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BERLIN/ Barocktage in der Staatsoper: „LE CONCERT D’ASTREE“, eine großartige Geburtstagsfeier

10.11.2021 | Konzert/Liederabende

Berlin / Staatsoper, Barocktage: „LE CONCERT D’ASTREE“, eine großartige Geburtstagsfeier. 08.11.2021

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Copyright: Peter Adamik

Die Barocktage der Staatsoper sind immer für Überraschungen gut. Diesmal ist es der 20. Geburtstag von „Le Concert d’Astrée“, der nun an der Lindenoper (und auch in Paris) gefeiert wird.

Denn dieses Orchester und der dazugehörige Chor; gegründet und geführt von Emmanuelle Haïm, sind in Berlin weitgehend unbekannt. Wer, wenn überhaupt, erinnert sich noch daran, dass dieses Ensemble schon einmal 2008 in der Philharmonie aufgetreten ist? Es erneut einzuladen erweist sich bald als eine sehr gute Idee – für die „Geburtstagskinder“ und für das herbeigeströmte Publikum.
 
„Le Concert d’Astrèe“ und seine Dirigentin haben Feines im Gepäck: Werke von Jean-Philippe Rameau, André Campra, Henry Purcell, Antonio Vivaldi und vor allem Georg Friedrich Händel.

Simon Rattle ist auch mit von der Partie, gehört er doch mit zu den Entdeckern und Förderern dieses Ensembles. Er wird vom Publikum herzlich willkommen geheißen und dirigiert später mit Verve eine Suite von Jean-Philippe Rameau. Ansonsten obliegt die Musikalische Leitung der temperamentvollen Chefin, die bereits am 05.11. mit „Idomenée“ von André Campra, überrascht und begeistert hat.

Auch in diesem Abend lebt sie jeden Takt und fast jede Note mit oft großen Bewegungen aus, ohne dass es übertrieben wirkt. Ihr Dirigat ist anfeuernd und präzise. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass noch Instrumentalisten/innen aus der Gründungszeit in diesem Orchester spielen. Seit 2008 ist es das Residenzorchester an der Opéra de Lille.

An diesem 8. November in Berlin sorgen nun weltweit geschätzte Sängerinnen und Sänger, die nicht nur in der Barockmusik zu Hause sind, dafür, dass der Abend in der sehr gut gefüllten Staatsoper zu einem wahren Fest wird.

Laut Programmheft sind es in alphabetischer Reihenfolge Marie-Claude Chappuis , Lea Desandre , Natalie Dessay , Emmanuelle de Negri , Sandrine Piau , Lenneke Ruiten , Eva Zaïcik , Tassis Christoyannis , Cyrille Dubois , Andrea Mastroni , Tim Mead , Laurent Naouri , Jarrett Ott , Victor Sicard , Michael Spyres , Mathias Vidal und Carlo Vistoli.

Bis zur Pause gehört der Abend vor allem Werken von Jean-Philippe Rameau, der sich das Komponieren selbst beibrachte und nie einen Lehrer benötigte. Doch es liegt garantiert nicht an ihm und seinem französischen Flair, dass die Berichterstatterin anfangs mitunter zusammenzuckt.
Sie hat noch den Klang im Pierre Boulez Saal in den Ohren. Doch wie hart klingen nun in der Staatsoper die Violinen, wie unfroh die Gamben. Die Akustik im großen Saal ist trotz der sehr aufwendigen Investitionen nicht barockfreundlich.

Abhilfe würde nur der Pierre Boulez Saal schaffen, doch der wäre für üppig dargebotene Barockopern oder diese Geburtstagsfeier zu klein, gemessen an den zahlreichen Barock-Enthusiasten, die so etwas erleben wollen. Da aber alles mit soviel Können und Engagement gespielt und gesungen wird, gelingt es, über dieses Manko weitgehend hinwegzuhören.

Fürs allgemeine Aufrütteln sorgt gleich anfangs eine Ouvertüre mit Trommelwirbel, gefolgt vom Triumphgesang eines Quartetts plus Chor. Im weiteren Verlauf haben es zunächst die tieferen Männerstimmen leichter als die Soprane, so der Bariton von Tassis Christoyannis und der Bass-Bariton von Laurent Naouri.

So richtig Freude kommt dann jedoch nach der Pause bei Werken von Purcell, Vivaldi und Händel auf. Nur, weil davon einige besser bekannt sind oder generell leichter in die Ohren gehen? Das scheint nicht der einzige Grund zu sein. Vielmehr baut sich eine allgemeine Begeisterung auf.
Denn nach der mit Beifall bedachten Arie der Dido aus Purcells „Dido and Aeneas“ durch Marie-Claude Chappuis, sorgt Countertenor Tim Mead, der seine Händel-Arie mit Wärme füllt und mit Gesten unterstreicht, für Stimmung.

Nun laufen alle Sängerinnen und Sänger zur Hochform auf, jetzt zeigen sie welches Können und welch eine Begeisterung für die Barockmusik in ihnen steckt. Auf diese Weise kommt es zu einem wahren und staunenswerten Koloratur-Wettbewerb, der aber keineswegs in eine „Sportübung“ ausartet. Auch Zartheit und Melancholie finden ihren jeweiligen Platz.

Das Publikum klatscht sich ebenfalls in Begeisterung und feuert auf diese Weise alle Künstlerinnen und Künstler weiter an, die sich wiederum entsprechend revanchieren. Emmanuelle Haïm wird zur Tänzerin auf dem Podium, steuert aber gezielt zum Höhepunkt, der nicht im Programmheft steht: Das „Halleluja“ aus Händels „Messias“ braust als großartiger Schluss durch den Saal, gefolgt von sehr verdienten „standing ovations“.

Ursula Wiegand

 

 

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