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BASEL/ Schauspielhaus: DER UNAUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI von Bertold Brecht, Premiere

02.11.2014 | KRITIKEN, Theater

Basel: Theater Basel – Schauspiel Haus – Bertolt Brecht „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“  – Premiere vom 31.10.2014

 Karfiol, Karfiol, Karfiol

 Zuschauerraum und Bühne sind eins, wer will, kann auch auf der Bühne an der Seite Platz nehmen und ist direkt in das Stück integriert. Wir befinden uns auf dem Platz um und in der Bar das alten Dogsborough, in welcher Karfiolschnapps und rohe Karfiolhäpppchen gereicht werden. Die eintretenden Zuschauer erhalten zur Begrüssung davon. Und dann geht er los, der aufhaltsame Aufstieg der Arturo Ui, der die Macht über den Grünzeug- und eben Karfiolmarkt an sich reissen wird. Um wen es sich bei Herrn Ui in Wirklichkeit handeln soll, wird schon sehr rasch klar, insbesondere dann, wenn man weiss, das „Karfiol“ mitunter die österreichische Bezeichnung für Blumenkohl ist. Und aus Österreich stammt ja auch der Diktator, dem Brechts Parabel gilt. Das Stück spielt zwar im amerikanischen Gangstermilieu, wer und was jedoch wirklich damit gemeint wird, ist mehr als nur offensichtlich. So können – in Brechts Text –  nicht aber in der heutigen Aufführung – auch in Uis Gefolgschaft die Schergen Hitlers erkannt werden. Regisseur Robert Gerloff setzt in der aufwändigen, durch Cornelius Hunziker gekonnt ausgeleuchteten Bühne von Gabriela Neubauer weniger auf bissige Ironie denn auf konkreten, gefälligen Klamauk und macht damit weder dem Stück, dessen Aussage noch sich selbst einen Gefallen. Selbstredend wird dabei der Stoff auch von diesem Regisseur „weiterentwickelt“ und „aktualisiert“: Vor seiner politischen Karriere macht Ui nämlich Karriere in Hollywood. In Videosequenzen von Heta Multanen , welche Meilensteine der Filmgeschichte manchmal mehr und manchmal weniger originell verballhornen, wird Uis Schauspielerlaufbahn aufgezeigt. Wir erkennen: Kunst und Politik sind eng miteinander verbandelt; Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger lassen grüssen …  Oder ist der Ausflug in die Filmwelt eine Anspielung an den deutschen Filmregisseur William Karfiol, der auch als Filmproduzent, und Drehbuchautor wirkte, bis er 1933 durch die Nazis zum „Volljude“ gestempelt wurde und dessen Spur sich danach verlor? Weiteren Bezug zu „heute“ schafft Gerloff, indem er die Geister von Uis ermordeten Gefolgsleuten, welche ihm im Traum erscheinen, als Zombies auftreten lässt. Dass diese einen gekonnten Rap à la Michael Jackson hinlegen, versteht sich wohl von selbst. „Am Schluss das illuminierte Schlusstableau: GANGSTER EROBERN DIE VORSTADT CICERO“ – eine weitere Videosequenz zieht die Terrorsysteme der jüngsten Tage durch den Kakao – es wird herzlich gelacht. Einmal mehr muss beissende, tiefgehende Ironie oberflächlichem Klamauk weichen – gut umgesetzt, zugegeben. ABER: Es ist nichts dagegen einzuwenden, sich humoristisch mit den ernsten Themen, mit welchen wir uns gegenwärtig konfrontiert sehen, auseinanderzusetzen. Nur sollte dabei nicht das Niveau von Comedyshows privater Fernsehsender erreicht oder gar noch unterschritten werden. Jan Viethen, Hans-Peter Grothe, Simon Bauer, Cathrin Störmer, Zoe Hutmacher, Marcus Rehberger und Polly Lapovskaja, welche den pasuenlosen, knapp zweistündigen Abend bestreiten, hetzen durch das Stück und raspeln zwischen der vielen körperlichen Aktion, die ihnen abverlangt wird, mehr oder weniger verständlich den Text runter. Da bildet Johannes Schäfer in der Titelrolle auch keine Ausnahme. Dem jungen Schauspieler mit grossem Potential gelingen auch die direkten imitatorischen Anspielungen an Hitler sowohl sprachlich als auch in der Darstellung nicht optimal. Polly Lapovskajas musikalische Einlagen gefallen sehr. – Mancher erfahrene, ältere Zuschauer verlässt noch während der Aufführung den Zuschauerraum. Dies ist jedoch eine Verjüngung des Publikums, wie sie sich ein Theater wohl kaum wünschen kann – selbst wenn das verbleibende jüngere (?) Publikum diesen aktionsgeladenen, oberflächlich und leider bestenfalls nur unterhaltend geratenen Abend mit kräftigem Applaus feiert.

 Michael Hug

 

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