reihen?

Nein, das nun doch nicht, aber Stencia Yambogaza kommt und holt sich eine schlanke blonde Frau (angeblich) aus dem Publikum. Die, Annie Hanauer, erleidet nun die gleiche schlimme Behandlung wie vorher die Afrikanerin. Das kann auch uns Europäern passieren, so der erhobene Zeigefinger der Regisseurin.

Lang und länger wird die Performance, und lang wird es tatsächlich, als sich die beiden Frauen um das Stoff-Baby-Doll streiten und sich eine lange Schnur von Bauch zu Bauch entrollt. Soll das etwa die Nabelschnur, die hier nun beide Frauen verbindet?  

Zuletzt zieht die junge Blonde die wohl durch Selbstmord ertrunkene Afrikanerin liebevoll aus dem Wasser und trägt sie davon. Rührend, aber nicht mehr wirklich berührend. Der Handlung- und Bilder-Oberkill fordert seinen Tribut.

Ständig im Kreis wirbelnd dreht sich Annie Hanauer nun noch zu Beethovens letzten Takten. Schütterer Beifall für ein missliches Machwerk. Gut gemeint ist nicht gut. Es kann also für die Deutsche Oper und ihr Publikum nur besser werden.  

Ursula Wiegand

Letzte Aufführung am 07. 09.

 

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