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BEETHOVEN; Symphonien Nr. 4 und 5, Concentus Musicus Wien, NIKOLAUS HARNONCOURT

15.01.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0888751364523 BEETHOVEN; Symphonien Nr. 4 und 5, Concentus Musicus Wien, NIKOLAUS HARNONCOURT – SONY CD – Von musikalischer Landvermessung, frappanter Neugier, frischem Mut und nahezu erreichbaren Zielen

VÖ: 5.2.2016

Die am 8.-11. Mai 2015 im Wiener Musikverein aufgenommenen beiden Beethoven Symphonien werden wohl die letzten Aufnahmen sein, die von einem der größten musikalischen Neuerer, Partitur-Polarforscher und redlich Suchendem auf den Markt kommen werden. In knappen Worten hat Nikolaus Harnoncourt seine Abonnenten im Musikverein einen Tag vor seinem 86. Geburtstag (5.12.) wissen lassen, dass seine aktive Dirigentenkarriere an ein Ende gelangt ist. 

Ritter Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d‘Harnoncourt-Unverzagt hat mit der parallel zu den Konzerten entstandenen CD der vierten und fünften Symphonie von Ludwig van Beethoven nochmals alle Tugenden unter Beweis gestellt, um die wir ihn alle, aber umso mehr die Mehrzahl aller Dirigenten, bewundern (sollten) und die er seit den sechziger Jahren mit aller Konsequenz angewandt und schonungslos eingefordert hat: Eine allein der Partitur und seinem ureigenen Gewissen geschuldete Interpretation, ein  ewiges Forschen über Können, Wirken und Klang von Instrumenten zur Entstehungszeit und heute, eine intensive Auseinandersetzung  mit den politische Zeitläuften, aber auch den musik- und kulturhistorischen Kontexten und selbstverständlich den Lebensumständen eines Komponisten zur Zeit der Entstehung eines Werkes. Dazu kommt eine mutige und stets frische Exegese mündend in eine immer unerhörte, im Geheimnis des Jetzt stehenden Synthese im Augenblick des Konzerts. Alles neu gehört wie am ersten Tag, ausgehend von einem paradiesischem Zustand der Interpretationsgeschichte, Harnoncourt quasi als einziger außerhalb dieser stehend. Nikolaus Harnoncourt ist sympathisch abhold allem Modischen, und jedem „shareholder value“ von Plattenfirmen. Das Wort Routine kann er wahrscheinlich nicht einmal buchstabieren.

Kürzlich habe ich mir alle erhaltenen Beethoven-Aufnahmen von Erich Kleiber angehört und war höchst angetan von der vorwärtstreibenden, pathosfreien und  im Innengefüge höchst stringenten Lesart. Auf einer anderen Ebene ähnlich radikal ist das Beethoven-Bild des 85-jährigen Harnoncourt, der unerwartet mit dem Klangbild jongliert („Beethoven kannte ganz genau die Instrumente seiner Zeit und wusste, was sie können und was nicht“) und in einer temporeichen, feurigen, kantigen, teils auch schroffen Klangrede das Werk Beethovens noch einmal neu erfahrbar macht. Das Wunder dabei: Sein Beethoven ist um Lichtjahre mutiger, tiefer, kompromissloser, sehniger und aufregender als alles, was von anderen in den letzten 20 Jahren mit berühmten Klangkörpern an Deutungsversuchen vorgelegt worden ist.

Es handelt sich also weder um ein musikalisches Testament noch um ein Konzert der letzten Dinge. Es hätten ja u.a. alle Beethoven Symphonien und der Fidelio noch kommen sollen. Die Banalität des Nachlassens der physischen Kräfte hat es nicht erlaubt. Umso dankbarer sind wir, das die Musikwelt noch einmal hören kann, was es heißt, abseits von Trends der Wahrheit in der musikalischer Aussage nachzuspüren und final wieder einmal ein Manifest gegen Kurzlebigkeit zu setzen und glatte Oberflächen zu durchbohren. Oder um es in Harnoncourts eigenen Worten auszudrücken: „Es gibt kein Ende nach dem Motto: So, jetzt verstehe ich das Stück, jetzt habe ich das endgültig begriffen. Das gibt es nicht. Die ganz großen Kunstwerke haben am Ende immer noch ein Rätsel.“ Um das Rätsel dieser Interpretationen samt Tempo-Raumrelationen, dem Wechsel von C-Moll nach C-Dur in der fünften Symphonie („Freiluftmusik“) wird noch viel geschrieben werden. Von Befreiung aus Unterdrückung spricht nicht nur diese gewaltige Symphonie, es ist das Leben und Wirken Harnoncourts selbst, der vieles abgeräumt, entstaubt, offengelegt und aufgedeckt hat, was wir jetzt oft fassungslos mit offenen Ohren bestaunen. Hören Sie sich das Finale der Fünften Symphonie an und Sie werden wissen, was ich meine. Gewaltig, mitreissend, kosmisch und human zugleich.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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