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BAYREUTH/ Festspiele: DIE WALKÜRE – Valkyrie from Azerbaijan

12.08.2014 | KRITIKEN, Oper

BAYREUTHER FESTSPIELE – DIE WALKÜRE am 11. August 2014

Valkyrie from Azerbaijan

 Ja klar, man hat es nach den Kritiken und Berichten im Vorjahr schon gewusst: Öl beherrscht die Welt, das ist eine der Aussagen des Castorf-Ringes von Bayreuth. Aber nach dem Rheingold war das noch nicht so deutlich erkennbar gewesen: ein ölverschmierter Fafner, Tankstellensujets, dicke Autos, das kann vieles bedeuten. Aber bei der Walküre sah man schließlich, woher das schwarze Gold kommt. Nämlich unter anderem aus dem ehemals sowjetischen, heute aserbaidschanischem Baku! Aber auch am zweiten Ring-Abend dauerte es eine Weile, bis man gesichert wusste, wo die Handlung spielt. Vorerst sah man nämlich nur ein Riesenholzungetüm auf der Bühne, in das sich der fliehende Siegmund rettet. Dort füttert gerade seine Zwillingsschwester die Truthähne, ein alter Winterschlitten steht nebenbei (gut für die Überleitung zu den späteren „Winterstürme, die dem Wonnemond wichen“), auf ihm ein blutüberströmter Mann, der dann stirbt und zugedeckt wird. Hunding sieht asiatisch aus, und das nicht nur weil er von Kwangchul Youn gesungen wird. Die Videosequenzen kommen im Gegensatz zum Rheingold heute spärlicher, sind in schwarz-weiß gehalten und haben Stummfilmniveau. Eh klar, denn die Handlung spielt ja mindestens 60 Jahre früher als gestern. Der Handlungsstrang Wagners wird also um 180 Grad gedreht, von vorne nach hinten statt umgekehrt. Aber das sollte nicht das einzige Ärgernis des heutigen Abends bleiben. Viel mehr störte das Bühnenbild von Alexander Denic, denn der riesige Holzbohrturm mit Lagerhalle und allem drumherum behinderte den szenischen Ablauf trotz Drehbühne mehr als dass er hilfreich war. Und die Positionierung und technische Qualität der Videos (erstaunlicherweise gewöhnt man sich rasch an das parallele Schauen, das ja in der heutigen Alltagswelt ohnedies auch häufig passiert, man denke etwa an TV-Schirme in Pubs oder an das ewige Schielen aufs Smartphone) ist verbesserungswürdig. Die hässlichen Kostüme von Adriana Braga Peretzki passen ideal in diese wahrhaft „dreckige“ Sowjetunion.

 Aber so richtig wollte der Funke in szenischer Hinsicht nicht überspringen. Da half es auch nichts, dass im Finale II in der Kampfszene die Videos sensationell gut waren. Auch der Feuerzauber am Ende des dritten Aktes beeindruckte: Zuerst tritt eine gewaltige Ölförderpumpe in Kraft und dann beginnt ein Ölfass zu brennen. Viel Russisches in kyrillischen Buchstaben bekommt man auch zu lesen, historische Figuren der russischen Geschichte sind erkennbar, 1942 dürfte Bakus Ölförderung groß angelaufen sein. Wotan kommt als „sowjetischer Landlord“ daher, seine Fricka ist im Sado-Lager zu Hause. Beim Walkürenritt passiert ein tödlicher Bohrturmunfall, ein russischer Intellektueller kriecht in den leeren Truthahnkäfig und wird am Ende befreit. Ideen hatte Frank Castorf also diesmal auch wieder genug, allein die Umsetzung wirkte ein wenig bieder und herkömmlich, viel Rampenherumgestehe und wenig Action zwischen den Sängern.

 Aber da war doch noch etwas, ach ja, genau: die Musik Richard Wagners! Und das Orchester und Kirill Petrenko am Pult und ein Traumensemble an Sängern! Bereits die ersten Takte verzauberten einen, denn es bleibt der Vorhang unten und man kann diese wilde und geniale Einleitung voll akustisch genießen. Johan Botha lässt es dann ruhiger angehen, sein Siegmund steigert sich aber zu sensationellen Ausmaßen. Im zweiten Akt vermeint man, dass der in Wien lebende Südafrikaner mit mozartscher Leichtigkeit phrasiert. Und das nach beeindruckenden Wälse-Rufen und einem aufwühlenden Liebesfinale I. Fast noch besser – vielleicht weil überraschend – fand ich Anja Kampe als Sieglinde. Ihrer Elisabeth im Wiener Tannhäuser konnte ich nicht viel abgewinnen, aber wie sinnlich-erotisch sie diesmal vom ersten Ton an sang, das brachte ihr einen riesigen persönlichen Triumph und den „Publikumssängerpreis“ des Abends. Neben dem umjubelten Wälsungenpaar überzeugte aber auch Wolfgang Koch, der als Wotan von der Regie ordentlich gefordert wurde, der sich dieser Aufgabe auch stellte und bravourös meisterte. Unglaublich, dass ihm da nie der Atem ausging und auch die lyrischen Stellen und leisen Monologe fantastisch gelangen. Catherine Foster ist endlich eine Brünnhilde, bei der alles da ist: Leuchtende und strahlende Spitzentöne, aber auch eine profunde, tragende Mittellage. Neben diesen vier Superstars hatten es Claudia Mahnke als Fricka und Kwangchul Youn als Hunding nicht leicht, mit Abstrichen waren deren Leistungen aber durchaus festspielwürdig. Die unterschiedlichen Gesangspositionen der Walküren erschweren eine Einzelbeurteilung, einmal aus 12 Meter Höhe, dann verdeckt von einem weißen Segel, wie soll man da akustisch urteilen. Deshalb seien pauschal genannt: Rebecca Teem, Dara Hobbs, Claudia Mahnke, Nadine Weissmann, Christiane Kohl, Julia Rutigliano, Okka von der Damerau und Alexandra Petersamer.

 Der meiste Beifall galt auch bei der Walküre einmal mehr Kirill Petrenko, dem kleinen Mann mit bescheidener Gestik und natürlich auch seinen Damen und Herren im Graben!

Ernst Kopica

 

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