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BASEL/ Theater/ Grosse Bühne: LA TRAVIATA – Premiere

20.11.2021 | Oper international

Basel: Theater Basel – Grosse Bühne: Verdi “La Traviata” – Benedikt von Peter (Regie) – Tito Ceccherini (musikalische Leitung)

 – Premiere 14. November 2021

Nach innen gekehrt und ohne Champagner

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Foto: Ingo Höhn

Mit wem haben wir es mit der Frau, welche den ganzen Abend alleine auf der Bühne ist und die Geschichte der Kameliendame durchleidet, zu tun? Ist es einfach eine einsame Frau, welche sich so sehr in die Geschichte von Violetta Valéry hineinsteigert, um so der Einsamkeit wenigstens in ihrer Fantasie zu entkommen? Oder ist es Violetta Valéry selbst, welche in ihrer Erinnerung ihre tragische Geschichte verarbeitet – und sich den Tod herbeisehnt, wenn sie am Schluss ihrem Kleid, welches an einem Bühnengerüst hochgezogen wird, nachblickt? Wie auch immer – die Frau auf der Bühne ist währrend des ganzen Abends allein – mehr noch: sie ist gottvergessen einsam. Diese Einsamkeit schwappt beklemmend von der Bühne in den Zuschauerraum. Regisseur und Basler Theaterdirektor Benedikt von Peter (Bühne: Katrin Wittig, Kostüme: Geraldine Arnold) hält in seiner Inszenierung, welche bereits am 17. September 2011 in Hannover Premiere feierte und in Basel ein fulminantes Comeback erlebt, das Publikum fest in den Klauen der schier unerträglichen Einsamkeit und lässt es nicht mehr los – während zweieinhalb pausenloser Stunden  (und das ist ganz schön lange …)! Verblichener Glanz ist alles, was bleibt, selbst wenn es aus dem Sinfonieorchester Basel, welches im Hintergrund der Bühne musiziert, nach Champagner und Liebe klingt. Das klingt gewollt distanziert – ja, fast schon melancholisch. Die Wirkung von Liebe, Trauer, Verzweiflung in Verdis Musik wird durch den trostlosen Plot schier ins Unerträgliche intensiviert. Nichts mit knallenden Champagnerkorken und Canapés – sondern eine knallharte Bilanz des Lebens einer Frau, welcher man nun wirklich nur Glück gewünscht hätte. Benedikt von Peters Inszenierung geniesst Kultstatus – und das vollkommen zu recht! Der Regisseur lenkt meisterhaft die Sichtweise vom «Jetset» auf das Innere der Heldin, welche, von der Gesellschaft ausgenutzt und dann fallengelassen, wie eine heisse Kartoffel, auch auf rauschenden Bällen letztendlich elend einsam ist. Glückliche Gemeinsamkeit erlebt sie für einen kurzen Moment mit Alfredo – diese Erinnerung ist in der Inszenierung an Tieftraurigkeit nicht zu überbieten.

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Foto: Ingo Höhn

Und dann die Musik! Ja, die Musik, welche durch das Regiekonzept ihren Tiefgang voll entfalten kann! Da ist das Sinfonieorchester Basel, welches unter Tito Ceccherini, herrlichsten, tiefgehenden Verdi von der Bühne zaubert! Da ist sangesfreudig der Chor des Theater Basels (Leitung: Michael Clark), welcher, wie die übrigen Solisten auch, vom Balkon bzw. der Galerie des Zuschauerraums aus singt. Vereinzelt kommt es zum einen oder anderen Wackler beim einen oder anderen Einsatz – das stört aber den gesamthaft exzellenten Eindruck der musikalischen Leistung nicht, sind doch Dirigent und Aufführende bei dieser Aufführungsart zusätzlich gefordert. Wunderbar lässt Arthur Espiritu als Alfredo seine sehr schöne, sehr gepflegte Tenorstimme strahlen, Noel Bouley gibt einen wunderbaren, ausdrucksstarken Giorgio Germont. Auch die restlichen Partien fallen in keiner Weise ab: So gefallen Ena Pongrac als Flora Gervoix, Jasmin Etezadzadeh als Annina und unser in jeder Beziehung zuverlässiger, langjähriger Sänger «für alles» – und das ist als Kompliment zu verstehen! – Karl-Heinz Brandt als Gastone bzw. Giuseppe, sowie Andrew Murphy als Dottore Grenviel bzw. Commissionario und Mkhanyiseli Mlombi als Marchese d’ Obigny. Eindrücklich ist auch Kyo Choi, Mitglied des Opernstudios OperAvenir in der Partie des Barone Douphol aufgefallen.

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Foto: Ingo Höhn

Unglaublich, was Nicole Chevalier als Violetta Valéry auf der Bühne leisten muss. Sie ist als einzige handelnde Person auf der Bühne und bestreitet im Alleingang die Darstellung, welche vom einfachen Kleiderwechsel über «Bodenübungen» bis hin zum Spitzentanz reicht. Und – scheinbar – mühelos bewältigt sie dabei den gesanglichen Part mit Präzision und überragender Emotionalität.

Die «neue» Basler Traviata – kein einfacher, aber dafür ein umso eindrücklicherer Opernabend, welcher vom Premierenpublikum gleich beim ersten Vorhang mit Standing Ovations gefeiert wird.

Michael Hug

 

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