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BASEL/ Große Bühne: SLEEPING BEAUTY von Alejandro Cerrudo. Uraufführung

11.03.2016 | Ballett/Tanz

Basel: Theater Basel – Grosse Bühne – Ballett Basel – Alejandro Cerrudo „Sleeping Beauty“ – Sinfonieorchester Basel – Thomas Herzog, musikalische Leitung  –  Uraufführung, 10.03.16

 Der Spanier Alejandro Cerrudo präsentiert als Gastchoreograph in Basel seine ureigene Sichtweise zu „Sleeping Beauty“. Titel und die Namen der Figuren sind dann aber so ziemlich das einzige, was von der klassischen Tschaikowsky-Version übrig bleibt. Die berühmte Geschichte um die schlaftüchtige Aurora (= Dornröschen) und deren Erweckung durch Prinz Désiré entfällt; sie ist ja auch mehr als nur bekannt. Dafür entführt uns der Spanier in das Innenleben von Aurora und geht der Frage nach, was die schlafende Prinzessin wohl so alles träumt.

Die Revue der Träume beginnt nach dem Märchen-Happy End. Aurora, eine selbstbewusste, junge Frau, lebt in einer Beziehung mit Désiré, wird aus der wirklichen Welt herausgerissen und findet sich in einer Traumwelt wieder. Diese Welt verbirgt sich hinter einem Kettenvorhang und besteht aus hängenden Wänden, welche gepolstert sind und sich durch Drehung in Spiegel verwandeln (Bühne: Bruno de Lavenère). Licht (David Debrinay) und Videoprojektionen (Etienne Guiol) entführen den Zuschauer in eine surreal-fantastische, stimmungsvolle, unheimlich-faszinierende Traumwelt.

Der pausenlose, 90minütige Abend beginnt in der realen Welt, Désiré und Aurora feiern mit Freunden. Dabei beginnt sich bereits wenig choreographische Vielfalt abzuzeichnen. Cerrudo setzt vermehrt auf Posen und Hebungen; virtuose Schrittvielfalt fehlt. Zwar betont der junge Choreograph einige musikalische Effekte, dazwischen jedoch wird mehrheitlich gerannt, gerutscht, gehoben.

Das Ballett Basel lässt sich auch auf diese choreographische Sprache ein und setzt sie gekonnt um. Schade, dass die Compagnie ihre grossen tänzerischen Möglichkeiten nicht ausspielen darf. Schade auch, dass Alejandro Cerrudo mehr auf brillante optische Bühneneffekte als auf tänzerische Zauberträume setzt. Die optische Umsetzung gelingt jedoch perfekt – selten taucht man wohl in so stimmungsvolle Märchen-Albtraumwelten ein. Besonders stark sind die Traumsequenzen, welche sich hinter dem Kettenvorhang abspielen. Da tauchen von irgendwoher Figuren auf und verschwinden irgendwohin – nicht greifbar, nicht deutbar und doch irgendwie so vertraut – wie im Traum eben. Bühnen- und Lichttechnik sowie die fantastischen Videoprojektionen leisten meisterhaftes! Aber eben: Tanz und eigentliches Ballett geraten flach und oberflächlich. Und so ist das ganze denn auch mehr eine Art Kunst-Performance als eine Ballettaufführung.

Ayako Nakano und Frank Fannar Pedersen holen als Aurora und Désiré alles heraus, was es aus dieser mageren Choreographie herauszukitzeln gibt, und verwandeln es in tänzerisches Gold. Die Erweckung Auroras durch Désirés Kuss gerät recht spektakulär, weil Tänzerin und Tänzer in dieser Szene einander während Minuten an den Lippen kleben – einer der wenigen choreographisch originellen Einfälle des Abends.

Aus dem Orchestergraben gibt es ausschliesslich erfreuliches zu berichten. Tschaikowsky – „Dornröschen“ lässt nur mit „Le chat botté et la chatte blanche“ grüssen – Glass, Sibelius, Aubry geben sich hier ein stimmungsvolles, musikalisches Stelldichein, ergänzt durch Übergangsmusik von Thomas Herzog. Das Sinfonieorchester Basel präsentiert sich unter dem Dirigat von Thomas Herzog in bester Musizierlaune.

Der bildstarke, musikalisch hochstehende, tänzerisch jedoch flache Abend wird vom Publikum mit freundlichem Applaus verdankt.

 

                                                                                                                      Michael Hug

 

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