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BASEL/ Theater/ Grosse Bühne: INTERMEZZO von Richard Strauss. Aufführung vor 50 Besuchern, damit „ausverkauft“

03.05.2021 | Oper international

Basel: Theater Basel – Grosse Bühne – Richard Strauss «Intermezzo» – Inszenierung: Herbert Fritsch – Sinfonieorchester Basel (SOB), Clemens Heil (Leitung)

 – Besuchte Aufführung: 02.05.2021

Neue Ansätze durch und durch

basse
Günter Papendell, Flurina Stucki. Foto: Thomas Aurin

Die kultur- und somit trostlose Corona-Zeit wird mit den langersehnten – wenn doch auch recht zögerlich gehaltenen – Lockerungen vorerst mal zumindest unterbrochen. Was könnte zu einem solchen Unterbruch besser passen, als ein Werk, das dann auch gerade noch «Intermezzo» heisst …

Dieses leider sehr selten gespielte Werk hat im Schaffen von Richard Strauss eine besondere Stellung inne. Mit seiner Vertonung einer privaten Anekdote versucht der Komponist mit seiner «Spieloper» einen Gegenpol zum romantischen Kunstverständnis des 19. Jahrhunderts zu setzen, ganz im Sinne der in den 1920er Jahren aufkommenden «Neuen Sachlichkeit» in der Oper.

Der Text, vom Komponisten selber verfasst – da Hofmannsthal nicht wollte und Hermann Bahr leicht entnervt das Handtuch warf – ist in Prosa – ja mehr noch – in alltäglicher Konversationssprache gehalten. Trivial? Vielleicht – besonders dann, wenn die Theaterschaffenden nichts daraus machen. So besteht durchaus die Gefahr, dass die Dialoge über weite Strecken seicht dahinplätschern. Nur die sinfonischen Zwischenspiele scheinen daran erinnern zu wollen, dass man eigentlich in einer Oper sitzt. Aber eben – obschon Richard Strauss mit «Intermezzo» einen klaren Kontrast zu z. B. «Frau ohne Schatten» setzt, bleibt «Intermezzo» ein packendes Werk mit allem, was Strauss ausmacht. Man muss eben nur etwas daraus machen.

Vor diese Herausforderung sieht sich Regisseur Herbert Fritsch gestellt. «Was habe ich da nur zugesagt?» lässt sich der Regisseur im Interview im Programmheft zitieren. Alltagsdialoge, welche den Eindruck erwecken sollen, die Sängerinnen und Sänger singen gar nicht … Gesungenes Schauspiel mit Zwischenspielen als Bühnenmusik … Das mag auf der einen oder anderen Aufnahme wohl so rüberkommen, wird aber dem Werk kaum gerecht. Also sucht Herbert Fritsch für seine Inszenierung – wie Richard Strauss bei der Komposition – neue Ansätze, eine neue Dynamik. Der Regisseur arbeitet die Höhen und Tiefen von Text und Musik heraus und schafft zudem viel Raum und Kraft für das Spiel. Da hat es sich rasch ausgeplätschert – wir entdecken facettenreiche Strauss-Musik, mit der Text und Spiel gleichziehen. Herbert Fritsch lässt die Dinge, welche dargestellt werden, aus den Darstellern entwickeln und verfestigt sie dann. Dadurch erhält auch die kleinste Rolle eine starke, eindrückliche Persönlichkeit. Das Bühnenbild (stammt vom Regisseur selbst) besteht aus einer grossen Fläche mit einem rosa Flügel drauf. Darüber prangt ein riesiger Lampenschirm. Es ist klar: die Komödie ist «Bürgerlich». Propper, wie Doris Day & Co. kommen auch die Personen daher (herrliche Kostüme: Victoria Behr). Eine Hommage an das brave, gutbürgerliche Leben der 50er-Jahre. Ironisierte Bürgerlichkeit eben.

