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BASEL/ Theater: MEDEA, Schauspiel von Kate Mulvany und Anne-Louise Sarks nach Euripides. Premiere

22.04.2018 | Allgemein, Theater

Theater Basel: Medea, Schauspiel von Kate Mulvany und Anne-Louise Sarks nach Euripides – Pr. 21.4.2018

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Copyright: Theater Basel/ Sandra Then

Der Mythos der willensstarken Medea erfuhr schon in der Antike zahlreiche Bearbeitungen (die bekanntesten stammen von Euripides, Seneca und Ovid) und erfreut sich bis in heutige Zeit bei Autoren grösster Beliebtheit (es seien nur Corneille, Grillparzer, Anouilh und Wolf erwähnt), von den bildlichen Darstellungen ganz zu schweigen. So urtypisch steht der Mythos für eine starke Frau, eine rachsüchtige Liebende, eine verzweifelte Mutter, schlicht für Kompromisslosigkeit im Guten wie im Bösen, dass er uns nicht loslässt.

Das tragischste Element der Sage, der Mord an den eigenen Kindern, ist allerdings nicht allen Versionen zu eigen, gelegentlich wollte Medea lediglich die Kinder durch Zauber unsterblich machen, was aber misslang und zum Tod der Kinder führte. Nichtsdestotrotz hat sich die Version des Kindsmordes aus Rache, als letzte konsequente Handlung einer verzweifelten verlassenen Frau bei den meisten Bearbeitern den bleibendsten Eindruck hinterlassen.

Auch für die beiden australischen Autorinnen Anne-Louise Sarks (die auch als Regisseurin fungiert) und Kate Mulvany ist der tragische Höhepunkt des Mythos, aber sie erzählen die Geschichte aus einer völlig anderen Perspektive: Nämlich aus der Sicht der beiden Söhne von Jason und Medea, die in ihrem Kinderzimmer eingeschlossen sind, während sich die Eltern vor der Tür streiten. Allein für diese überraschende Idee gebührt den Autorinnen Lob.

Die Zuschauer sitzen erhöht auf der eigentlichen Bühne und haben so einen intimen Blick auf das blau gestrichene Buben-Zimmer, das alle Klischees erfüllt: Da kleben Leuchtsterne an der Decke, hängt ein Basketballkorb an der Wand, warten die Fische im Aquarium aufs Futter und herrscht das typische Chaos eines Jugendzimmers mit herumliegenden Spielzeuggewehren, Dinos und Gummischlangen (Bühne und Kostüme: Mel Page).

Die beiden ca. 13 und 10 Jahre alten Buben werden höchst überzeugend von Kindern desselben Alters dargestellt. Jacob Baumann (Leon) und Nils Treuer (Jasper) machen dabei einen so guten Job, dass wer selbst Teenager daheim hatte, das ganze Stück über ein wissendes Lächeln im Gesicht trug.

Ob sie sich jetzt balgen, totstellen, beschiessen, verhandeln, streiten, bescheissen, beklauen, anfurzen, oder das Tierwortspiel spielen, die beiden Jungs sind ganz normale Kinder und reagieren auf die Veränderungen in ihrem Leben mit kindlichem Pragmatismus. Erhellend wie sich der Kleine zum Beispiel auf das neue Leben in der Villa mit Pool freut – dass das dann ohne Mutter sein wird ist vollkommen nebensächlich. Und auch der Grosse bescheinigt der neuen Flamme von Papa ein besseres Aussehen als der eigenen Mutter.

Dass Papa nicht nur fremdgeht, sondern fast immer abwesend ist, stört das innige Verhältnis der Jungs zu ihrem Vater interessanterweise (und für alle Frauen in ähnlicher Lage frustrierenderweise) nicht. Leon hat Papas (in Anlehnung an das Vlies gelben) Pulli geklaut, um gelegentlich daran zu riechen, und die Jungs üben sich im Schwertkampf, um ihren Daddy zu beeindrucken.

Höchst beeindruckend, dass bei dem ganzen Trubel die Jungs nicht nur ganz nebenher den kompletten Argonautenmythos nacherzählen, sondern den gesamten Text ungekünstelt und praktisch fehlerfrei abliefern. Da hatte Barbara Horvath als Medea wesentlich mehr Mühe.

Fazit: Ungewöhnliche Kind-Perspektive des Medea-Mythos. Für Scheidungsgefährdete ein Muss.

Alice Matheson

 

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