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BASEL/ Stadtcasino: SINFONIEKONZERT (Schostakowitsch 9). Vadim Gluzman (Violine) – Aziz Shokhakimov (Leitung)

08.05.2021 | Konzert/Liederabende

Basel: Stadtcasino Basel – Musiksaal – Sinfoniekonzert «Schostakowitsch 9» – Sinfonieorchester Basel (SOB) – Vadim Gluzman (Violine) – Aziz Shokhakimov (Leitung)

 – Besuchtes Konzert 06.05.2021

Abend der Heimkehrer

Endlich ist Abtauchen in die Welt der Musik auch im Stadtcasino wieder möglich – wenn auch erst noch etwas zögerlich. Wie schon im Theater Basel, sind aufgrund der momentan geltenden Sicherheitsbestimmungen maximal 50 Zuschauer als Publikum zugelassen. Das tut der guten Stimmung beim Sinfonieorchester Basel (SOB) jedoch keinerlei Abbruch – im Gegenteil: Hauptsache, Spielen vor Publikum ist wieder möglich! Wer das Konzert nicht live erleben kann, hat die Möglichkeit es zu streamen. So bleibt der Kontakt zwischen SOB und Publikum doch weitgehend erhalten. 50 glückliche Musikfreundinnen und -freunde werden durch den künstlerischen Leiter des SOB, Dr. Hans-Georg Hoffmann, der sich darüber freut, dass endlich wieder vor Publikum musiziert werden kann, aufs herzlichste begrüsst. Zu Recht stellt er sein Unverständnis für den Umstand, dass in einem Konzert-saal, der an die 1’500 Personen fasst, nur 50 Zuhörer zugelassen sind, während im nahegelegenen Fitness-Studio 200 Leute ihre Muckis stählen dürfen, in den Raum. Hoffentlich hat diese Botschaft zuständige Gehörgänge erreicht.

Wie auch immer: Es kann wieder vor Publikum gespielt werden; das SOB und sein Publikum können allmählich wieder in den prächtigen Konzertsaal des Stadtcasinos zurückkehren – Rückkehr in die Heimat. So ist es sicher nicht nur Zufall, dass an diesem Abend das «Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 g-Moll, op.63» von Sergei Prokofiew auf dem Programm steht. 1936 kehrte der Komponist mit diesem Konzert im Gepäck aus Europa in seine Heimat, aus welcher er 1918 bei der Oktoberrevolution geflohen war, zurück. Neben der «neuen Sachlichkeit» kommen in diesem Konzert die starken Emotionen im zweiten Satz besonders schön zum Tragen. Der israelische Violinist Vadim Gluzman hat in Basel bereits im Münster mit dem Violinkonzert von Johannes Brahms begeistert und zählt somit irgendwie auch zu einer Art «Heimkehrer» – auch in dieser Hinsicht also eine Idealbesetzung. Mit äusserster Präzision und ergreifender Emotionaliät transportiert er Prokofiews Werk vom Podium ins Publikum. Mit dem virtuosen 3. Satz setzt er einen klaren Kontrast zu den feinen, zarten Klängen im wunderbaren differenziert phrasierten 2. Satz. Das SOB erweist sich unter dem usbekischen Dirigenten Aziz Shokhakimov als perfekter Begleiter. Der junge Dirigent, Preisträger des Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerbes, gibt mit vollem Köpereinsatz sein eindrückliches Debüt in Basel – auch bei ihm hoffen wir, dass er ein «Heimkehrer» in der Stadt am Rheinknie wird.

Eigentlich hätte sie ja eine Siegeshymne auf den Erfolg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg werden sollen, wenn man die damaligen Machthaber danach fragt. Der Ausdruck der Freude – diesem «schönen Götterfunken» – ist in der «Sinfonie Nr. 9 Es-Dur, op.70» von Dmitri Schostakowitsch so gar nicht pathetisch, sondern clownesk, volksnah. Das eigentlich gewünschte «Grosse» im 4. Satz wird durch das Fagott (grossartig: Solo-Fagottist Benedikt Schobel) vorerst von den fulminanten Blechbläsern aufgenommen, um daraufhin gnadenlos demontiert zu werden. Wohl wenig überraschend, hat Stalin an dieser recht schonungslosen Aufarbeitung des Krieges ohne jeglichen Personenkult kein Gefallen gefunden – kurz: Schostakowitsch fiel (zum zweiten Mal) in Ungnade und blieb dies bis nach Stalins Tod. Wie auch immer: Dem SOB gelingt mit Aziz Shokhakimov am Pult eine kraftvolle, leidenschaftliche Aufführung mit vielen grossen Bogen und ebenso vielen feinen, sensiblen Momenten – überbordend fröhlich, verzweifelt (an)klagend und zutiefst traurig. Dem Witzig-Verspielten geben sich die Musikerinnen und Musiker des SOB mit grösster Spielfreude hin. Sowohl in den nachdenklichen als auch in den quirligen Passagen brillieren die Holzbläser.

Eine in jeder Beziehung gelungene «Heimkehr» ins Basler Stadtcasino. Das Publikum verdankt diesen eindrücklichen Konzertabend mit tosendem Applaus (das war auch eine beachtliche Leistung des 50köpfigen Publikums!). Der Stream übrigens bleibt ab 7. Mai, 19.30 Uhr während sechs Monaten auf IDAGIO, Global Concert Hall, abrufbar. Unbedingt ansehen und anhören!

Michael Hug

 

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