Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BERLIN/ Berliner Ensemble: KINDER DES PARADIESES, nach dem Film „Les Enfants du paradis“ von Marcel Carné

08.02.2018 | Theater

Kinder des Paradieses, Martin Rentzsch, Kathrin Wehlisch, Peter Moltzen, Foto Matthias Horn
Martin Rentzsch, Kathrin Wehlisch, Peter Moltzen, Foto Matthias Horn

Berlin/ Berliner Ensemble: KINDER DES PARADIESES, nach dem Film „Les Enfants du paradis“ von Marcel Carné, 07.02.2018

Waffeln gibt’s gratis fürs Publikum, bevor es die Plätze im fast ausverkauften Großen Saal einnimmt. So lockte einst der Theaterdirektor (hier: Sascha Nathan) in dem legendären Film „Les Enfants du paradis“ (Die Kinder des Olymp) die Menschen, auch möglichst die Armen, in sein Pantomimen-Theater. Die saßen damals weit oben, „paradis“ genannt.

Clowns, Akrobaten und Jongleure amüsieren sogleich die Zuschauerinnen und Zuschauer, eine junge Frau läuft auf Stelzen. Also Jahrmarktatmosphäre wie im 19. Jahrhundert (Bühne: André Joosten), in das der bekannte Filmregisseur Marcel Carné seinen Dreistünder verlegt hatte, mitsamt den damaligen Berühmtheiten. Tricks, um der Zensur der deutschen Besatzer und des mit den Nazis sympathisierenden Vichy-Regimes zu entgehen. Ein Kunstgriff, der es außerdem ermöglichte, dieses Epos nach dem Drehbuch von Jacques Prévert in den Jahren  1943 bis 1945 zu realisieren. Trotz Stromsperren und Hungerrationen.

Carnés Film war der wohl letzte aus dem Genre des poetischen Realismus’. Das Schwebende, das er besaß, wird jedoch in der Regie und Bearbeitung durch Ola Mafaalani, die sich dem Original weitgehend anpasst, dennoch vergröbert. Auch schneidet die live-Musik (Eef van Breen) eher in die Ohren, als ihnen zu schmeicheln.

Dass Ola Mafaalani bei ihrem Beinahe-Dreistünder weitgehend dem Film folgt, ist mutig und gefährlich zugleich. Ihr wäre es am liebsten, so äußerte sie vorab ahnungsvoll, wenn das Publikum den Film nicht kennen würde. Recht hat sie.

Eigentlich dreht sich in diesem Opus alles um die Liebe und die schöne Garance mit ihren vier Männern. Im Film war das die Arletty, eine der berühmtesten Schauspielerinnen in Frankreich zu jener Zeit. In Berlin ist es jetzt die attraktive Katrin Wehlisch.

Die ist zwar ein anderer Typ, passt aber in die Rolle dieser schon damals selbstbestimmten Frau. Es ist wohl Absicht, dass sie sich stets darum bemüht, dass ihr schulterfreies Wickelkleid (Kostüme: Johanna Trudzinski) nicht mehr Blöße freigibt.

„Die Liebe ist doch so einfach“, ist ihr mehrfach geäußertes Credo, und dabei hat weitgehend sie das Sagen. Oft lacht sie fröhlich, hat eine lockere Lippe und nicht selten etwas Spöttisches im Gesicht. Sie wechselt die Männer, wie sie Lust hat, ist eine Weile sogar mit einem deutschen Offizier „mit so schönen Augen“ liiert, was hier aber nur erwähnt wird.

Sie, eine Unpolitische, verteidigt sich bei der Vernehmung mit den Worten, ihr Herz sei französisch, ihr Arsch jedoch international. Dennoch wird sie nach Kriegsende als angebliche Verräterin verurteilt. 1946, bei der bejubelten Uraufführung des Films, sitzt die Arletty im Knast, und das für einige Jahre.

In einen aber hat sie sich sofort und nachhaltig verliebt: in den Pantomimen Baptiste Deburau, im 19. Jahrhundert stadtbekannt. Zuvor hatte sie sich von dem unbotsamen Dichter Lacenaire getrennt, einem Mann voll bissiger Ironie, was Tilo Nest sehr gut rüberbringt.