Von den Sängerinnen und Sängern wird in jeder Beziehung sehr viel abverlangt. Mimik, Tanzen, an leicht Akrobatisches grenzendes. Alles muss gespielt werden – denn es fehlen jegliche Requisiten. Toll einstudiert ist die Eislaufszene, in welcher Baron Lummer Eisschnelllaufen mit Eiskunstlaufen kombiniert und mit durchaus riskantem Ansatz einen Dreiersprung wagt. Grandios dargeboten auch die Walzerszene – kein Wunder, wirkt hier als «Walzerberater» der ehemalige Klasse-Solist Armando Braswell, der nun nach seiner Bühnenkarriere bei der hiesigen Ballettcompagnie mit riesigem Erfolg eine eigene Tanzschule in Basel betreibt. Und dann wird ja auch noch gesungen. Und zwar so, dass die Nuancen der Musik voll zum Tragen kommen.

Musikalisch bleiben an diesem Abend keine Wünsche offen. Alle Sängerinnen und Sänger sind sanges- und spielfreudig bei der Sache. Elegant, mit gepflegter, schön geführter Baritonstimme gefällt Günter Papendell als Hofkapellmeister Robert Storch. Die Schweizer Sopranistin Flurina Stucki begeistert als Christine, der Frau Robert Storchs. Diese Christine ist eine veritable «Mörderpartie», beinhaltet sie doch alles, was Strauss so zu bieten hat und würde bei ihren Ausbrüchen glatt als keifend-streitlustige Elektra oder bei den melancholischen Stellen als traurige Marschallin durchgehen. Die junge Sängerin schöpft das Potential ihrer schönen Stimme perfekt aus, geht aber nie über die Grenzen hinaus. Herrlich auch der Tenor Michael Laurenz als Baron Lummer. Mit strahlender, lyrischer Stimme umwirbt er Christine. Die wirklichen Absichten des Barons – nämlich durch Christine an Geld zu kommen – «verrät» Laurenz durch seine Mimik und Körpersprache und stellt damit seine grosse zusätzliche Begabung als Charakterdarsteller unter Beweis. Urkomisch gerät Kali Hardwick (Mitglied des Opernstudios) die Rolle der Kammerjungfer Anna bei der Gratwanderung zwischen totaler Verunsicherung – Nervenzusammenbruch und absolutem Wahnsinn. Ein kleines Highlight für sich stellt Moritz Emil Rehlen als Franzl, der Sohn der Storchs, dar. Beeindruckend, über welche Bühnenpräsenz der Junge bereits verfügt, und wie sicher und selbstverständlich er sich auf der Bühne bewegt. Den stärksten Moment hat er, wenn er sich am Ende des ersten Aktes von seiner Mutter Christine, welche Papa Robert verlassen möchte, abwendet. Hubert Wild (Notar / Justizrat), Jasmin Etezadzadeh (Frau des Notars), Karl-Heinz Brandt (Kapellmeister Stroh – eine Paradepartie für den vielfältigen Sänger!), Andrew Murphy (Kommerzienrat), Mkhanyieseli Mlombi (Kammersänger), Ena Pongrac (Resi) und Raphael Clamer (Diener) vervollständigen mit ihren tollen Leistungen diesen herrlichen Abend.

Sie haben ihn einfach drauf, den Strauss – das Sinfonieorchester Basel (SOB). Unter der konsequenten Leitung von Clemens Heil zaubern das Orchester wunderbare, fein differenzierte Musik aus dem Orchestergraben. Die sinfonischen Zwischenspiele sind ein absoluter Hörgenuss mit grossen Klangbogen und sensiblen Nuancen. Für die Sänger erweist sich das SOB als verlässlicher Partner – nie wird Gesang durch Klangwogen überdeckt. «Miteinander Musizieren» scheint hier die Devise zu sein.

Hier wurde alles richtig gemacht: «Intermezzo» gerät am Theater Basel zur längst überfälligen
(Wieder-)Entdeckung einer zu Unrecht selten gespielten und unterschätzten Oper.

Die 50 Besucher (das bedeutet aus aktuellen Gründen «ausverkaufte Haus») danken mit kräftigem Applaus und Bravorufen den Aufführenden für diesen aussergewöhnlichen Opernabend.

 

Michael Hug

 

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