Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BAYREUTH/ Festspiele: DIE WALKÜRE – semi-szenisch mit Nitsch-Malaktion. Derniere

20.08.2021 | Oper international

Bayreuther Festspiele: DIE WALKÜRE am   19.8.2021

Premierenkritik – "Die Walküre" bei den Bayreuther Festspielen: Der Klang  der Farbe | News und Kritik | BR-KLASSIK | Bayerischer Rundfunk
Copyright: Bayreuther Festspiele/ Enrico Nawrath

Dreimal wird in dieser reduzierten Festspielsaison „Die Walküre“ im Rahmen von „Ring 20.21 – Diskurs Bayreuth“ halbszenisch aufgeführt. In einem diesjährigen Zyklus wird  zuerst „Immer noch Loge“, Oper von Gordon Kampe, Text Paulus Hochgatterer, dann eben die „Walküre“ mit einer Malaktion von Hermann Nitsch, drittens „Sei Siegfried“, Aktion von Jay Scheib, und 4. „The Thread of Fate“/Der Schicksalsfaden, Installation von Chiharu Shiota, gezeigt.

Die Walküre also, die beliebteste „Ring“-Oper, wieder im Festspielhaus mit dem großen Orchester unter der Verdeckung und dirigiert von Pietari Inkinen, dem „Ring“-Dirigenten der Neuproduktion 2022, der hier bereits eine Probe seines Könnens abliefern kann. Aber diese Walküre ist semiszenisch und es konnte der Aktionskünstler Hermann Nitsch gewonnen werden, der live hinter den Sängern die Bühne mit seinen Farben in jedem Akt neu belebte.

Er selbst, inzwischen wohl über 80-jährig, betritt  nur zum heftigen Schlussapplaus die Bühne. Er hatte eine Truppe von zehn MalassistentInnen (Katharina Biber, Michaela Hetzel, Pia KoberLeonhard KoppDagmar KunertErich RothJoseph Smutny, Andreas Stasta, Federico Vecchi und Judith Weissenböck) zur Verfügung. Die eine Hälfte agierte oben auf der Rückwand und ließ die Farbe aus Eimerchen an ihr herunterlaufen, die anderen schütteten von allen Seiten Farben auf die abgezirkelte quadratische Bühne aus bereitgestellten Eimern, die auch erst angemischt wurden. Natürlich gab es auch eine auf die Walküre zugeschnittene Farb-Choreographie. Am Beginn stehen blaue und grüne Farben für das Gewitter und die frühlingshaft aufbrechende Natur. Da selbst der Bauer blau und grün nicht leidet, changieren die Farben immer mehr zu einem satten Zinnoberberrot, was einerseits die aufblühende Liebe Sieglinde und Siegmunds! begleitet, andererseits im Karminrot für das Blutvergießen steht. Im 2. und 3. Akt wurden gegen Ende auch Opfer hereingetragen, die mit Siegmund und Brünnhilde korrespondierten. Wie alle SchütterInnen in weißen Gewändern, so auch die Opfer, blutüberströmt. Es ist noch anzumerken, dass sich z.T. schönste Farbkompositionen, mit dem später hinzutretenden Orange, Rosa und Lila ergeben. Auch staunte man, wenn man eine Zeitlang der Musik gelauscht hatte, welch krasse Farbänderung sich inzwischen ergeben haben konnten, etwa auch mal ein totales Schwarz oder Braun. Während die oberen SchütterInnen darauf bedacht waren, dass die Farben in langen senkrechten Linien herunterliefen, was ja einen fantastischen Effekt ergibt, schütteten die unteren manchmal zaghaft wenig, manchmal kräftig klatschend hinein. Danach wurden die Farben oft noch händisch verteilt und vermischt, und mit dem super? starken und hellen Licht (Peter Younes) stellte sich am Ende ein fast halluzinatorischer Effekt ein.

Die SängerInnen vorn an der Rampe, alle in schwarze Talare gekleidet, fanden immer die passenden Bewegungen und Gesten, mit denen sie die Handlung gut interpretierten und alle auch gesanglich bestens reüssierten. Die Walküren Kelly GodBrit-Tone MüllertzStephanie HoutzeelChrista MayerDaniela KöhlerNana Dzidziguri, Marie Henriette Reinhold und Simone Schröder geben (gaben!) ein bestens aufeinander  abgestimmtes Ensemble, mit teils wuchtig expressiven Stimmen, dann aber wieder feinem Mischklang.

 

lidav
Lise Davidsen. Foto: Enrico Nawrath/ Bayreuther Festspiele

Christa Mayer hat sich in die Rolle der Fricka bei den Festspielen gut eingearbeitet und kann ihr etwas metallisches Timbre beim Suggerieren an Wotan fein abtönen. Der Hunding Dmitry Belosselskiy schließt mit seinem schwerem tiefen Schwarzbass nahtlos an finnische Vorgänger an. Tomasz Konieczny gibt als Einspringer einen Wotan mit exzellentem Klangvaleurs und-modulationen. Seine ‚Erzählung‘ kommt wirklich aus dem pp und wirkt ganz mystisch. Auf Catherine Foster, ebenfalls eingesprungen, ist Verlass. Sie singt mit dramatischer Potenz und mit ihrem wunderbaren, fast weich timbrierten Sopran. Auch dem Siegmund Klaus Florian Vogt zuzuhören, ist eine wahre Lust. Er kann schwelgerisch schönste Kantilenen mit seiner Engelsstimme gestalten. Lise Davidsen ist aber als  seine Sieglinde die Sensation. Was sie als Elisabeth in nuce gesungen hat, weitet sich hier zu leidenschaftlich dramatischem Gesang aus; bei absolut einschmeichelndem Timbre kann sie die angstvollen oder jubelnden Passagen in voluminöser Grazie gestalten, wobei man dann eine gewisse Textunverständlichkeit gerne in Kauf nimmt.

Auch das Orchester hat einen hervorragenden Tag, und es gelingt ihm alles, was Wagner verlangt, besondere die duftige oder rauschhafte Klangmischung, die in diesem Werk so urwüchsig hervorbricht. Und der „Neue“, Pietari Inkinen, erweist sich jetzt schon als guter Wagner-Dirigent in der Nachfolge Kirill Petrenkos.                                     

Friedeon Rosén

 

 

 

Diese Seite drucken