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BAYREUTH/ Festspiele: TRISTAN UND ISOLDE

07.08.2016 | Oper

Bayreuther Festspiele, Tristan und Isolde 5.8. 2016

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Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Der Tristan wird in Bayreuth – ebenso wie der Parsifal – zum blutgetränkten Mythos hochstilisiert. Zunächst noch recht bieder stellt Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann ein abstraktes metallenes Labyrinth von Treppen mit Hängebrücken und einer Reling, die dann auf imposante Weise in die Tiefe sinkt und später wieder in die Höhe fährt, für den ersten Akt auf die Bühne.  Regisseurin Katharina Wagner lässt von Anbeginn keinen Zweifel darüber aufkommen, dass Isolde und Tristan schon von Anbeginn einander bestimmt und verfallen sind. So bedarf es daher auch keines Zaubertrankes, dieser wird vielmehr nur als Fluidum über ihre Hände verschüttet, wobei sie während dieses ersten Höhepunktes der Gefühle einander nicht einmal in die Augen sehen…

Für mich setzt die Regisseurin den stärksten Akzent ihrer Inszenierung im zweiten Akt. Von Suchscheinwerfern verfolgt, suchen sie zunächst unter einer Plane mit Sternenhimmel Zuflucht, die im Übrigen für das Publikum auf der äußersten linken Seite des Festspielhauses nur auf Grund der dvd zu erahnen ist… Ein metallenes rundes Gefängnis mit ausziehbaren Seitenteilen erinnert etwas an eine halboffene „eiserne Jungfrau“, mit der man im Mittelalter Gefangene zu foltern und zu exekutieren pflegte. Hier verfolgen jedoch die ausfahrbaren Arme einenvöllig anderen Zweck. Tristan und Isolde stechen sich mit deren Spitze in die Handflächen und ritzen dann ihre Armvenen auf. Die Szene erinnert natürlich an die Stigmata Christi und stellt die poetische Verbindung zu dessen Opfertod hin. Tristan und Isolde wissen bereits zu diesem Zeitpunkt, dass ihrer unverbrüchlichen Liebe im Diesseits keine lange Zeit beschieden sein wird. Sie bereiten sich damit – symbolisch – auf den dergestalt als „Opfer“ konzipierten „Liebestod“ vor. Diese Lesart aber gefiel einem Teil des Publikums nicht und so gab es zahlreiche Buhrufe nach dem zweiten Akt.

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Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

In einem nebeligen Umfeld erscheint dann die Entourage Tristans im dritten Akt, während dieser im Fieberwahn Isolde verpackt in das überstrapazierte Dreieck, Symbol ewiger Weiblichkeit, einmal als Madonna, dann wieder als Verführerin, als junges Mädchen und schließlich auch ohne Kopf festzuhalten sucht. Interessant bleibt das Ende. Der tote Tristan wird auf einem Bett aufgebahrt. Isolde nimmt neben ihn auf dem Bett Platz, richtet ihn  auf und lehnt den Toten an ihre Schulter, um den finalen Gesang auf den jeder Besucher und jede Besucherin der Aufführung zwei lange Akte geduldig ausgeharrt hat, auf ihrem Weg zur völligen Entrückung anzustimmen „Mild und leise…“ Und nach den letzten Noten tritt der geduldig abwartende König Marke entschlossen auf und zerrt die nun wieder frei gewordene, ungebundene Isolde wie seinen persönlichen Besitz mit sich nach dem Bühnenhintergrund!

Stephen Gould war in der Wiederaufnahme dieses Tristans ein strahlender Heldentenor mit stabiler Höhe. Im dritten Akt musste er seine Stimme aber unnötiger Weise infolge eines eingezogenen Zwischenvorhangs überstrapazieren. Petra Lang überzeugte bei ihrem Rollendebüt durch eine sublime Mittellage, von der aus sie einigermaßen mühelos, aber nicht immer formvollendet zu strahlender Höhe vordrang. Ihr großes Plus war aber die berührende Intensität der Rollengestaltung, mit der sie, neben Stephen Gould, den größten Applaus am Ende einfahren konnte. Georg Zeppenfeld sang König Marke, den armen Hahnrei, mit äußerst textverständlichem Bass, symbolisch in Gelb, der Farbe der Eifersucht, mit des Wanderers Schlapphut auf dem Kopf bekleidet in der Maske des brillanten Bösewichts. Claudia Mahnke übernahm auf Grund der kurzfristigen Absage von Christa Mayer die Brangäne, die sie gesanglich mit Glanzund darstellerisch mit Hingabe erfüllte. Iain Paterson war auch dieses Jahr ein solider Kurwenal, mehr noch, ein „Mannesmann“, dessen Liebe zu Tristan von diesem aber ebenso wenig erwidert wird, wie jene von Siegfried zu Gunther im Vorspiel zur Götterdämmerung. Kay Stiefermann ergänzte als bewährter Steuermann, Tansel Akzeybek als junger Seemann und liebenswürdiger Hirte und Raimund Nolte bot einen durchdringenden Melot.    

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Copyright: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Christian Thielemann bewies am Pult des bekanntlich unterhalb der Bühne platzierten Festspielorchesters, dass er ein zuverlässiger Kenner der Partitur ist. Ihm gelangen spannende Wechsel zwischen kammermusikalisch eingebetteter Liebessehnsucht und dynamischem An- und Abschwellen, trotz des symphonischen Charakters der Musik, der Thielemann leider dazu verleitete, zu laut zu spielen.         

Alles in allem war es aber ein gelungener Abend, von wenigen Abstrichen abgesehen. Eine Zeit musikalischer wie szenischer Sternstunden in  Bayreuth dürfte aber in einer längst vergangenen Zeit zu suchen sein.                                            

 Harald Lacina                

 

 

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