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BASEL/ MusicalTheater: „Comedy meets Classic – Big Nightmare Music” . Sinfonieorchester Basel, Aleksey Igudesman, Violine und Hyung-ki Joo, Klavier

01.02.2017 | Konzert/Liederabende

Basel – Musical Theater Basel – Sinfonieorchester Basel – „Comedy meets Classic – Big Nightmare Music” – Aleksey Igudesman, Violine und Hyung-ki Joo, Klavier – besuchte Aufführung: 1.2.16 (einzige Vorstellung)

Sie sind wohl die zwei verrücktesten Klassik-Virtuosen der Welt. Nach Sekunden bringen sie den Saal zum Beben und reissen jeden noch so ernsthaften Klassikliebhaber vom Stuhl. Von wem ist hier wohl die Rede? Natürlich von dem Geiger Aleksey Igudesman und dem Pianisten Hyung-ki Joo. Nach zahlreichen Aufführungen rund um den Globus, (unter anderem spielten sie schon in New York, Wien und Moskau) verschlägt es die beiden Ausnahmetalente schliesslich auch nach Basel. Begleitet werden sie von dem Sinfonieorchester Basel (SOB), welches an diesem Abend das Publikum von einer nie gekannten Seite überrascht und begeistert.

Zu Beginn muss jedoch gleich gesagt werden, dass man den Abend nicht als ein sonderlich ernstzunehmender Anlass verstehen sollte. In Anbetracht des solistischen Könnens von Igudesman und Joo, wird das Publikum jedoch mehrmals Zeuge musikalischer Glanzeinlagen, welche jedoch so humorvoll und selbstverständlich präsentiert werden, dass sie manchmal gar nicht richtig auffallen. Das Programm ist von der ersten bis zur letzten Minute gefüllt mit humorvollen Einlagen des Musikerduos, sowie des gesamten Orchesters. Letzteres ist jedoch nicht einfach nur Beilage, welche ein paar Musikstücke stimmig untermalt. Ganz im Gegenteil. Das zahlreich besetzte Orchester wird von den beiden Solisten gekonnt in das Programm eingebaut. Das Wechselspiel funktioniert wunderbar. Das SOB – übrigens an diesem Abend uneinheitlich bunt mit Jeans und Frack bekleidet – zeigt sich von einer sehr spielfreudigen und experimentellen Seite. So weint zum Beispiel das gesamte Orchester zusammen mit den beiden Solisten zu einem vermeintlich traurigen Lied, was vom Publikum mit Lachsalven gewürdigt wird. Das Orchester tanzt, steppt, klatscht, schreit, lacht und muht. Kurz gesagt, es hat einen riesen Spass. Und das Publikum ebenfalls.

