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BERLIN/ Admiralspalast: LIEBE IN DER MING-DYNASTIE UND DER MEDICI-ÄRA

13.08.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Berlin/ Admiralspalast: „Liebe in der Ming-Dynastie und der Ära Medici“, 12.08.2014

Vor 15 Jahren wurde die Reihe „Young Euro Classic“ gegründet, um das Sommerloch in Berlin zu füllen. Was als einmaliges Event gedacht war, erhielt jedoch ein solch positives Echo, dass diese Veranstaltung bald zum Markenzeichen geworden ist. Das Publikum stürmt die Säle, um junge Orchester und Solisten zu erleben, die – zumeist schon auf Profiniveau – einen jugendfrischen Touch ins übliche Musikleben bringen, und das zu sehr moderaten Einheitspreisen.

Spielort war bisher das Konzerthaus Berlin, doch dort wird zur Zeit renoviert. Also wurde das Festival diesmal zweigeteilt: die ersten sechs Konzerte waren im Juni in der Philharmonie zu hören, die zweiten 10 Darbieten gehen nun im Admiralspalast über die Bühne (noch bis 17. August). So auch der gestrige Rückgriff in die gesanglichen Flirt-Praktiken um 1600 in Europa und in China.

 LiTeatro del mondo singt Madrigale, Foto Kai Bienert,Young Euro Classic
 Teatro del mondo singt Madrigale, Foto Kai Bienert, Young Euro Classic

 Den Anfang macht „Teatro del mondo“ mit Madrigalen, eine Gruppe von insgesamt 8 Enthusiasten, die sich in Frankfurt/Main zusammengefunden haben. Unter der Leitung von Andreas Küppers am Cembalo und begleitet von Bass und Laute bringen sie Liebeslieder der damaligen Zeit. Einige sind noch heute bekannt, wie „Tanzen und Springen“ von Giovanni Giacomo Gastoldi (1555/6-1609) oder „Innsbruck, ich muss dich lassen“ von Heinrich Isaac (wahrscheinlich 1450–1517).

Auch John Dowland (1563-1624) ist mit „Sleep wayward thoughts” sowie „Now, oh now” dabei, außerdem John Bartlet (gest. zwischen 1606 und 1610) mit „Of all the birds”. Hier hören wir wirklich die Vögel zwitschern und die Nachtigall singen. Madrigale, in denen alle Stimmen gleichberechtigt sind, waren damals weithin verbreitet.

Damit das heutzutage nicht zu „eintönig“ wirkt, hat Regisseur Stefan Bastians mit wenigen Requisiten ein Bühnengeschehen, eine Liebeskomödie, entwickelt und lässt zwei Paare – die Herrschaften, ihre Diener und den rundlichen Koch – aus dem pestverseuchten Florenz in die blühende Toskana flüchten.

Gesungen und gespielt werden sie von Verena Gropper (Sopran), Julia Diefenbach (Mezzo), Jörn Peuser (Altus), Patrick Siegrist (Tenor) und Christos Pelekanos (Bass). Dort, in der schönen Natur, sprießen mit den Blumen auch die Liebesgefühle aufs Neue, was mit Humor zum Ausdruck gebracht wird.

 Die eigentliche Überraschung des Abends sind Szenen aus einer Kun-Oper, die ebenfalls um 1600 entstand und zwei Jahrhunderte en vogue war. Die UNESCO hat diese hochartifizielle und bis in kleinste Details fixierte Ausstattungs- und Darstellungsweise im Jahr 2001 ins immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen.

 liSzene aus Der Päonien-Pavillon, Foto Kai Bienert,Young Euro Classic
Szene aus Der Päonien-Pavillon, Foto Kai Bienert, Young Euro Classic

 Das 1956 gegründete Souzhou Kunqu Ensemble aus dem Provinz Jiangsu hat einige dieser Traditionsopern zu neuem Leben erweckt, damit große Erfolge erzielt und viele Preise gewonnen, vor allem mit dem Stück „Der Päonien-Pavillon“ („Mudan Ting“) von Tang Xianzu (1550-1616).

Wir erleben zwei Szenen, in denen, wie bei den zuvor gehörten Madrigalen, die Natur zur treibenden und verführenden Kraft wird. Diese Liebesgeschichte wurde so populär, dass die Menschen die Songs auf den Straßen trällerten.

Auch wenn die Tonfolge fremdartig ist und uneingeweihte Ohren an – pardon – Katzengejammer erinnert, ließe sie sich nach einigen Falsett-Übungen durchaus nachsingen. Oft ist es eher Sprechgesang. Mit hoher Stimme zu sprechen, gilt noch heute in Japan und vermutlich auch in gebildeten chinesischen Kreisen als die feine frauliche Art.

In den Zeiten der Ming-Dynastie (1368-1644) wurden die Frauen sogar wie Schmuckstücke im Hause verwahrt und herausgeputzt und für den erhofften Gatten aus bester Familie erzogen. Kein anderer als der Zukünftige sollte einen Blick auf sie werfen. Daher durften sie, wie die schöne Du Liniang – gesungen und gespielt von Yu LIU – keinen Schritt ins Freie tun.

 Doch zusammen mit der in grün gekleideten Dienerin (Xiaoyue Zhou), die als Unterwürfige noch höhere Töne von sich gibt, wagt die junge Herrin beim „Spaziergang im Garten“ ihren ersten Ausflug ins verbotene Paradies, in die frühlingshafte Natur. Eine Erfahrung, die sie total überwältigt und unbekannte Sehnsüchte in ihr erweckt, ausgedrückt in einer wunderbar poetischen Sprache. Erschöpft von den ungewohnten Erlebnissen fällt die Zarte in den Schlaf und träumt sich einen Geliebten herbei.

 Liebesszene aus Der Päonien-Pavillon, Foto Kai Bienert,Young Euro Classic

Liebesszene aus Der Päonien-Pavillon, Foto Kai Bienert, Young Euro Classic

 Diese Liebesszene mit dem Dichter Lui Mengmei (Jiulin YU) füllt den 2. Teil „Erwachen aus einem Traum“. Nun werden die Stimmen mitunter tiefer, die überaus geschmeidigen Bewegungen etwas lebhafter, behalten aber stets eine dezente Delikatesse.

Jede Geste verkörpert eine Gefühlsschwankung, dargeboten in wunderschönen Gewändern mit überlangen Ärmeln, mit denen die Protagonisten elegant wie mit wehenden Tüchern hantieren. Vielleicht sind es ihre hin- und her schwirrenden Gedanken. Doch in wichtigen Momenten schütteln sie die Hände aus den Ärmeln. Die Berührung der beiden Liebenden lässt sich mehr ahnen als sehen.

Als Du Liniang aus dem Traum erwacht, ist sie allein und stirbt vor Verzweiflung, was hier nicht gezeigt wird. Ohnehin wird sie vom Ihrem Geliebten, einem Dichter, wieder zum Leben erweckt. Nach insgesamt 55 Szenen – Spielzeit 19 Stunden, die uns erspart bleiben – hat Du Liniang den Sieg über die gesellschaftlichen Konventionen errungen und hat sich ihren Ehemann, den Dichter, selbst erwählt, damals fast ein Sakrileg. Bei der Premiere gab es Tumulte, doch zahlreichen Frauen wurde die mutige Du Liniang, so erfahren wir, zum Vorbild.

Danach erneut das Teatro del mondo, das zuletzt noch einmal richtig aufdreht. Großer Jubel belohnt alle Beteiligten in gleicher Weise.

Ursula Wiegand

 

 

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