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BASEL/ Theater Basel/ Kleine Bühne: KASIMIR UND KAROLINE. Premiere

27.11.2014 | Theater

Basel: Theater Basel – Kleine Bühne – Ödön von Horvath: „Kasimir und Karoline“  – Premiere vom 27.11.2014

 Von der Übermacht der Bilder

 „Meine Arbeit: Bilder, Bilder, Bilder. Atmosphäre.“, so Regisseurin Ulrike Quade im Programmheft zu ihrer neuesten Produktion, welche zugleich ihre erste Arbeit am Theater Basel ist. Die Regisseurin bindet dabei künstlerisch ihre eigene „Ulrike Quade Company“ eng in das Projekt mit ein. Ihre theatralische Sprache sind Bilder mit Menschen und Puppen, welche sie als „Vergrösserungen von dem menschlichen Zustand, in dem die Leute sich befinden“ verstanden haben will. In Horwaths „Kasimir und Karoline“ findet die Theatermacherin viele Figuren und noch mehr textliche Anspielungen, welche sie in „ihre“ Bühnensprache übersetzen kann. So sind Personen mit Bulldoggenköpfen und weitere Merkwürdigkeiten allgegenwärtig. Der Kommerzienrat Rauch wird durch eine zwergwüchsige Puppe mit teuflischem Gesichtsausdruck verkörpert. Diese Puppe ist dermassen genial-scheusslich geraten, dass es einem bei deren Anblick Kälteschauer der Rücken rauf und runter jagt. Überhaupt hat Matt Jackson mit sämtlichen Puppen schauerliche Meisterwerke geschaffen. Horvaths Regieanweisung, dass das Stück „in unserer Zeit“ spielt, nimmt Frau Quade (zu) wörtlich: Kein Oktoberfest, dafür ein schummrig-kalt ausgeleuchteter (Licht: Heidvögelin Lights) Discoclub (Bühne: Floriaan Ganzevoort), in welchem die Gäste zu erschlagend-lautem Beat (Musik: Jannik Giger, Lukas Huber) mit den sich ewig wiederholenden abgehackten Bewegungen (Choreographie: Joost Vrouenraets) abtanzen – eben so, wie man das heutzutage beobachten kann. Im Hintergrund beobachtet ein Esel (Kostüme: Jacqueline Steijlen) das Geschehen. Ulrike Quade setzt mit ihrer Inszenierung stark auf die Visualisierung des Textes bzw. einzelner Aussagen daraus. Dieser Ansatz ist nicht schlecht. Nur darf dabei nicht vergessen werden, dass der Regisseur dem Stück zu dienen hat – und nicht umgekehrt. Und genau da liegt hier der Hund begraben: Je weiter die Geschichte vorankommt, desto mehr lässt sich Frau Quade in den Strudel der Gewalt hineinziehen. So gerät die Aufführung zu einem sexualisierten, sadomasochistisch-brutalen, actiongeladenen Bilderreigen, an dessen Ende der arme Esel auseinandergerissen wird, Blut und Eingeweide fliegen nur so herum. Am Schluss bleibt alles blutverschmiert, eine zweiköpfige Frauengestalt schwankt auf die Bühne und beisst in des Esels herausgerissenen Darm – Mahlzeit! In dieser  „Atmosphäre“ exzessiver Gewalt geraten Horwaths Text sowie dessen Aussage und Wirkung immer mehr in den Hintergrund, Regisseurin Quade setzt ihre Bildsprache und somit sich selbst über das Stück hinweg in den Mittelpunkt des Abends. Das können auch die Aufführenden Judith Strössenreuter (Karoline), Philippe Graff (Kasimir), Inga Eickemeier (Erna), Florian Müller-Morungen (Merkl Franz), Martin Hug (Schürzinger) nicht verhindern. Fazit: Wer die Schaffens- und Sichtweise der Ulrike Quade kennenlernen möchte, mag an diesem Abend viel Spannendes finden. Wer auf Horvath hofft, liest das Stück am besten bei einem schönen Glas Rotwein zu Hause – und macht sich dabei in ruhiger Atmosphäre seine eigenen Bilder.

 Michael Hug

 

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