Und nun darf ich wirklich nicht an den Film denken und an den fragilen Jean-Louis Barrault mit den traurigen Augen, der die des Diebstahls verdächtige Arletty rettet durch seine feinen, ausdrucksstarken Fingerbewegungen, die kunstvoll anzeigen, in welche Richtung der wahre Dieb geflohen ist.

Es müssen die Augen von Baptiste gewesen sein, die die Schöne so beeindruckten und in ihr haften geblieben sind. Zwar hat Peter Moltzen, sein kompakterer deutscher Nachfolger, die Gesten sicherlich gut geübt, spielt auch den Schüchternen, der sich nicht binden will, als die schöne Garance die Initiative ergreift. Die richtige Rolle ist das für ihn nicht.

Doch trotz der Liebe zu ihm, die offenbar im Verborgenen stattfindet, kann der sehr viel temperamentvollere und tatkräftigere Schauspieler Frédérick Lemaître (Felix Rech!!) bei Garance schnell punkten. Mit dem ist sie bald auf und davon. Nachdem sie auch ihn verlassen hat, wirft der sich voll in die Schauspielerei und schafft es schließlich sogar, den Othello zu spielen. Rech übertreibt seine Überbegeisterung ganz köstlich.

Als Garance wieder mal in Schwierigkeiten kommt, wird der Graf von Montray ihr Retter. Martin Rentzsch spielt diesen von sich selbst überzeugten Widerling, dem sich Garance vermutlich verweigert, sehr passend. Sie schreit ihm ihre Verachtung ins Gesicht, er schlägt sie. Lemaître, der auftaucht und Garance verteidigt, fordert der Graf zum Duell. Doch es ist der Dichter, der ihn zuvor ermordet. Gezeigt wird auch das nicht.

Der jungen Garance hat man hier die alte Arletty hinzugesellt, verkörpert von der über 70jährigen Ilse Richter mit Löckchenfrisur und heiterem Charme, gepaart mit gelassener Lebensweisheit. Meistens sitzt sie vorne vor dem Flügel, stellt sich aber auch mal zu der jungen Garance, z.B. wenn sich diese gegen den Vorwurf, sie sei eine Verräterin, verteidigt.

Immer in die Zukunft schauen, nicht zurück in die Vergangenheit – das ist das Prinzip der Arletty, die nun im Alter immer alleine ist, was sie einem kleinen Jungen, namens Baptiste, erzählt. Das ist natürlich der Sohn des Pantomimen und seiner Frau Nathalie, großartig gespielt von Antonia Bill.

Von Anfang an hat sie Baptiste geliebt, doch der war in Garance vernarrt. Als die weg war, hat er sich jedoch für Nathalie entschieden, die ihn von Herzen liebt. Zusammen mit dem Söhnchen sind die drei, so sagt sie, eine glückliche Familie.

Bis sie wieder auftaucht, die immer noch schöne Garance, nun eine Dame in einem leuchtend roten Kleid plus Hütchen mit Schleier. Sie schwärmt von seinen Augen und seinem warmen Körper, als hätte es zwischendurch für die Schauspieler keine Not gegeben. Baptiste wird rau, erinnert an die Angst der Schauspielertruppe und den Hunger, was Garance gar nicht interessiert.

Sie lebt für die Gegenwart, und beide sind sich im Grunde einig, dass sie immer aneinander geliebt und aneinander gedacht haben, selbst beim Zusammensein mit ihren Partnerinnen und Partnern. Der Gedanke, Babtiste könnte stets an Garance gedacht haben, also auch bei der Zeugung des Sohnes, lässt Nathalie fast verzweifelt zusammenbrechen, zumal ihr Mann sie und das Kind einfach stehen lässt und Garance, ihren Namen rufend, vergeblich hinterher rennt. Im Film verliert er sie in der Menschenmenge, doch diese Emotionen sind selbst auf der Berliner Bühne zu spüren. Übrig bleibt die lächelnde alte Arletty mit den Silberlöckchen. Starker Beifall.

Ursula Wiegand.

 

Diese Seite drucken