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BASEL: CHOWANSCHTSCHINA. Schmerzhafte Feuerprobe. Premiere

25.10.2015 | Allgemein, Oper

Basel: Mussorgski: „Chowanschtschina“, Premiere am 22.10.2015

Schmerzhafte Feuerprobe

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Vladimir Matorin. Foto: Simon Hallström

Die Premiere der selten gespielten da aufwändigen Oper war gleichzeitig der Saisonstart des Theaters Basel und die Feuerprobe für den neuen Intendanten Andreas Beck und die neue Operndirektorin Laura Berman. Der Abend wurde also mit Spannung erwartet, hielt aber, was er versprach. Die Musik in der hier verwendeten Variante ist eigentlich eine Kooperation dreier russischer Komponisten, da Mussorgski während der Arbeit darüber verstarb, sodass Igor Strawinsky die Oper vollenden musste und Dmitri Schostakowitsch sie später noch instrumentierte. Dies wertet allerdings die eher triste Musik von Mussorgski durchaus auf.

Zum Erfolg des Abends trägt auch bei, dass die Inszenierung dieser zutiefst russischen Oper zu einem grossen Teil wirklich von Russen getragen wird. Allen voran von dem jungen russische Regisseur Vasily Barkhatov, der hier zum ersten – aber wohl nicht zum letzten Mal – in Westeuropa inszeniert. Zeitlos lässt Barkhatov auf Gleisen, Bahnüberführungen und in Wartesälen (ausgezeichnete Bühnenbilder des Weissrussen Zinovy Margolin) warten, flüchten, kämpfen und sterben. Zeitlos auch die Kostüme (Olga Shaishmelashvili): Moderne Tarnanzüge und Kosakenhauben, moderne Trolleys neben Pelzen generieren einen Hauch Russland, ohne zeitlich noch örtlich wirklich festzulegen.

In den Wirren nach dem Tod des Zaren Fjodor III. kämpfen viele um die Macht, so auch Iwan Chowanski, nach dessen Putschversuch die „Affäre Chowanski“ benannt ist, wie der Operntitel auch übersetzt werden kann. Der russische Bass Vladimir Matorin singt die Rolle mit wohltönender Stimmer und schauspielerischer Glanzleistung, allerdings in Klarheit der Diktion gelegentlich so, als hätte er sich vorher ein paar Vodkas hinter die Binde gekippt. Nicht dass das den Auftritt unglaubwürdiger gemacht hätte… Seinen Sohn Andrei verkörpert Rolf Romei überzeugend, allerdings auch mit einer wohl der Rolle verschuldeten Schwächlichkeit. Dmitry Golovnin – wieder aus Russland – singt die Rolle des Fürsten Golizyn, des Liebhabers der Zarewna, souverän. Ebenso überzeugt der weissrussische Bariton Pavel Yankovski als entmachteter Bojar Schaklowity, allerdings hatte Beck diesen sowie Karl-Heinz Brandt als Schreiber vor Beginn der Vorstellung als indisponiert entschuldig.

Die Stimme des Abends gehört jedoch dem russischen Bass(-Bariton) Dmitry Ulyanov als Dossifei, dem geistigen Anführers der „Altgläubigen“, der zu Recht den meisten Applaus abräumt. Die heimliche Hauptrolle der Oper kann hingegen wiederum Marfa zugesprochen werden, der ehemaligen Geliebten von Andrei, die diesen immer noch leidenschaftlich liebt. Die bulgarische Mezzosopranistin Jordanka Milkova singt die Rolle mit Temperament, wenn auch mit etwas belegter Stimme. Ihre Rivalin Emma wird von der amerikanischen Sopranistin Betsy Horne etwas schwachbrüstig gesungen, vor allem im Vergleich mit der Tasmanierin Bryony Dwyer, die als Susanna bleibenden Eindruck hinterlässt.

Die wichtigste Rolle hat aber in dieser „Volksoper“ das Volk, für die riesigen Menschenmassen wurden Chor und Extrachor benötigt, das Ergebnis beeindruckt. Nicht weniger die Leistung des – diesmal ukrainischen – Dirigenten Kirill Karabits, dem das Lob gebührt, dieses Mammutwerk heil durch den Abend gebracht zu haben.

Die Umbauten zwischen den Akten dauern etwas lang, Videos aus der Perspektive von fahrenden Zügen durch ewige Schneelandschaften vermehren noch das wohl gewollte Unbehagen. Russland ist gross, die Reise lang. Man ist immer unterwegs, nie angekommen, Assoziationen mit den aktuellen Flüchtlingsströmen drängen sich auf. Glaubenskriege? Machtkämpfe nach Machtvakuum? Das Volk als Leidtragender dieser Machtkämpfe? Nur Flucht oder Tod als Ausweg? Die unverhoffte Aktualität dieser Inszenierung ist schmerzhaft.

Alice Matheson

 

 

 

 

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