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BASEL: BALLETT „SNOW WHITE“ Uraufführung

Basel: Theater Basel – Grosse Bühne – Ballett Basel: Snow White – Uraufführung 14.12.2013

 „Es ist die Lust am Geschichtenerzählen, die mich immer wieder packt und dazu veranlasst, ein abendfüllendes Handlungsballett zu choreographieren.“, so Richard Wherlock, Direktor und Choreograph des Balletts Basel im Programmheft zu seiner neuen Ballettproduktion „Snow White“ am Theater Basel. Besagte Lust hat Meister Wherlock in diesem Fall besonders stark gepackt – denn seine neuestes Werk gelang zu einem grossen Wurf wie schon lange nicht mehr. In seiner gut zweistündigen Choreographie erzählt er klar und schlüssig Schneewittchens Geschichte: Es beginnt eigentlich traurig. Die Amme beklagt mit dem frisch geborenen Schneewittchen in den Armen den Tod der Königin, welche die Geburt nicht überlebt hat. Schneewittchen wächst unter der Obhut ihres Vaters, dem König, zu einer hübschen jungen Frau heran. Dies erweckt eben die Eifersucht ihrer Stiefmutter, welche den Anspruch für sich erhebt, die schönste Frau im Land zu sein. Ihr Spiegel belehrt sie jedoch eines besseren – Schneewittchen hat ihr den Rang abgelaufen! Schneewittchen versucht immer wieder, die Liebe und Zuneigung ihrer Stiefmutter zu gewinnen, deren Neid jedoch treibt diese zum äussersten: So erteilt die Königin dem Jäger, der zwischen den Fronten steht, den Auftrag, die schöne Prinzessin im Wald umzubringen. Dies bringt jedoch der Jäger nicht übers Herz, so bleibt einzig der Straftatbestand der Aussetzung erfüllt. Schneewittchen übelerlebt und findet Unterschlupf bei den sieben Zwergen. Inzwischen erfährt nun auch die Königin, dass sie auch diese Runde im Schönheits-Contest verloren hat, greift nun selber ein und versucht, die verhasste Stieftochter mit Seil, vergiftetem Kamm und Apfel loszuwerden. Das alles gelingt nicht, denn immer wird Schneewittchen durch die Zwerge, den Jäger oder im letzten Versuch durch den Prinzen in Zusammenarbeit mit den Zwergen gerettet. Am Schluss gibt es auf des Königs Schloss das frohe Wiedersehen zwischen dem König und seiner vermissten Tochter. Schneewittchen, welche ja während ihres ganzen Lebens auf ihre Mutter verzichten musste und sich so sehr eine wünschte, verzeiht ihrer Stiefmutter und versucht sich mit ihr zu versöhnen. Die Stiefmutter, mittlerweile wahnsinnig vor Eifersucht, weist sie brutal zurück und tanzt sich zu Tode. Richard Wherlock lässt seine Choreographie so enden, wie die Märchen in der Regel immer enden: Bitterböse. Hauptschwerpunkt seiner Arbeit ist das Verhältnis von Schneewittchen zur Stiefmutter. Die junge Prinzessin, welche sich so sehr eine Mutter wünscht, kann nicht verstehen, warum sie von ihrer Stiefmutter so gehasst wird. Mehr noch – Schneewittchen bringt ihrer Stiefmutter alles verzeihende Kindesliebe, welche jedoch nie erwidert wird, entgegen. So bleibt am „glücklichen“ Ende der Prinzessin Enttäuschung darüber, dass sie nach der Königin Todestanz, den Kampf um deren Liebe für immer verloren hat. – Richard Wherlock erzählt diese Geschichte klar und transparent mit viel Liebe zum Detail und herzlich viel Humor. Er lässt alles, was kitschig sein könnte weg, ohne dabei jedoch etwas von dem Märchenzauber, den wir ja alle lieben, zu verlieren. Es entsteht ein Ballettabend für jung und alt. Meister Wherlock choreographiert sein Schneewittchen zur Musik von Dmitri Schostakowitsch. Zentrales musikalisches Werk ist „Das Mädchen und der Rowdy“ und beweist damit einmal mehr ein geschicktes Händchen. Die Stücke sind melodisch und somit auch für Kinder – oder „Schostakowitsch-Anfänger“ – verständlich und machen Lust auf mehr – viel mehr!! Mit dieser Musikwahl fordert Meisterchoreograph Wherlock dem Ballett Basel das äusserste ab. Zudem entwickelt er