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BASEL: LES CONTES D’HOFFMANN. Premiere

21.09.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Theater Basel:   Les Contes De Hoffmann

 Regie  Elmar Goerden   Premiere 17. September 2014

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Sunyoung Seon, Agata Wilewska,   © Tanja Dorendorf                          

 „Kennen Sie Hoffmanns Erzählungen?“ “ Sehr gut, Ja!“ „Welche Fassung denn?  „????“
Es gibt keine von Jacques Offenbach selber erstellte musikalische Version. Es gibt sehr viele Bearbeitungen und Inszenierungen. Ebenso existieren unwahrscheinlich viele Notizen und Kompositionsskizzen von Offenbach. .Es gibt keine abschliessend „Richtige“ Version!

Elmar Goerden: „Hoffmann ist die Oper die wir am besten nicht kennen“! Die Inszenierung Goerdens von „Les Contes De Hoffmann“ in der Originalsprache ist eine wesentliche Neuinterpretation des Werkes.
Kühl, in die heutige Zeit versetzt kommt diese Inszenierung daher. Vorbei die Studentenfestivitäten zur Opernpause in Lutters Keller. Es wird in einer Vorortkneippe gesoffen. Verschwunden ist das physikalische Jugendstil-Kabinett Spalanzanis. Es wurde in neueste Video-Technik investiert. Vorüber die Musikabende im Hause Crespels. Antonia lebt, singt und stirbt in einer Würstchenbude der Agglomeration. Giuliettas Empfang findet nicht mehr im luxuriösen Haus statt. Das technisch-karge Umfeld einer Tankstelle bietet Platz für die Entourage. Klar, heute brauchen auch die modernen Gondeln Benzin, ebenso wie Hoffmann eigentlich neuen Antrieb bräuchte.

Ebenso wegweisend wie die Inszenierung ist der musikalische Ansatz von Enrico Delamboye. Delamboye im Gespräch: „Ich glaube wir haben eine Interpretation entwickelt, welche den Intentionen Offenbachs nahekommt und welche das Publikum nachzuvollziehen kann, eine Version, mit der wir vielleicht am wenigsten scheitern werden.“

Interessant und literarisch richtig ist, dass Hoffmann nicht nur als Haupt-Protagonist agiert, sondern auch ganz klar als Erzähler, Dokumentalist zu erkennen ist. So eröffnet er jede seiner drei Erzählungen, bringt sie zum Leben. Wenn Hoffmann nicht singt, schreibt er seine Erlebnisse auf, ist also ebenso Schauspieler wie Dichter. Ebenso wegweisend erscheint mir, dass Olympia, als eine der wenigen komischen (?) Figuren verspielt und puppenhaft dargestellt wird. Sie entfaltet sich dadurch zur überzeugenden Antagonistin der dramatischen Künstler-Figur Antonias und der Kurtisane Giulietta. Die Arie der Olympia ebenso wie jene des Franz wurde von Offenbach eindeutig mit parodistischem Einschlag geschrieben. Dadurch ergibt sich ein stark wirkendes Spannungsfeld zwischen expressiven, tragischen und karikierend-komischen Elementen.

Niklaus ist keine Hosenrolle, sondern bleibt immer die eifersüchtige, in Hoffmann verliebte Begleiterin, welche aber auch an seinem Verderben mitschuldig wird, da sie die Liebschaften hintertreibt, zu hintertreiben versucht. Die Person Niklaus/Muse geht nicht auf einen von E.T.A. Hoffmann erfundenen Charakter zurück, sondern wurde von Michel Carrés und Paul Barbier kreiert. Möglicherweise als Anlehnung an Molieres „DON JUAN“ (Sganarell) und Mozarts „DON GIOVANNI“ (Leporello). Der Gedanke ist naheliegend, da doch Stella in Don Giovanni auftritt (Les Contes de Hoffmann, erster Akt). Aus diesem Grunde ist die Interpretation von Niklaus wegweisend und absolut überzeugend.

Hoffmanns Antagonisten, Lindorf, Coppelius, Mirakel und Dappertutto sind klar als Hoffmanns schwarze Seite, als Hoffmann selber zu erkennen. Alle vier tragen dasselbe Kostüm wie Hoffmann und agieren entsprechend als „Kumpel“ von Hoffmann. Man kann dies  auch als Vorläufer von  „DR JEKYLL UND MR. HYDE“ (R.L. Stevenson, 1886) interpretieren.
Alle Personen im Werk wurden von Elmar Goerden hervorragen herausgearbeitet und charakterisiert. Die Personenführung ist absolut makellos und stringent, wenn auch gewöhnungsbedürftig, wenn man andere Inszenierungen Hoffmanns als Vergleich heranziehen möchte. Goerden verlangt von seinen Sängern und Sängerinnen sehr viel Körperarbeit. Er hat aber ein gutes Gefühl wann diese Arbeit geleistet werden kann, ohne das Singen zu beeinträchtigen.

