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BASEL: LA DAMNATION DE FAUST- Dramatische Legende von Hector Berlioz. Premiere

26.05.2014 | KRITIKEN, Oper

Basel: LA DAMNATION DE FAUST Dramatische Legende von Hector Berlioz– Pr. 25.05.2014.

 Kindsmissbrauch und Schlachthofhölle: FSK 16 in der Oper

 Dass die ungarische Puszta in der Basler Inszenierung von Árpád Schilling eher wie das Beachhouse eines espressoschlürfenden und macbooksurfenden Millionärs aussieht, stört noch nicht. Spätestens aber als der Regisseur den fröhlichen Weisen des berühmten Rákóczi-Marsches gleich mit äusserst expliziten Videosequenzen (Péter Fancsikai) eines Schweineschlachthofes entgegenwirken will, da ein fröhliches Kriegslied in unserer Zeit anscheinend politically totally incorrect ist, möchte man eigentlich den Saal verlassen.

 Um mal wirklich politisch inkorrekt zu sein: Das Einzige, das zumindest das weibliche Publikum davon abhält, ist die Hoffnung, dass das spärliche Handtuch, das Faust (Rolf Romei) praktisch während der ganzen Oper lässig um die Hüften geknotet hat, auch mal nachgibt. Leider hält es durch, trotz Stunts wie dem herabschauenden Yoga-Hund.

 Romei ist aber nicht nur der Hingucker der Produktion: Seine Leidensfähigkeit wird durch spärliche und zum Teil lächerliche (schon mal ne Arie mit Taucherbrille und Flossen gesungen?) Bekleidung stark geprüft und trotzdem ist er die treibende Kraft des Abends. Nahtlos kann er mit diesem Rollendebüt an den Erfolg in der Titelpartie des Lohengrin anknüpfen. Stimmlich überragend, vor allem in den hohen Tönen, mit beinahe makelloser Diktion, lebt diese Inszenierung vor allem von Romeis Bühnenpräsenz.

 Dass es sich hier nicht um eine Oper sondern um einen Zusammenschnitt vieler Szenen handelt, wird einem bei den weiteren Bühnenbildern (Márton Ágh) klar: Ob Luxusloft, Altar, Badewannenstätte eines Altersheims oder um- und abbaubarer Setzkasten: Die Bühnenbilder sind an sich und in sich genial, aber eben nur Bilder einer Ausstellung, verbinden nicht und erklären noch weniger. Dafür reicht auch der running gag der Badewanne nicht.

 Méphistophéles geht da im grauen Dandy-Anzug (Kostüme ebenfalls Márton Ágh) fast unter. Mehr Manager als Teufel zieht er die Fäden mit Stil aber ohne grossen Körpereinsatz (ausser wenn er als Einbrecher Marguerites Wohnungstür aufbrechen darf). Werner van Mechelen hat einen schönen, fast etwas zu lyrischen Bariton, wird aber von der Regieführung (Dramaturgie: Simon Berger) zu oft alleingelassen. Man wünscht sich die Diabolik des diesjährigen Scarpia zurück. Die Fürsten der Finsternis sind da trotz roter Handschuhe und Schweinenasen auch nicht gruseliger.

 Solenn‘ Lavanant-Linke als Marguerite singt die oberen Töne kristallklar, fast schmerzhaft durchdringend. Bei der Herausarbeitung ihrer Figur wird ihr aber ebenfalls nicht geholfen. Da hilft auch die aufgesetzt wirkende Küchenschlacht mit Faust nicht.

 Als hätte der Regisseur diesmal fast zuviel Zeit totzuschlagen gehabt, wird mit Action gefüllt, was das Zeug hält. Vervielfältigungen der Hauptpersonen eingeschlossen. Dabei sind die einzelnen Bilder durchaus kraftvoll: Faust sich mit einem jungen und einem alten Abbild von sich selbst – wie einst Aeneas mit Anchises und Askanios – über den Orchestersteg schleppend – sehenswert. Oder wie Margarethes Mutter effektvoll durch deren Tochter in Schuluniform (resp. eine jüngere Form ihrer selbst) ersetzt wird, die Faust im Laufe der Handlung auch mal vergewaltigen darf – jetzt hat auch das männliche Publikum endlich was zu gaffen.

 Allein, die Ideen laufen aus dem Ruder. Mephisto referiert über Darstellungen aus der Bibel, Margerethe schmeisst eine Party zur Kommunion ihrer Tochter/Jungform und und und. Vieles wurde da angedacht, geändert, halb ausgeführt, verworfen. Das Interview mit Regisseur und Bühnenbildner im Programmheft ist erhellend: „Wir begannen mit einer sehr anderen Idee“ scheint das Leitmotiv zu sein. So bleibt die Inszenierung eine lockere Szenenfolge starker Bilder.

Fazit: Wer keinen Anspruch auf eine zusammenhängende Story hat, nichts gegessen hat und über 16 ist, kann den Abend dann – vor allem dank der brillanten musikalischen Leitung von Enrico Delamboye und dem fantastischem Chor (Einstudierung: Henryk Polus)- doch noch irgendwie geniessen.

 Alice Matheson

 

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