seine Tanzsprache weiter, bleibt aber dabei seinem Grundsatz, jeder Tänzerpersönlichkeit (und der Musik!) gerecht zu werden, absolut treu. So schreibt er jedem Tänzer die Rolle auf den Leib – und sei der Part noch so klein! Fantastisch gerät ihm das bei den sieben Zwergen – ein choreographisches Fest für die grossartigen Tänzer Cédric Anselme-Mathieu, Diego Benito Gutierrez, Armando Braswell, Sergio Bustinduy, Joaquin Crespo Lopes, Jorge Garcia Pérez und Javier Rodriquez Cobos und eine riesen Gaudi für das Publikum! Als kindlich verspielte Snow White brilliert Andrea Tortosa Vidal, dämonisch und bedrohlich steht ihr Debora Maiques Marin als Königin gegenüber. Die beiden Tänzerinnen verknüpfen perfekt klassisches und modernes Ballett miteinander und beeindrucken in Technik, Darstellung und Emotion. Der Jäger, welcher sich nicht so recht zur Königin bekennen kann – und am Schluss dann doch wieder „zur richtigen Seite“ zurückkehrt, findet in Marius Razvan Dumitru einen ausgezeichneten tänzerischen Darsteller. Humoristisch heldisch Julian Juarez Castan als Prinz und majestätisch würdig Alsessandro Schiattarella als König. Eindrücklich beginnt die Aufführung mit der in jeder Beziehung brillianten Kihako Narisawa als Amme. Genial gelöst wird das Bühnenbild durch Bruce French. Auf der in weiss gehaltenen Bühne steht nämlich nichts, ausser eine Wand, welche sich durch die fantastische dreidimensionale Lichtprojektionen des Lichtdesigners Jordan Tuinman in das Zwergenhäuschen oder eine überdimensionierte Kommode verwandelt. Das Herbeischaffen der übrigen wenigen benötigten Requisiten, wie zum Beispiel dem Bett, wird geschickt in die Choreographie eingebunden. Wird die Wand hochgeschoben, wird eine Bühne frei – das Gemach der Königin mit dem Spiegel, welcher, wie jeder Zauberspiegel (mittels eindrücklichen Videoprojektionen von Tabea Rothfuchs) mehr preis gibt als nur das eigene Spiegelbild. Der Wald schwebt bei Bedarf über dem Geschehen – es bleibt massenhaft Platz für die Tänzer und deren Tanzkunst – und diese nützen das voll aus! Die Räume werden durch das Lichtdesign gestaltet – ebenso die Stimmungen! So wird die Bühne bei wachsender Wut der Königin immer furchterregender und aggressiver knallig, schier unerträglich rot ausgeleuchtet! Farben spielen auch bei den grossartigen Kostümen von Catherine Voeffray eine grosse Rolle und bilden ein wichtiges, weiteres Erzählmittel. So wird zum Beispiel der innere Konflikt des Jägers so dargestellt, indem er einen schwarzen Anzug trägt, jedoch nur mit Ärmel am linken Arm. Am rechten ist sein weisses Hemd sichtbar. Am Schluss wird sich der Jäger des schwarzen Kittels gänzlich entledigen. Musikalisch getragen wird die Aufführung durch das Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Timothy Henty. Wir hören nicht einfach Begleitmusik sondern Schostakowitsch vom feinsten – reif für den Konzertsaal. Liebevoll, eindrucksvoll, differenziert und mit vollem Temperament wird da musiziert. Die Kommunikation zwischen Orchestergraben und Bühne klappt perfekt – die Tänzerinnen und Tänzer geben sich mit Spass und Vergnügen in die Sache ein und können ihr volles Können ungehindert präsentieren. Lange anhaltender, tosender Applaus. An der Premierenfeier dann der ehrliche und tiefempfundene Dank Richard Wherlocks. Er ist sich bewusst, dass ohne Teamwork dieser herausragende Abend nicht möglich gewesen wäre. Der Basler Ballettdirektor ist für seine Compagnie mehr als „nur“ Direktor oder Choreograph. Dieses Mehr spüren die Tänzerinnen und Tänzer. Dieses Mehr spüren aber auch die Zuschauer, welche Aufführungen mit einer fantastischen, eng in Freundschaft verbundenen hoch motivierten Compagnie, welche in jeder Aufführung ihr Allerbestes gibt, erleben dürfen.

 Michael Hug

 

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