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BASEL / Junges Schauspiel: HAMLET – als direkte Demokratie. Premiere

27.10.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

Hamlet als direkte Demokratie

Theater Basel, Junges Schauspiel: Hamlet. Schauspiel nach William Shakespeare, Pr. 25.10.2014

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Michêle Wegmüller, Birkan Çam. ©Simon Hallström. Abdruck mit freundlicher Erlaubnis des Photographen

 Manche Dinge sind in ihrer Urform so unerträglich gut, dass sie fast nur persifliert ertragen werden können. Dazu gehört wohl auch das beste Theaterstück aller Zeiten. Wie sollte man sonst die unzähligen Pseudostücke erklären, die nur entfernt irgendwie mit dem Hamlet-Topos zu tun haben? Ach, was sehnt man sich nach dem Brandauer in der Burg…

 Immerhin inszenieren Béatrice Goetz und Patrick Gusset so deutlich frei nach resp. von Shakespeare, dass sich dieser kaum im Grabe rumdrehen wird: Die Sprache ist – euphemistisch ausgedrückt – jung und modern (oder weniger euphemistisch: grammatikalisch fragwürdig und mit Fäkalausdrücken angereichert) und das Bühnenbild (Marion Menziger) besteht lediglich aus der sprichwörtlichen schiefen Bahn, auf die das Ensemble gekommen ist.

 Die Story beginnt mit Ophelias Begräbnis und wird mit einer Brandrede Horatios (ausgezeichnet: Tino Zihlmann) abrupt unterbrochen. Dieser redet Hamlet ins Gewissen: Immer nur Leichen. Acht pro Aufführung um genau zu sein. Und das seit 403 Jahren, macht so und so viele Tausend Leichen. Geht denn das nicht anders? Heutzutage hat man doch Alternativen, Optionen! „Wir brauchen doch keine Leichen, wir haben das Internet!“ argumentiert Horatio beinahe logisch. Gemeinsam kehren die Freunde zu jedem Punkt zurück, an dem sich Hamlet anders hätte entscheiden können. Gegen Mord und Totschlag, für das Leben. Und es klappt: Die Protagonisten überleben! Und wie! Gertrude wird Bestsellerautorin, Ophelia macht Party. Hamlet erfindet die Anti-Atombombe und Horatio wird DJ-Rapper MC Horatio.

 Auf dem Weg zu ihren neuen Karrieren liefern die Protagonisten einige starke Szenen ab: Hamlets (Jonathan Hug) „Irrsinnsszenen“ sind fantastisch, der lakonische, von Hamlet als „Affenkönig“ bezeichnete König Claudius (Birkan Çam) verwandelt sich langsam aber lautstark in einen solchen und Königin Gertrude (Fiona Schreier) rutscht effektvoll die schräge Rampe in ihrem riesigen schwarzen Samtrock (schöne Kostüme von Eva Butzkies) rauf und runter. Neben Jonathan Hug brilliert vor allem auch Michèle Wegmüller als Ophelia, die vollen Körpereinsatz zeigt, herrlich verrückt und derb sein darf und Hamlet schon mal als „Arschloch“ bezeichnet.

 Pech nur, dass der Geist von Hamlets verstorbenem Vater alias einer Stimme aus der Lautsprecherbox seine Rache einfordert. Und dies perfiderweise – doch in der Schweiz ganz passend – durch direkte Demokratie. Die Zuschauer sollen durch Handzeichen zwischen dem blutigen Shakespeare-Ende und den Alternativkarrieren der Protagonisten wählen. Natürlich wählen sie ersteres. Nach langer Beratung kommt man zum Entschluss, dass der Tod zumindest wehtun muss. Ein Spielzeuggewehr mit Glasmurmelgeschoss wird geholt und einer nach dem anderen erschossen.

 Florence Ruckstuhl (Dramaturgie) verlangt den jungen Schauspielern einiges ab, mal mit mehr Erfolg, mal mit weniger. Schwierigkeiten dürfte vor allem der völlig neue Text gemacht haben. Dieser ist an sich nicht schlecht, aber auf Dauer nur schwer verdaulich. Kleine Kostprobe gefällig? Horatio: „Kotz auf Sein oder Nichtsein. Man ist so oder so. Und wenn du tot bist, bist du immer noch, zwar tot, doch bist du was und das bist du.“ oder Hamlet: „Sinn oder Nichtsinn, Unsinn, Asinn, Nonsinn, Desinn, das also ist es, das ist das, was die Frage also ist, ist sie’s also? Wahnsinn.“ Nein, schlecht gespielt ist es nicht. Und auch nicht ganz uninteressant. Aber tatsächlich ist man irgendwann froh, dass der Rest des Abends Schweigen ist.

 Alice Matheson

 

 

 

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