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BASEL: SCHLAFGÄNGER – Schauspiel nach dem Roman von Dorothee Eminger. Uraufführung

25.10.2015 | Theater

Theater Basel: „Schlafgänger“, Schauspiel nach dem Roman von Dorothee Elmiger – Uraufführung, Pr. 24.10.2015

 Eigentlich handelt es sich bei Schlafgängern um Arbeiter zur Zeit der Industrialisierung, die sich ihre Betten mit anderen im Schichtbetrieb teilten. In Elmigers Roman von 2014 sind diese eher ein Haufen schlafloser Menschen, ein Logistiker, eine Schriftstellerin, ein Journalist, eine Übersetzerin, etc., die sich in kurzen Monologen, die sich aufeinander beziehen (oder auch nicht), über die Themata Fallen, Schlaf, Grenzen, aber vor allem über die eigentlichen Schlafgänger unserer Zeit, die Flüchtlinge, ergehen.

 Bewusst wird alles angeschnitten, hat alles miteinander zu tun, wird nichts zu Ende geredet: „Kann denn hier überhaupt von einem Thema gesprochen werden?“ wird zu Recht gefragt. Und genau das ist die Schwachstelle nicht des Buchs, wohl aber der Bühnenadaption von Regisseurin Julia Hölscher und Katrin Michaels: Es ist alles „in search“, verbaler Aktionismus, der im Buch durchaus zum Nachdenken anregen kann – allein im Theater kann man die Zeile nicht nochmals nachlesen. Zu viele Fakten aus zu vielen Bereichen stürmen auf den Zuschauer ein: Ein Schiffbruch in Mexiko, das Verhalten von Bienen, ein Video eines sich vom Dach stürzenden Künstlers, ein Velounfall auf der Wettstein-Brücke, der Ikaros-Mythos, Hafencontainer, das absichtliche Verstümmeln der eigenen Fingerabdrücke von Asylsuchenden, und und und…

 Dabei machen die Schauspieler (Elias Eilinghoff, Liliane Amuat, Florian von Manteuffel, Inga Eickemeier, Steffen Höld, Andrea Bettini und vor allem Cathrin Störmer) ihre Sache durchwegs gut. Und das auch noch mit vollem Körpereinsatz: Ein durchlöcherter hölzerner Steg dient als Sprungbrett in eine riesige grüne Flickendecke, in die sich die Protagonisten abwechselnd fallen lassen (Bühne: Paul Zoller). Das Sich-fallen-Lassen in den Schlaf als Auflösungsprozess, das Herausfallen aus dem Bewusstsein, ohne Gewalt über seinen Körper und Geist zu sein, der völlige Auflösungsprozess steht im scharfen Gegensatz zum „Schlafmodus“ moderner Menschen, selbst im Dämmerzustand ständig erreichbar zu sein.

 Insofern sind wir also alle Schlafgänger im Schichtbetrieb des Lebens, der Schlaf (und auch seine radikalere Form – der Tod), die einzige „anthropologische Konstante“. Der einzige Gleichmacher, dem wir alle unterworfen sind. Ob Prinzessin oder Flüchtling – im Schlaf verlieren wir uns – im Tod sogar endgültig. Keine neue Erkenntnis – aber dennoch irgendwie tröstlich.

Alice Matheson

 

 

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