Der Abend beginnt mit einer Diskussion des Musiker/Komiker-Duos, welche zur Entscheidung führen sollte, ob Mozart oder die Erkennungsmelodie von James Bond gespielt werden sollte. Igudesman mit seiner Violine stimmt vehement für Mozart und sieht sich dabei einem ebenso vehement argumentierenden Joo konfrontiert, welcher mit seinem Piano für die Filmmusik des smarten britischen Geheimagenten zu sein scheint. Schliesslich gewinnt jedoch Mozart. Nach den ersten paar Noten lässt es sich Joo jedoch nicht nehmen ein paar Takte der bekannten Bond-Melodie in Igudesmans Interpretation von Mozart einfliessen zu lassen. Darauf setzt das gesamte Orchester ein und es beginnt ein kraftvoller Mix zwischen Mozart und James Bond. Die erste Gelegenheit an diesem Abend also für das SOB zu zeigen was es kann. Und es kann einiges. Besonders die Blechbläser und die Perkussion dürfen ihr Können unter Beweis stellen, was ihnen sichtlich viel Spass bereitet. Eine weitere sehr amüsante Nummer ist die Folgende: Nach den ersten paar Takten eines weiteren Mozart-Werks, welches von Igudesman wiedergegeben wird, unterbricht ihn – wer hätte es anders vermutet –  Joo, welcher ihn bittet das in a-Moll komponierte Stück in a-Dur zu spielen. Das verändert natürlich den Charakter des eher tristen Werkes, würde jedoch so eher zum fröhlichen Basler Publikum passen. Dieses Prinzip durchzieht fast den gesamten Abend ohne abgenutzt zu wirken. Selten wird ein Musikstück, welches meist klassisch beginnt, zu Ende gespielt. Stattdessen driften die Musiker in jegliche Variationen des modernen Pops oder der Filmmusik ab. Es kommen ebenfalls sinnliche Eigenkreationen der beiden Ausnahmemusiker zum Einsatz, welche vom SOB mit viel Leidenschaft begleitet werden. Klassikliebhaber kommen in den Genuss der Werke von Sergei Rachmaninow, Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, Richard Strauss, Ludwig van Beethoven und Wolfgang Amadeus Mozart. Jedoch meistens nur angedeutet, weil die Nummer anschliessend in einem virtuosen Durcheinander oder einer Slapstick-Einlage endet. Aleksey Igudesman fasziniert mit einer unglaublichen Fingerfertigkeit an seiner Geige, wobei ihm Hyung-ki Joo am Flügel diesbezüglich um nichts nachsteht. Es ist unglaublich, mit wie viel Energie, Leidenschaft, Professionalität, Leichtigkeit und komödiantischem Talent die beiden Musiker diese Aufführung bestreiten und die Zuschauer vom Staunen ins Tränenlachen manövrieren. Zwei Vollprofis, die wissen was sie tun. Begleitet von einem schwungvollen Orchester.

Das SOB überzeugt nicht nur durch seine Tanzeinlagen. Auch musikalisch befriedigt es alle Erwartungen, welche ein Besucher an ein solches Programm stellen kann. Doch an diesem Punkt müssen die lokalen Umstände zur Sprache gebracht werden. Der Musiksaal des Stadtcasinos Basel, in welchem das SOB normalerweise seine Konzerte abhält, ist vorübergehend wegen städtischen archäologischen Ausgrabungsarbeiten und Renovationen geschlossen. Als Ausweichlokalitäten dienen das Theater Basel und das Musical Theater Basel. In letzterem findet die in diesem Bericht besprochene Veranstaltung statt. Wie der Name Musical Theater bereits erahnen lässt, finden dort zum grössten Teil Musical-, Tanz- und Comedy-Aufführungen statt. Diese werden akustisch komplett verstärkt, und man hört den Gesang und das Orchester über Lautsprecher. Also keine gänzlich optimale Aufführungsstätte für das SOB. Oder nur vermeintlich? Trotz der mit akustischen Wänden ausgekleideten Bühne, müssen die Blech- und Holzbläser, sowie die Perkussion verstärkt werden. Die Soloinstrumente von Igudesman und Joo werden selbstverständlich ebenfalls verstärkt. Trotz alledem stellt sich die Klangqualität der Lokalität als befriedigend heraus. Sehr gut zu hören sind neben den verstärkten Instrumenten die Bassgeigen und Celli. Die ersten Violinen werden dagegen oft vom Gesamtklang verschluckt und auch die Holzbläser haben Mühe, sich ihren Weg durch den satten Klangkörper des SOB schlagen. Trotzdem: Es kann mit beruhigtem Blick auf weitere Konzerte im Musical Theater Basel geschaut werden.

Zusammenfassend kann durchwegs positives über „Big Nightmare Music“ berichtet werden. Ein voller Erfolg seitens des Orchesters und den beiden Ausnahmetalenten Igudesman und Joo. Das Publikum geht selten so breit lächelnd von einem Konzert nach Hause. Jedoch ist die Jugend der grösste Erfolg des Abends. Der Abend wird nämlich von vielen Schulklassen und anderen jungen Leuten besucht. Die Möglichkeit durch solche Anlässe Jugendliche für die klassische Musik zu begeistern ist sehr wichtig und muss viel mehr über solche Wege in Betracht gezogen werden. Dies gelingt dank dem Musikerduo und dem SOB vorzüglich.

Philipp Borghesi

 

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