Die musikalische Führung von Enrico Delamboye unterstützt und verstärkt die schauspielerische Leistung der Künstler und Künstlerinnen auf der Bühne und lässt meiner Meinung nach keinen Wunsch offen. Offen muss dagegen das Publikum sein, offen gegen neue Einsichten in eines der meistgespielten Werke der Opernliteratur. Enrico Delamboye und Elmar Goerden haben mit ihrem Team eine der wichtigen Inszenierungen in der Theatersaison 2014/2015 geschaffen. Was hier in Basel auf  Bühne zu erleben ist, darf, muss als „Musiktheater“ im wahren Sinne bezeichnet werden.

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Rolf Romei, Simon Bailey.   © Tanja Dorendorf

Der Tenor Rolf Romei singt und spielt Hoffmann überzeugend und spielt seine Doppelrolle als Erzähler/Dichter und als Betroffener überzeugend. Man spürt seine Entwicklung vom jugendlichen Studenten im zweiten Akt zum abgeklärten Lebemann im vierten Akt bis hin zur Apotheose als alternder, lebensunlustiger Mensch. Seine Körpersprache ist wie immer überzeugend.
Die Mezzosopranistin Solenn’Lavanant-Linke singt und spielt  Die Muse/Niklaus mit emotionaler Perfektion immer dem Szeneninhalt entsprechend und nie überspielt. Man spürt ihre Hingabe zu Hoffmann ebenso wie ihre Besorgnis und ihre Zuneigung, Ihre Eifersucht auf ihre (?) Nebenbuhlerinnen.

Simon Bailey,
der englische Bassbariton als Antagonist von Hoffman überzeugt in den Rollen von LINDORF/ COPPELIUS/ MIRAKEL/ DAPPERTUTTO. Bailey ist wie Romei ein hervorragender Schauspieler und ein wunderbarer Sänger.
Karl-Heinz Brandt als ANDREAS/ COCHENILLE/ FRANZ/ PITICHINACCIO kann sein schauspielerisches und gesangliches Talent voll ausspielen und überzeugt in allen vier Rollen.

Olympia, wunderbar inszeniert von Goerden, wird kraftvoll gesungen und gespielt von der aus Gdansk stammenden Sopranistin Agata Wilewska. Frau Wilewska gibt die parodistisch-komische Figur Olympias, lebt die Rolle wirklich und überzeugt als Puppe durch ihre Körpersprache.

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Maya Boog.   © Tanja Dorendorf

Die Basler Sopranistin Maya Boog gibt als Antonia ihr Rollendebut. Und was für ein Debut: Sie spielt und singt Antonia derart überzeugend, so echt, dass man meinen könnte sie spiele ihr eigenes Leben. Ihre perfekte Intonation, ihre klare Diktion vereint mit einer absolut perfekten Körpersprache lässt nur einen Wunsch offen: Maya Boog wieder vermehrt in Basel zu hören und sehen!
Die Stimme der Mutter, gesungen von Rita Ahonen überzeugt im Terzett mit Antonia und Mirakel.
Die Koreanerin Sunyoung Seo, dem Basler Publikum in guter Erinnerung als Elsa (Lohengrin) und Tatjana (Eugen Onegin), brilliert in ihrer Rolle als Hoffmanns dritte Geliebte Giulietta.

Andreas Jaeggi
als Spalanzani,  das OperAvenir Mitglied Kang Wang als Nathanael, Crespel wurde von Andrew Murphy gesungen. Als Schlemihl und Hermann überzeugte Zachary Altmann, auch er Mitglied im Opernstudio „OperAvenir“. Als Luther stand Eckhard Otto auf der Bühne. Die zahlreichen und anspruchsvollen Chorpartien, einstudiert vom Chordirektor Henryk Polus, wurden vom Basler Theater Chor bravourös gemeistert.
Unter der feinfühligen Stabführung von Enrico Delamboye, seines Zeichens GMD in Koblenz, musizierte das Symphonieorchester Basel SOB subtil mit hörbarer Begeisterung und hohem professionellem Können.
Bühne und Video: Silvia Merlo und Ulf Stengl    Kostüme: Lydia Kirchleitner
Choreographie: Galina Gladkova-Hoffmann 

Das Basler Premierenpublikum belohnte das Team um Enrico Delamboye und Elmar Goerden mit freundlichem, nicht allzu enthusiastischem Applaus. Sicherlich erwarteten die Zuschauer/-Innen eine der üblichen, besser bekannten Interpretationen. Frenetischen Applaus erhielten die Solisten ebenso wie der Chor und das Orchester mit seinem Dirigenten.

 Es ist so wie Goerden es ausgedrückt hat: „Es ist die Oper, welche wir am besten nicht kennen.“

Dank der Intendanz der  Theater Basel, welche eine wegweisende Inszenierung ermöglicht hat!

Peter Heuberger Basel

 

 

 

 

 

 

 

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