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BASEL/ Theater: ÖDIPUS – komplex – in einer Bearbeitung von Antonio Latella und Federico Bellini – UA

06.02.2016 | Theater

Komplexer Ödipus

 Theater Basel: „Ödipus“. Schauspiel nach Sophokles in einer Bearbeitung von Antonio Latella und Federico Bellini – UA 5.2.2016

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Barbara Horvath, Michael Wächter, Foto von Sandra Then

Statt im königlichen Palast von Theben wähnt man sich in der bürgerlichen Tristesse eines Ibsen-Stücks. Die burschikose Iokaste (Barbara Horvath) isst ein einsames Abendmahl in ihrem wandlosen, aber trotzdem in seiner Konvention beengendem Schlafzimmer und macht sich dann bettfertig. Auch Ödipus (Michael Wächter) ist in seinem Pyjama nicht so sexy, dass Iokaste für ihn ihr Buch liegen lassen würde. Sie liest ihm aus „Ernst sein ist alles“ von Oskar Wilde vor (nicht von ungefähr, auch dessen Protagonist erfährt seine wahre Herkunft erst spät), der Gatte ist da bald eingedöst.

 Doch der Schlaf bring Ödipus keine Ruhe: Nacht für Nacht wird er von dem gleichen Albtraum heimgesucht, wie er als Baby seiner Mutter weggenommen wird. Dem Mitleid eines (mehrheitlich nackt herumlaufenden) Hirten (Michele Andrei) verdankt er sein Leben. Der Albtraum verschwindet aber auch im Wachen nicht – dafür sorgen die melancholischen Dauerklänge einer gedämpften Trompete (Matteo Pennese), die zusammen mit den immer ständig überall auftauchenden Glocken als musikalische Vorboten des drohenden Unheils figurieren.

 Weder Gold noch Kronen glänzen in dieser Inszenierung des italienischen Regisseurs Antonio Latella, der sein Ehepaar wie Herrn und Frau Müller sich heftig streiten oder nackt heissen Versöhnungssex haben lässt. Seine „Regie-Autorenschaft“ kostet Latella durchaus aus: So kann er den Kinderwagen der Miss Prism aus Wildes Komödie auf der Bühne als Albtraumerinnerung herumstehen (und später auch anzünden), den blinden, aber allwissenden Seher Teiresias (Martin Hug) im Rollstuhl auffahren und die einengenden Möbel des Schlafzimmers zu Dreck zerfallen lassen.

 Das Rätsel der Sphinx hat Ödipus gelöst, aber die Theben bedrohende Seuche ist kein Rätsel, vielmehr ein Mysterium, das nicht durch Logik, nur durch Sühne gelöst werden kann: Die Götter verlangen die Bestrafung eines Mörders. Und lassen dabei keine lose Enden übrig: Grausam minutiös wird die Korrektheit der alten Voraussagung aufgedeckt, in der Iokastes verstorbener Gatte Laios von seinem eigenen Sohn getötet wird und sie mit diesem Inzest begeht.

 Tereisias sieht es, der Diener weiss es, Iokaste ahnt es. Iokastes Bruder Kreon (Thomas Reisinger) wird misstrauisch. Und auch Ödipus dämmert langsam die grausame Wahrheit. Die Antwort auf die rätselhaften Orakelsprüche ist er selbst. Mit dem ständig anwesenden allwissenden Diener (Simon Zagermann) macht er sich schliesslich – selbst erblindet – auf die Suche nach Erkenntnis. Nach dem Ursprung des Seins. Wie ein Kleinkind muss er das altgriechische Vokabular neu erlernen (es sei mal dahingestellt, dass sich der korinthische Dialekt, mit dem er aufgewachsen ist, nicht gross von dem thebanischen unterschieden haben dürfte). Der Kinderwagen geht in Flammen auf. Immerhin dürfte Ödipus seinen Albtraum los sein – zu überwältigend sind die neuen Schrecken.

 Trotz ausgezeichneter Schauspielkunst (so brilliert Iokaste als rationale Mutterperson, während Ödipus mit seiner verwöhnten, launischen, aggressiven Art schon von Anfang an seinen Sohnstatus vorweg nimmt) und einigen eindrücklichen Szenen (z.B. wenn es wie aus Kübeln ins königliche Schlafzimmer regnet), mag aber keine rechte Stimmung beim Publikum aufkommen. Die meisten Texte werden geschrien, ohne Pause muss man die minutenlangen glucksenden Lacher des Ödipus oder ganze Dialoge auf Altgriechisch ertragen. Manch einer wünscht sich bald die Brillanz eines Sophokles zurück – oder eines Oskar Wilde.

Alice Matheson

 

 

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